Buchmesse - Gastland - Lieblinge des Monats Oktober
Ich nehme das Gastland seit einigen Jahren zum Anlass, mich mehr mit der Literatur von „dort“ zu beschäftigen und bin immer wieder verblüfft, wie viel es zu entdecken gibt. Meine Buchauswahl ist meist relativ willkürlich, wobei ich mich gerne von meinen Vertreter:innen informieren lasse. Und besonders lieb sind mir dabei die eher kleineren Verlage – oder zumindest die unabhängigen.
Buchmesse 2026: Tschechien
Prag, KuK, der kleine Maulwurf, Mehlspeisen und Milan Kundera – das waren die ersten Begriffe, die mir zum Buchmesse Gastland eingefallen sind. Nicht gerade viel für ein Land, dessen Grenze zu einem Drittel mit Deutschland besteht und einfach und recht schnell zu erreichen ist.
Ich nehme das Gastland seit einigen Jahren zum Anlass, mich mehr mit der Literatur von „dort“ zu beschäftigen und bin immer wieder verblüfft, wie viel es zu entdecken gibt. Meine Buchauswahl ist meist relativ willkürlich, wobei ich mich gerne von meinen Vertreter:innen informieren lasse. Und besonders lieb sind mir dabei die eher kleineren Verlage – oder zumindest die unabhängigen.
Eine Besonderheit der tschechischen Literaturszene liegt in der KuK-Vergangenheit begründet: Es gab bis Mitte/Ende des 20. Jahrhunderts nicht wenige Schriftsteller, die ihre Werke in deutscher Sprache verfassten. Da sind zum Beispiel Franz Kafka und Rainer Maria Rilke, um nur zwei äußerst berühmte Namen zu nennen. Diese Autor:innen habe ich bei meiner Auswahl außen vorgelassen, mir waren und sind die Übersetzungen wichtig, weil der Zugang zu vielen Büchern überhaupt erst durch den Gastland-Status geschaffen wurde. (Eine Ausnahme bildet die Lesereise …)
Viel Lesevergnügen und/oder Erkenntnisgewinn wünsche ich Ihnen!
Irene Hanappi: Lesereise Tschechien
Büchners „Woyzeck“ – das ist sicher keine Geschichte, die man in Verbindung mit Tschechien bringt. Und doch gibt es sie: Werner Herzogs Film mit Klaus Kinski in der Hauptrolle wurde in Telč gedreht und ist der Inbegriff der historischen Kleinstadt geworden.
In Olomouc begegnet einem die Vergangenheit auf Schritt und Tritt, auch wenn gar nicht überall ein Hinweis angebracht ist. Aber für die Einwohner ist es vollkommen normal, dass Komponisten, Schriftsteller, Philosophen ihre Stadt mitprägten und wenn man genau hinsieht, gibt es auch für Touristen genug Spuren der Vergangenheit zu entdecken.
Vítkovice war über eineinhalb Jahrhunderte das „Kohle-Zentrum“: Bereits Anfang des 18. Jahrhunderts wurde hier Kohle abgebaut und über die Jahrzehnte entstanden mit Förderbändern und Stahlwerk eine große Industrie-Infrastruktur. Als der Kohleabbau zunehmend ineffizient wurde, stellte das die ganze Region vor die Frage: Was wird mit den Anlagen, die nicht nur landschaftsprägend, sondern auch identitätsstiftend sind? Mit Visionen, kluger Planung und hervorragender Umsetzung hat man ein hochinteressantes, vielfältiges Kulturzentrum geschaffen, das unbedingt eine Reise lohnt.
Woher ich das alles weiß? Nein, eine Reise nach Tschechien hab‘ ich bisher noch nicht gemacht – aber spätestens mit der Lektüre dieses Buches ist mir das als große Lücke bewusst. Die Autorin und Journalistin Irene Hanappi hat Tschechien mit der Agenda bereist, die nicht geläufigen Orte aufzusuchen und unbekanntere Informationen über klassische Touristenorte zu entdecken. Hanappi gelingt es, Vergangenes aufzugreifen und es mit dem heutigen Stadtbild in Verbindung zu bringen. Ihre neun Kurztexte sind höchst anschaulich; dieses Buch aus der gelungenen Reihe „Lesereise“ des Picus-Verlages weckt die Reiselust – man möchte gleich buchen und die Koffer packen!
