Abschied und Trauer
Ein Abend mit Gabriela Enderich (Diplom Sozialpädagogin, Palliativ Care Fachkraft und Trauerbegleiterin) und Lucia Bornhofen.
Am 19. Januar 2026 gab es in der Buchhandlung eine sehr besondere Veranstaltung: Lucia Bornhofen und Gabriela Enderich hatten zu einem Abend rund um die Themenstellungen „Abschied und Trauer“ eingeladen. Es brauchte durchaus Mut dafür – niemand beschäftigt sich gerne mit Abschied und Trauer. Aber wie es so ist: Vom nicht damit beschäftigen wird es nicht besser, niemand wird sicherer im Umgang mit den eigenen Gefühlen und denen anderer.
Das Ansinnen der beiden war, eine Art Hilfestellung zu geben. Im Umgang mit kindlicher Trauer und auch mit der Trauer von Erwachsenen. Hilfestellung gegen die Sprachlosigkeit, von der man weiß, dass sie der trauernden Person noch Einsamkeit dazu packt.
Wenn ein Trauerfall eingetreten ist, ist es, wenn man nicht ganz dicht dabei ist, also nicht zu den Angehörigen zählt, schwierig, ein Buch zu Hilfe zu nehmen, das bestätigten beide Referentinnen. Das hat so was von „Komm wir setzen uns mal hin, das wird schon“. Dabei wisse man manchmal gar nicht, wo das Kind abgeholt werden kann – und ob es das überhaupt will.
Einfacher ist es, wenn Bücher zum Thema sowieso griffbereit stehen. Die Kinder müssen ja wissen, dass es überhaupt etwas gibt, dass ihre Gefühle nicht falsch sind, dass sie fragen dürfen – und auch, dass sie gut aufgehoben sind. Dieses Vertrauen in sich selbst und die Erzieher:innen baut sich nicht von jetzt auf nachher auf.
Darum gibt es hier eine vorsortierte Auswahl an Titeln, die in Einrichtungen vorhanden sein sollten:
Für die Kindergarten-Bibliothek eignen sich
„Opa und der Eisvogel“ – wir begleiten einen kleinen Jungen und seinen Opa durch ein ganzes Jahr. Wer genau hinsieht, stellt fest, dass der Großvater immer gebrechlicher wird – während sie die Natur und insbesondere ein Eisvogel-Pärchen mit seinen Küken beobachten. Dabei erklärt der Großvater, dass alles vergänglich ist, nur die Natur immer bleibt. Poetisch erzählt und zauberhaft illustriert. (Loewe Verlag, 978-3-7432-1696-9, € 15,00)
Und wenn wirklich jemand gestorben ist?
Bücher für Erwachsene
„Die kleine gute Fee und der Tod“ – hier streiten die kleine gute Fee und der Tod um einen Menschen. Der Tod will ihn zwei Tage nach der Geburt holen, die Fee handelt einen Wettkampf aus. Während die beiden diesen austragen, wird der Mensch älter und schließlich alt. Das hat etwas durchaus Tröstliches: Letztendlich sind wir immer alle sehr dicht am Sterben und doch geht es wahnsinnig oft „gut“ … (DuMont Buchverlag, 978-3-7558-2022-2, € 18,00)
„Trauern“ – ist eine Mischung aus Foto-Kunst und Texten. Viele der Fotos erlauben einen direkten Zugang – etwa wenn man Menschen sieht, die um RFK trauern. Die Texte sind Essays mit politischen oder psychologischen Einordnungen, es sind Auszüge aus Büchern, Infos über Beerdigungsrituale oder Sargschreiner – eine große Vielfalt. Das kann man unmöglich am Stück lesen. Aber immer wieder zur Hand nehmen um dem großen Unbekannten, dem Sterben, ein bisschen seiner Macht abzutrotzen, das kann man sehr gut mit diesem Buch. Es fußt übrigens auf einer Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle im Jahr 2020.
