Sachbuch Lieblinge 2023 - 2022 - Buchhandlung und Verlag Bornhofen in Gernsheim am Rhein

Homesymbol

Öffnungszeiten: MO-FR 09:00 - 12:30 | 14:00 - 18:30 | SA 09:00 - 13:00 | FON 06258 4242 | FAX 06258 51777 | MESSENGER 0170 234 2006Nutzen Sie unseren Lieferservice und "enttummeln" Sie den Laden. Wir liefern aktuell mehrmals die Woche zu Ihnen nach Hause

Kopfzeilesymbole
Newsletter     Hilfe        tolino Webreader         Öffnungszeiten          Wunschliste           Login / Mein Konto
Stickyhomesymbol
Direkt zum Seiteninhalt
Unsere Sachbuch-Lieblinge in 2022:
Shelly Kupferberg: Isidor. Ein jüdisches Leben

Isidor gab es wirklich. Er war der Urgroßonkel von Shelly Kupferberg, ein aus Galizien und bettelarmen Verhältnissen stammender Mann, der in Wien Rechtsanwalt wurde (und noch so einiges, manchmal nicht ganz Astreines 'drehte'). In den 1920er und 1930er Jahren führte Isidor ein großbürgerliches, wirklich reiches, gesellschaftlich anerkanntes Leben, die ganze Wiener Prominenz war bei ihm zu Gast. Er starb kurz nach dem Einmarsch der Nazis in Wien, kurz nachdem ihn die Erkenntnis traf, dass ihm diese hart erarbeitete Existenz genommen werden würde, an einer Art gebrochenem Herzen.

Shelly Kupferberg ist eigentlich Journalistin und erzählt Isidors Leben überhaupt nicht unterkühlt, aber auch nicht gefühlig. Das Buch hat verschiedene Erzählebenen: Ihre eigene "Ermittlungsarbeit" um dem Großonkel überhaupt auf die Spur zu kommen ist eine davon. Eine weitere ist die des Neffen Walter, der Kupferbergs Großvater war, Walter hat es 1938 unter noch nicht allzu großen Beschwernissen nach Palästina geschafft - und seine Erzählungen waren es vor allem, welche die Autorin veranlassten, Isidor und der Wiener Zeit und damit auch den Nazis nachzuspüren. „Isidor“ wünsche ich viele Leser*innen: Weil wir immer wieder erfahren müssen, wie das alles passiert konnte und auch, weil es wichtig ist, vom vielfältigen jüdischen Leben vor dem Holocaust zu erfahren.

Diogenes Verlag, 978-3-257-07206-8, € 24,00
 
Gunda Trepp: Gebrauchsanweisung gegen Antisemitismus

Waren Sie schon einmal im jüdischen Museum in Frankfurt? Oder in einem anderen Museum? Einer Synagoge? Wenn dem so ist, dann wissen Sie, dass dort Personenschützer stehen, man wird durchgecheckt wie am Flughafen. Ja, das hat Gründe. Und ja, es ist beschämend, dass diese Gründe bestehen. In einer Studie des Jüdischen Weltkongress‘ aus dem Jahr 2019 stimmten 27 % der Befragten judenfeindlichen Äußerungen zu, in einigen Schulbüchern waren bis vor sehr kurzer Zeit judenfeindliche Symbole gedruckt, und wenn die Namen Soros oder Rothschild genannt werden, dann ist der Hintergrund meist, rücksichtslose Geldmacherei aufzurufen. Das alles ist so tief in unserem Alltag verwurzelt, dass wir es sehr oft nicht gleich als Antisemitismus entlarven – obwohl es nichts anderes ist.

Gunda Trepp legt all das mit zahllosen Beispielen offen. Von „Ich kenne niemanden, der ein Problem mit Juden hat.“ im ersten Kapitel (dessen Überschrift „Das wird man ja wohl sagen dürfen“ leider eine oft benutzte Wendung ist) bis „Der Wunsch: Ein offenes jüdisches Leben führen zu können“ im letzten Kapitel widerlegt sie falsche Argumente. Alles eher kurz und knapp, dafür sehr gut lesbar und verständlich; jedes Kapitel schließt mit weiterführenden Leseempfehlungen zum Thema. Vor allem ist es Trepp ein Anliegen, Wissen über das Judentum und jüdisches Leben zu vermitteln – im Vorwort schreibt sie: „Ich gehe davon aus, dass die Realität und das Wissen immer noch die belastbarsten Fundamente darstellen, mit denen sich etwas anfangen und auf denen sich etwas aufbauen lässt.“ Denn ein gutes Leben mit- und nicht gegeneinander, das ist leider wirklich etwas völlig Neues, immer noch.