Picus Verlag, 978-3-7117-1126-7, € 18,00
Alice Horáčková: Geteiltes Haus
Benetzko im Riesengebirge: Seit Jahrzehnten leben Deutsche und Tschechen recht friedlich miteinander. Ganz reibungsfrei ist das Zusammenleben nicht, aber es gibt genug Verbindungen und Gespräche zwischen den Bewohner:innen der tschechischen und deutschen Stadtteile. Manchmal gibt es auch Freundschaften, so wie die zwischen Zdenka Honců und Anežka Braun. Dass sie Brüder heiraten, verstärkt die Freundschaftsbande, auch wenn Anežka mit Vinzenz Hollmann die schlechtere Wahl trifft …
Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war eine sehr bewegte Zeit in Mitteleuropa und das Sudetenland nimmt sich da nicht aus. Zu Beginn gehörte es zur K.-u.-k.-Monarchie, nach dem ersten Weltkrieg zu zwei aufeinanderfolgenden Tschechoslowakischen Republiken und nach dem zweiten Weltkrieg (bis zur Auflösung der Tschechoslowakei) zur dritten. Die Geschichte des Sudetenlandes ist das eigentliche Zentrum von Alice Horáčková über 700 Seiten starken Roman. Anhand der ganz unterschiedlichen, sehr plastisch beschriebenen Einwohner:innen des kleinen Ortes Benetzko, beschreibt sie, wie Politik direkten Einfluss auf das Miteinander hat. Die Freundschaft von Zdenka und Anežka zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch, ohne es auszuformulieren bietet die Autorin mit dieser Freundschaft einen zarten Ausblick auf Völkerverständigung, die ja immer vom miteinander Reden lebt.
Horáčkovás Roman ist autofiktional, heißt ihre Familiengeschichte ist direkt mit eingeflossen. Und er ist, trotz des eher nüchternen Erzählstils, hochinteressant und lesenswert. Nicht nur, wenn man sich für tschechische Geschichte interessiert.
Diogenes Verlag, Übersetzung Sophia Marzolff, 978-3-257-07400-0, € 28,00
Iva Procházková: Ein Lied für den Weg
Bei den morgendlichen Reinigungsarbeiten im Rudolphinum wird die Klarinettistin Olga Brandejsová tot aufgefunden. Auch wenn sie Stichwunden hat und viel Blut verloren, ergibt die Obduktion ein anderes Bild, sie ist vergiftet worden. Es stellt sich heraus, dass sie am Abend vorher sehr kurzfristig den zweiten Klarinettenpart in der 40. Sinfonie von Mozart übernommen hat – und die Aufführung mitten in ihrem Part verlassen hat. Niemand hat so etwas je erlebt, weder die anderen Musiker noch das Publikum. Kommissar Marián Holina übernimmt die Ermittlungen, obwohl er eigentlich noch Urlaub hat, und noch während er alle Informationen zusammenträgt, stirbt auch Erik Pilát, der erste Klarinettist, scheinbar durch Selbstmord. Gibt es eine Verbindung zwischen den beiden Todesfällen? Der Kommissar ist sich da nicht so sicher. Kurz darauf wird Piláts Frau Opfer eines Verkehrsunfalls. Holina muss einige Jahre in die Vergangenheit ermitteln, um dem ganzen auf den Grund zu kommen und die:den Mörder:in zu finden …
Diesen Kriminalroman, der im letzten Drittel Thriller-Qualitäten erreicht, habe ich sehr gerne gelesen: Die Handlung ist stimmig und spannend, die Personen nahbar und gut beschrieben. Die Autorin Iva Procházková beschreibt Prag so, dass man ihren Handelnden auf ihren Wegen folgen kann (und dabei richtig Lust auf diese Stadt bekommt), aber es ist nie zu viel „Drumherum“. Und auch die vielen musikalischen Kleinigkeiten, die Informationen und Hintergründe, sind gut verwoben und steigern den Lesegenuss. Die Reihe um Marián Holina ist jedenfalls auch eine tolle Tschechien-Entdeckung!
Braumüller Verlag, Übersetzung Mirko Kraetsch, 978-3-99200-429-4, € 22,00
Karel Čapek: W. U. R.
Helene Glory hat eine Mission: Sie möchte die Lebensumstände der Roboter verbessern. Sie kann sich nicht vorstellen, dass ein Leben ohne eigenen Willen, ohne Gefühle und die Aussicht auf ein schöneres Morgen, ein gutes Leben ist. Dass Roboter streng genommen gar nicht „leben“, obwohl Erfinder Werstand Senior sie aus menschenähnlichem Material herstellte, das ist ihr nicht beizubringen. Für Zentraldirektor Domin ist es Liebe auf den ersten Blick, und er versteht es sogar, Helene für sich einzunehmen, auch wenn sie zuerst nicht zugeneigt ist.