„Das Wimmelbuch vom Abschiednehmen“ – hier werden verschiedene Geschichten erzählt, die man nach und nach entdecken kann. Dabei stehen Abschiedsgeschichten (nicht nur von Menschen) neben Alltags- und sogar Glückmomenten. Nicht immer entdeckt man auf den ersten Blick, warum jemand traurig ist, das übt den genauen Blick und auch das Nachfragen. Der Verlag stellt auf seiner Homepage hilfreiches Material zur Verfügung. (Verlag Vatter & Vatter, 978-3-907340-25-7, € 24,00)
„Wieso, weshalb, warum: Abschied, Tod und Trauer“ – das ist thematisch deutlich enger gefasst als das Wimmelbuch. Diese Sachbuchreihe ist sehr bekannt und aus guten Gründen auch beliebt: Hinter den Klappen gibt es eine Unmenge zu entdecken. (Ravensburger Buchverlag, 978-3-473-32956-4, € 14,99)
„Vogel ist tot“ – kunterbunt und spärlich im Text, weit genug weg vom eigenen Erleben – wir sind nun mal keine Vögel und passiert ist das so auch noch keinem – erzählt dieses Buch von einem morgen, an dem Vogel einfach nicht mehr aufgewacht ist. Die anderen Vögel haben eine eher „robuste“ Art, damit umzugehen; und doch gibt es durchaus Trost und Hilfestellung. (Verlag Jacoby & Stuart, 978-3-964281-78-4, € 16,00)
„Mein tröstliches Buch“ – hier geht es nicht nur um Tod oder Abschied, sondern um alle Situationen, in denen wir Trost benötigen. Für den konkreten Trauerfall beginnt das Buch auch zu „speziell“, nämlich mit dem Satz „Das Leben ist schön“. Moni Port schreibt nicht poetisch oder verspielt, sondern knapp und klar; und was sie schreibt, das ist tatsächlich tröstlich! Die Bilder, Gemälde und Fotos ergänzen die Texte sehr gut und die Kombi ist für Kinder ab 5 Jahren sehr gut verständlich. (Klett Kinderbuchverlag, 978-3-954702-94-7, € 16,00)
Für die Schülerbibliothek eignen sich
Alle genannten Bücher, wobei man mit dem „Wimmelbuch vom Abschiednehmen“ tatsächlich gut auch im Ethikunterricht arbeiten kann und „Mein tröstliches Buch“ Basisausstattung sein sollte.
„Radieschen von unten“ – kaum zu glauben, aber dieses Buch verbindet Sachwissen rund um Tod, Beerdigung, Trauer mit Humor – und das ist nicht unangemessen. Die Autorin Katharina von der Gathen und die Illustratorin Anke Kuhl begegnen neugierigen Kindern auf Augenhöhe, erklären nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig. Das Buch ist klar gegliedert und man kann jederzeit aufhören, wenn es einen anficht. Und egal wann und wo wieder weiterlesen. Ab 8 Jahren geeignet und auch Basisausstattung. (Klett Kinderbuchverlag, 978-3-954702-85-5, € 22,00)
„Manchmal muss man Abschied nehmen“ – auch dieses Buch bietet Sachwissen, passt aber schon für jüngere Kinder, weil es nicht so explizit erklärt. Es ist eher als Geschichte aufgemacht und nicht als klassisches Sachbuch. Die Illustrationen sind sanft, großflächig und eher zurückhaltend; sehr gelungen ist, dass man nur, wenn man ganz genau guckt, versteht, dass es auch um den Tod einer jungen Frau geht. Man kann auch gut darüber hinwegsehen, wenn man betroffen ist oder es aus anderen Gründen zu schmerzhaft ist. (Gabriel Verlag, 978-3-522-30644-7, € 12,00)
„Leben, Sterben und Kaninchen“ – der Verlag empfiehlt es ab 5 und das passt zum Vorlesen in der Familie durchaus. Lucia Bornhofen fehlt da jedoch der „Grund“, das Buch wählt man nicht einfach so aus. Aber wenn ein Haustier verstirbt, ist es sehr gut – und auch zum Selbstentdecken, wenn es im Büchereiregal steht. Es gibt keine Doppelseite ohne Bilder, es startet sehr nachvollziehbar und schwupps ist man drin. Das „Kaninchen“ im Titel macht den Zugang leicht – das „Sterben“ verspricht aber auch keine leichte Kost. Das Buch erklärt viel, alles ist aber in die Geschichte verwoben und zeigt sehr gut auf, was Trauer ist. (Hanser Literaturverlag, 978-3-446-28310-7, € 17,00)
Die Bücher, die bei einem Todesfall sinnvoll sein könnten, müssen mit großem Bedacht gewählt werden.
Ein Beispiel: Wenn der Großvater verstorben ist, darf es kein Buch sein, in dem der Vater verstirbt – viele Kinder befürchten sowieso, dass nichts mehr dauerhaft ist und in dieser Konstellation liegt es für sie nahe, dass auch der Vater bald versterben wird. Das verstärkt die Trauer, anstatt zu helfen.
