Unsere Sachbuch-Lieblinge in 2026:
Prolog
Auch im Mai gibt es Buchbesprechungen, die
einem Thema zugeordnet sind: Vom 03.05. bis 10.05.2026 begehen wir deutschlandweit
und gemeinsam vielen anderen Buchhandlungen und Institutionen ie „Woche der
Meinungsfreiheit“, in diesem Jahr mit der Themenstellung „Was ist wahr?“.
Meinungsfreiheit ist eine Grundvoraussetzung für Demokratie. Und auch
Wissenschaft und faktenbasierte Diskussionen sind Grundvoraussetzungen für
Demokratie. Darum haben wir einige Bücher herausgesucht, die diese Themen
aufgreifen – Sie finden hier also auch Romane, die sich mit Wahrheit und
Wahrheitsfindung beschäftigen. Einige durchaus auch hinsichtlich Politik und
Gesellschaft.
Außerdem widmen wir auch unseren Mitteltisch der „Woche der Meinungsfreiheit“ –
vermutlich machen wir sogar einen ganzen Monat daraus …
Ronen Steinke: Meinungsfreiheit
Erstes Kapitel, „Streitkultur – Niemand hat
das Recht, nicht kritisiert zu werden“ – damit startet Ronen Steinkes Buch nach
ein paar einleitenden Seiten. Dann beschreibt er, kursiv gesetzt und dadurch
klar markiert, einzelne Begebenheiten und gibt im Anschluss juristische
Einschätzungen oder verweist, wenn vorhanden, auf Gerichtsurteile. Zweites
Kapitel, „Aufstachelung – Wenn schon Worte als gefährlich gelten“ – auch hier
beginnt Steinke mit tatsächlichen Begebenheiten und ordnet diese danach
juristisch ein oder nennt das Urteil. Und wie beim ersten Kapitel (und in den
folgenden vier – Blasphemie, Nazivergleiche, Beleidigung und Desinformation -
weiteren auch) erörtert er, welche Auswirkungen Veränderungen in der
Gesetzgebung und auch Rechtsprechung für die Meinungsfreiheit insgesamt haben.
Alles das ist sehr gut lesbar und sehr gut verständlich. Die genannten Beispiele sind extrem gut gewählt, weil sie nahezu alle Begebenheiten aufrufen, die wir kennen. Darum ist das Buch absolut nicht „trocken“, wie man es bei Sachbüchern ja durchaus befürchten mag.
Mich holt das Buch tatsächlich an nicht wenigen Stellen aus meiner Komfortzone:
Ronen Steinke legt absolut nachvollziehbar dar, warum es sinnvoll ist, eher
viele Aktions- und Reaktionsmöglichkeiten zuzulassen. Warum es sinnvoll ist,
eher weniger als mehr einzugreifen. Nicht selten stimme ich seinen
Einschätzungen auf den ersten Blick nicht zu. Doch die weiterführenden
Erläuterungen (was wäre, wenn es verschärft würde?) stoßen ein genaueres
Nachdenken und vielleicht eine Neuverordnung meiner Standpunkte an. Ganz im
Sinne des Autors, der Information und Diskurs als Basis der Meinungsfreiheit
sieht …
De Nichols: Auf die Straße! Kunst als Protest
„Leg los: 1. Erstelle eine List mit dir bekannten gesellschaftlichen Missständen. 2. Trommle Mitstreiter:innen zusammen. 3. Entwirf ein Protestschild. 4. Benutze alltägliche Dinge.“ Den Überschriften auf Seite 16 folgen jeweils zwei, drei Sätze mit konkreten Arbeitsvorschlägen. Damit endet das erste Kapitel dieses Buches, „Warum Kunst in sozialen Bewegungen wichtig ist“. Im zweiten Kapitel gibt es nicht nur Übersichten über alle Möglichkeiten des Protests und die Historie bereits gelungener Aktionen auf der ganzen Welt, sondern hier wird es auch ganz praktisch mit Erklärungen zu Symbolen, Farben, Typografie. Das dritte Kapitel widmet sich konkreten Personen, die mit ihrem Tun Geschichte geschrieben haben – das Kapitel endet mit „Leg los: 1. Organisiere einen Flashmob. 2. Überlege dir einen coolen Namen und ein Logo für deinen Protest. 3. Trage deine Forderungen zur Schau.“ Das vierte Kapitel entwirft Protestkunst von morgen; hier haben auch die sozialen Medien ihr Zuhause. Alle Kapitel verzichten weitestgehend auf durchgehenden Text, die Autorin De Nichols arbeitet mit Stichpunkten und kurzen Textsequenzen. Dadurch gelingt es ihr, viele Facetten von Protestkunst zu präsentieren.
Dieses Buch ist aufgemacht wie ein Jugend-Sachbuch – aber ich finde, dass wir den Protest gerade nicht nur der Jugend überlassen können oder dürfen. Die Themen, gegen die es aufzustehen gilt – allen voran Klimakollaps und Demokratiegefährdung durch rechtsextremistische Bestrebungen – werden Jugendliche in weit größerem Maße betreffen als uns. Es ist eine Frage der Fairness, mit ihnen gemeinsam Schlimmes zu verhindern. Und genau dabei hilft „Auf die Straße“ wirklich gut!