Wbg Paperback, 978-3-534-27418-5, € 20,00
 
Arabella Sicardi / Sarah Tanat-Jones: Queer Heroes – 53 LGBTQ-Held*innen

„Der beste Rat, den ich jemals bekommen habe, lautet: Sei der Mensch, den du gebraucht hättest, als du jung warst.“ Mit diesem Satz beginnt Arabella Sicardi, die in den Vereinigten Staaten eine bekannte Bloggerin und Mode-Kolumnistin ist, ihr Buch. Sie schreibt, dass es ihr enorm geholfen hätte, damals andere Lebensmodelle zu kennen als die „üblichen“. Dass sie bestenfalls in Fantasy-Romanen Vorbilder und vorbildliches Miteinander gefunden hätte, ihr Alltag aber von Mobbing bestimmt gewesen wäre. Mit Blick auf ihre Kindheit und Jugend hat sie dieses Buch konzipiert und 53 Menschen ausgewählt, die mit ihrem Leben, mit ihrem Mut zum Anderssein diese Lücke füllen. Sie zeigen auf, wie vielfältig Menschen sind und wie gut es ist, für sich selbst einzustehen. Dabei sind es nicht nur die „erwartbaren“ Personen wie Freddy Mercury oder Ellen DeGeneres – sondern auch Menschen, von denen wir in Deutschland noch nichts oder wenig gehört haben. Bayard Rustin zum Beispiel war ein Weggefährte von Martin Luther King Jr., Khalid Abdel-Hadi hingegen hat die erste Plattform der arabischen Welt für die LGBTQ-Community erschaffen: Beide Lebensgeschichten sind unglaublich inspirierend. Außerdem lesen wir von Marlene Dietrich, Michelangelo und einigen anderen, die „einfach“ durch ihre Art zu Leben für Vielfalt einstehen oder einstanden.

Keiner der Texte ist länger als eine halbe Seite. Und trotzdem ist dieses Buch überzeugend und wichtig.

Prestel Verlag, Übersetzung: Petra Koob-Pawis, 978-3-7913-7437-6, € 20,00

Empfehlung von Praktikantin Julia:
Kurt Krömer: Du darfst nicht alles glauben, was Du denkst.

Der Comedian Kurt Krömer ist schon lange bekannt in Deutschland, unter anderem durch Serien wie „Chez Krömer“ oder „Last one Laughing“. Nun veröffentlichte er seine Autobiographie, in der er über seine psychischen Erkrankungen berichtet und seinen Weg der Genesung.

Kurt Krömer schreibt von seinem Leben mit schwerer Depression, dass er nie erkannt hatte, was ihn belastete und wie er versuchte die Fassade aufrecht zu halten. Auch berichtet er von seiner Alkoholsucht und seiner Zeit in der Klinik auf eine ernste, aber auch lustige Art. Er schrieb dieses Buch, um den Umgang mit Depressionen öffentlich zu machen und den Leuten zu helfen, die in einer ähnlichen Situation sind, wie er es war. Das Buch ist kein Ratgeber, er möchte Aufmerksamkeit schaffen und aufklären. Der Autor lässt uns tief in seine Gefühlswelt blicken, teilt seine negativen Erlebnisse mit den Lesern, aber er schreibt auch über den Weg aus seiner Depression und Sucht.

Kiepenheuer & Witsch Verlag, 978-3-462-00254-6, €20,00

Marieluise Beck (Hg.): Ukraine verstehen – Auf den Spuren von Terror und Gewalt

„Stalinistische Repressionen“, „Besatzungsmächte im zweiten Weltkrieg“ und „Erinnerung und Verantwortung“ – so heißen die drei Kapitel des vorliegenden Buches. Es ist im Oktober 2021 erschienen, die Annexion der Krim durch Russland bestand, aber ein Krieg in der Ukraine schien zumindest den meisten von uns unmöglich. Wobei Befürchtungen bezüglich kriegerischer Handlungen sich wie ein roter Faden durch dieses Buch hindurchziehen … Heute ist der Krieg Realität. Wenn man verstehen möchte, warum die Ukraine ein so wichtiges Land ist, warum Putin immer wieder die „Nazi-Karte“ spielt, wenn man auch den Anteil Hitler-Deutschlands (und damit durchaus auch deutsche, unsere Verantwortung) begreifen möchte – dann ist „Ukraine verstehen“ eine gute Lektürewahl. In über 20 Kurzbeiträgen, zum Teil sind es Mittschnitte von Reden, zum Teil Auszüge aus historischen Abhandlungen, zum Teil extra verfasste Aufsätze, wird die Geschichte der Ukraine durch das gesamte zwanzigste Jahrhundert hindurch beleuchtet. Das ist alles andere als einfach zu lesen, auch, weil man die jetzigen entsetzlichen Geschehnisse immer mitdenkt. Aber notwendig für ein grundlegendes Verständnis der Forderungen nach Eigenständigkeit des ukrainischen Volkes – notwendig ist es unbedingt.