Das Theaterstück spielt auf zwei Zeitebenen: Die, in der Helene erstmals auf der Insel eintrifft, die die Fabrik beherbergt, und zehn Jahre später, da ist sie mit Domin verheiratet. Auf dieser Insel leben nur wenige Menschen und die obere Führungsebene der Fabrik ist genauso verliebt in Helene. Am zehnten Jahrestag gratulieren ihr alle, jeder hat ein persönliches Geschenk dabei. Doch zum Feiern kommen sie nicht – die Roboter sind aufständig und haben bereits auf der ganzen Welt sehr blutig ihre Interessen durchgesetzt. Die Insel mit der Roboterfabrik ist quasi die letzte Bastion …
Roboter ist ein Begriff, den wohl jeder kennt. Dass ihn der tschechische Autor Karel Čapek für ein Theaterstück erfunden hat, das wissen wohl nur wenige (Sie gehören jetzt dazu). Das Stück erschien im Jahr 1920 und was Čapek sich da ausgedacht hat, ist wegweisend! Er verhandelt nicht nur die Frage, ob Fortschritt immer und in allen Bereichen uneingeschränkt hilfreich ist; er bringt auch die Negativseiten des Kapitalismus ins Spiel. Und was wir Menschen zu einem guten Leben brauchen, lässt sich auch herauslesen. Die Übersetzung ist aus dem Jahre 1922, einige Szenen würden heute sicher anders geschrieben – z. B. die der „Roboter verschiedener Rassen“ wäre sicher anders erzählt und auch einige Wörter sind heute zum Glück nicht mehr im Sprachgebrauch. Aber das alles schmälert die Wucht nicht, mit der der Autor vor 100 Jahren ein Thema bearbeitet, das heute wahnsinnig aktuell ist.
(Karel Čapek ist in Deutschland übrigens für sein feinsinnig-humorvolles „Jahr des Gärtners“ bekannt, dass es in vielen Ausgaben und mit unterschiedlichen Illustrationen gibt. Es lohnt sich unbedingt, die Texte dieses Autors zu entdecken!)
Henricus Verlag, Übersetzung: Otto Pick, 978-3-8478-4974-2, € 5,80
Petra Josefína Stibitzofá & Jana Šrámková: Matilda und der rote Wolf
Matilda ist 12 Jahre alt und ihr liebster Freund ist Chili, der rote Wolf. Chili heißt so wie seine Leibspeise und lebt auf einem Hausboot, er ist freundlich und zugewandt, ein bisschen chaotisch und ziemlich verantwortungsvoll. Matildas Leben ist ziemlich typisch für ein Mädchen ihres Alters … In der ersten Geschichte fühlt sie sich bei allem ein bisschen daneben: Sie hätte gerne Locken, hat aber glatte Haare. Sie liebt die Berge, lebt aber an einem Fluss. Statt einer großen Schwester und der klassischen Kleinfamilie hat sie einen kleinen Stiefbruder und lebt bei ihrer Mama. Chili versteht das. Aber er hat auch gute Ideen gegen die Melancholie. In der letzten Geschichte ist Matilda traurig, weil ihr Vater einen Baum für den kleinen Bruder gepflanzt hat und keinen für sie. Auch hier hat der rote Wolf eine gute Idee – sie pflanzen gemeinsam Bäume für alle, die sie lieben. Und zwischendrin treffen sie Piraten und Tretbootgangster, erleiden Schiffbruch und retten Küken und noch viel mehr.
Alle Geschichten sind auf nur vier Seiten und als Comic erzählt. Die Farbwahl (nur Weiß-, Rot-, Braun- und Blautöne) ist sehr besonders und auch die Art der Illustrationen ist eher ungewöhnlich. Das ist fürs Lesevergnügen aber eher förderlich, finde ich. Denn man muss genauer hinsehen – und es gibt wirklich vieles zu entdecken! Alles ist mit reichlich Humor erzählt und manchmal spielt auch eine fantastische Erzählweise hinein.
Mir hat „Matilda und der Wolf“ sehr gefallen und ich empfehle es für Kinder ab 10 Jahren.
Achse Verlag, Übersetzung: Theresa Clauberg, 978-3-903408-51-7, € 19,50