Gerstenberg Verlag, Übersetzung: Leena Flegler, 978-3-8369-6403-6, € 22,00
Maxime Rovere: Wie man mit Idioten umgeht ohne selbst einer zu bleiben
Die zweite Hälfte des Satzes hat mich stutzig gemacht – erwartet hätte ich „ohne selbst einer zu werden“. Das klingt aber ein bisschen nach 0-8-15-Ratgeber, ich hätte es also gar nicht gelesen. Mit diesem Satz jedoch hab‘ ich mir das Buch „vorgeknöpft“ und bin nicht enttäuscht worden. Obwohl (oder gerade: weil) es mich noch eine Weile und vermutlich auch immer wieder beschäftigen wird.
Maxime Rovere ist Philosoph, Übersetzer und Autor und seine Herangehensweise ist mäandernd-analytisch. Heißt: Er analysiert die Idiotie an sich und beschreibt Handlungsszenarien für den Umgang mit ihr und deren Folgen. Und immer wieder bindet er die Ergebnisse vergangener Kapitel in neue Zusammenhänge ein; dies aber nicht linear, sondern in Sprüngen und Querverweisen. Das ist nicht unanstrengend - sorgt aber dafür, dass besonders viele Aspekte des Idiotischen, auch die Eigenanteile, herausgearbeitet werden. Seine Ausführungen kombiniert Rovere mit reichlich satirischem Witz. Am Ende stehen vierzehn Thesen, jede davon schließt ein Kapitel ab; diese lassen sich mit einiger Übung ganz praktisch umsetzen. Zumindest nehm‘ ich mir das vor!
Barbara Stok: Vincent
Februar 1888, Theo und Vincent van Gogh
gehen in Paris zum Bahnhof. Vincent ist 35 Jahre alt und seit neun Jahren auf
dem Weg, Künstler zu werden. Nun hofft er auf ein gutes Leben „im Süden“, das
Licht und die Landschaft sollen ihm Inspiration sein. Tatsächlich verstärken
Landschaft und Klima seine Liebe zur Natur – er arbeitet pausenlos und
entwickelt sich weiter. Theo unterstützt ihn finanziell und nimmt als Bezahlung
die Bilder entgegen, in der Hoffnung, sie verkaufen zu können. Doch Vincents
Gesundheit ist alles andere als stabil …
Barbara Stoks Graphic Novel erzählt die kurze Spanne von Vincent van Goghs
Aufenthalt in Arles, die nur rund ein Jahr umfasst. Aber es ist das Jahr, in dem
van Gogh wie besessen malt. Es ist die Zeit in der van Gogh von seinem „Atelier
des Südens“ träumt, einer Atelier- und Wohngemeinschaft für Gauguin und andere,
die bereits einen Namen in der Szene haben. Viele der ikonischen
van-Gogh-Gemälde entstehen in dieser Zeit, die bekannten Sonnenblumen-Bilder
malte er zum Beispiel als Schmuck für Gauguins Zimmer.
Das Besondere an dieser Graphic Novel ist, dass sie mit vereinfachten, comichaften Bildern ihre Geschichte erzählt – und doch leuchtet Vincent van Goghs Können aus ihnen heraus. Barbara Stok zitiert zwischendurch immer wieder Briefe der Brüder, sodass wir Leser:innen auch viele Hintergründe erfahren. Nur das Davor und das Danach – das müssen wir uns selbst erschließen. Ein Kniff, der tatsächlich für mehr Verständnis durch selbst erarbeitetes Wissen sorgt. Dieses Buch ist weit von einer Biographie entfernt und zeigt uns doch sehr viel über den Ausnahmekünstler Vincent van Gogh.
„Rechtsextremismus bekämpfen – Was sagt die
Wissenschaft?“
„EU-Gelder für strukturschwache Regionen
reduzieren Wahlergebnis von Rechtspopulisten“, „Ausgrenzende Rhetorik stärkt
rechtsextreme Parteien“, „Inklusives Bildungsumfeld stärkt Widerstandfähigkeit
gegen Extremismus“, „Demokratiedemos führten zu mehr Engagement“,
„Austrittsgrund ist oft auch Eintrittsgrund“ oder auch „Gaming fürs bessere
Medienverständnis kann helfen“ – so überschrieben sind sechs von über 30
Studien, die fünf Mitarbeiter:innen des stabilen, sehr geschätzten
Katapult-Verlages zusammengetragen haben. Anna Hansen, Öykü Baskaya, Stefanie
Malleier, Ella Daum und Alexander Fürniß haben zahlreiche Forschungsarbeiten gesichtet,
in denen – grob zusammengefasst - untersucht wurde, wie Demokratien gegen
rechtsextremistische Einflüsse geschützt werden können. Alle Studien, die sie
in diesem Buch zusammengestellt haben, sind repräsentativ und entsprechen
wissenschaftlichem Vorgehen, sie sind offiziell veröffentlicht. Und natürlich
haben die Herausgeber:innen jeweils angegeben, wo sie komplett zu finden ist.
Warum ich dieses Buch empfehle? Weil ich kein anderes kenne, dass so gut erfassbar Forschungsmaterial bietet, dass man tatsächlich für den eigenen täglichen Umgang, z. B. mit sozialen Medien, nutzen kann. Weil es – da befindet es sich in guter Gesellschaft – persönliche Handlungsräume öffnet. Und weil ich kein anderes kenne, das so vielfältige Handlungsansätze für Lehrkräfte und Jugendbetreuer:innen bietet. Einziges Manko: Es gibt kein Inhaltsverzeichnis. Aber das kann man sich ja selbst erstellen.