Oder auch: Es war kein langsames Abschiednehmen und im Bilderbuch wird das aber so dargestellt. Das geht dann auch nicht zusammen …
Darum muss man entweder einzelne Bücher haben – und die gibt es tatsächlich fast für jede Situation. Oder man wählt Bücher, in denen Tiere quasi Statthalter sind. Für die meisten Kinder sind das sowieso Projektionsfiguren und darum funktioniert zum Beispiel „Leb wohl, lieber Dachs“ (Annette Betz Verlag, verschiedene Ausgaben) seit vielen Jahren sehr gut.
Einen anderen Weg beschreiten die Bücher von Ayse Bosse und Andreas Klammt – sie stellen das Gefühl des Vermissens ins Zentrum.
Für Kinder zwischen 4 und 10 Jahren haben die beiden „Weil du mir so fehlst“ gemacht, bei dem jemand sehr Nahestehendes verstorben ist. Aber diese Person wird gar nicht näher benannt. Das Bilderbuch beginnt mit ein paar Seiten, in denen sehr behutsam und beistehend vom Vermissen erzählt wird. Danach gibt es Seiten zum Ausfüllen, die man nutzen kann (aber nicht muss). Die Reihenfolge ist jedem selbst überlassen. Für die Begleitung durch Erzieher:innen und Lehrkräfte ist es vermutlich zu intensiv – aber es lohnt sich, es „auf dem Schirm“ zu haben und vielleicht auch selbst empfehlen zu können.
„Einfach so weg“, auch von Ayse Bosse und Andreas Klammt, wendet sich an Jugendliche. Das Buch ist sehr ähnliche aufgemacht, auch bei den Texten vom Vermissen. Aber es hat sehr viel mehr Möglichkeiten, Erinnerungen aufzuschreiben und ist darauf ausgelegt, es sich selbständig zu erarbeiten. Beide Bücher sind im Carlsen Verlag erschienen.
Bücher für Erwachsene
„Am Leben zu sein bedeutet, Verluste zu erfahren.“ Judith Schalansky
Enderich und Bornhofen hatten nicht die Sorte Buch dabei, die zum Kondolieren verschenkt wird – die immer auch ihre Berechtigung hat, die aber für den konkreten Trauerfall ausgesucht werden muss.
Vielmehr haben die beiden zwei, drei, vier Bücher vorgestellt, die in der Begleitung von Erwachsenen unterstützen können. Oder einem selbst gut tun, ab und an hat man ja durchaus einen Anflug von „Ich bin sterblich“ und das fühlt sich wirklich nicht gut an.
Tatsächlich gibt es zwei Bilderbücher, die eher in Erwachsenenhände gehören, auch wenn sie kindlich aussehen. Sie können auch für Kinder funktionieren, das muss man sehr genau abwägen und das scheint in der Einrichtung einfach nicht machbar:
„Der Besuch vom kleinen Tod“ - Der Klappentext ist kurz „Der Tod ist eine reizende kleine Person. Doch das weiß niemand.“ Schwer vorstellbar, oder? Aber manchmal ist der Tod tatsächlich eine Erlösung. Dieses Buch macht die Angst vor dem Sterben anschaulich – und hebt sie ein Stückweit auf. (Aladin Verlag, 9783848900190, € 14,00)
„Was bleibt wenn wir sterben“ – Die Autorin Louise Brown ist Journalistin, sie hat sich nach dem Tod ihrer Eltern zur Trauerrednerin ausbilden lassen. Wir Leser:innen nehmen Teil an ihren ganz unterschiedlichen Erfahrungen, die sie oft mit eigenem Erleben spiegelt. Das alles schildert sie sehr tröstlich und anrührend. Es gibt viele Bücher, die sich auf die eine oder andere Art mit dem Tod bzw. dem Sterben beschäftigen. Selbst in „leichter Unterhaltung“ kommt manchmal ein Todesfall vor. Dieses hier ist sehr besonders, es macht das Herz weit und den Verstand wach hinsichtlich Trauer, Weiterleben, Bedürftigkeiten. Dieses Buch kann man lesen, wenn gerade alles „gut“ ist, aber auch, wenn es einen konkreten Trauerfall gibt und man Unterstützung benötigt.
Die Autorin hat es um ein Journal („Was bleibt, wenn wir schreiben“) ergänzt, das im Trauerfall sehr helfen kann. (Beide Titel Diogenes Verlag, je € 22,00)