Die beiden Gründer des Zentrum Liberale Moderne (LibMod) sind Politiker der Grünen, man könnte eine „ideologische Brille“ unterstellen. Und tatsächlich, wenn man die dargestellten Fakten gegenprüft, gibt es für manche Dinge eine weniger aufgeladene Wortwahl (vergleiche Holodomor = Genozid), sozusagen eine mildere Lesart. Die Fakten selbst finden sich aber überall.

Ibidem Verlag, LibMod, Reihe „Ukrainian Voices“ Nr. 16, 978-3-8382-1653-9, € 14,90
Heather Camlot / Serge Bloch: Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin

Picasso malte ein hochbeeindruckendes Bild gegen den Bürgerkrieg in Spanien. Desmond Doss zog ohne Waffe in den Krieg und rettete viele Kameraden. Charlie Brown nahm die Regeln ernst, keine wehrlosen Gegner anzugreifen und gab stattdessen Geleit zur Grenze. Reza Shizari entwickelt Videospiele, die realistisch sind und Empathie für die Gegenseite wecken. Und Baruani Ndume machte schon als Teenager Radio für Kinder, um ihnen ihre Rechte zu erklären und im Alltag zu helfen. Das sind nur fünf Beispiele aus vorliegendem Buch.

„15 wahre Geschichten gegen Krieg, Gewalt und Machtmissbrauch“ – so steht es im Untertitel. Es sind jeweils nur kurze Geschichten, eine Seite, die gegenüberliegende Seite ist entsprechend illustriert. Die Kürze tut der Kraft, die in den Geschichten steckt, jedoch keinen Abbruch. Im Gegenteil, dadurch bleibt genug Raum für die eigene Fantasie: Was würde ich tun? Faszinierend ist auch, wie vielfältig die hier beschriebenen Menschen für Frieden und Freiheit einstanden oder noch einstehen und wie vielfältig darum ihre Aktionen sind. Stets spiegeln sie die Persönlichkeit, oft ist ein künstlerisches Element dabei. Vor allem aber tun alle hier beschriebenen Menschen Dinge, die zutiefst menschlich sind. Empfohlen wird das Buch ab 8 Jahren – ich möchte es auch jedem Erwachsenen in die Hand drücken.

Dressler Verlag, Übersetzung: Fabienne Pfeiffer, 978-3-7915-0170-3, € 14,00

Ronen Steinke: Antisemitismus in der Sprache

Eine Diskussion im Internet, es ging um die Frage, wie man mit dem Schuldigen umgehen solle – ich weiß gar nicht mehr, wessen er sich schuldig gemacht hatte – durchaus gepflegte Kommentare, keine Hass-Stimmung. Und mittendrin das Satzfragment „über die Regeln des ‚Auge um Auge‘ sind wir doch lange hinweg“.  Der Schreiber hat das durchaus nett gemeint, er wollte eher milde Strafen aufrufen. Nur: Heißt das nicht, dass wir (Christen?) über die aufgerufenen Regeln Jahwe „hinweg“ sind?

Mein ungutes Gefühl bei dieser Formulierung und meine Schreiben dagegen – das wäre heute, nachdem ich „Antisemitismus in der Sprache“ gelesen habe, klarer ausgedrückt. Ronen Steinke hat genau das auseinandersortiert: Zum einen, dass „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ in der Bibel die Bedeutung von gelungenem Ausgleich und gerade nicht von brutaler Rache hatte. Und zum anderen, dass dieses „darüber hinweg sein“ selbstverständlich das Christentum als die weiterentwickelte, bessere Religion darstellt. Das ist allerdings nur ein Punkt in dem vorliegenden Buch. Es gibt noch viele, viele andere – zum Beispiel jiddische Worte, die im deutschen Sprachgebrauch eine negative Konnotation haben (Mischpoke) oder eindeutig negativ besetzt sind (wie etwa mauscheln).

„Warum es auf die Wortwahl ankommt“, so lautet der Untertitel, und genau das arbeitet der Autor hervorragend aus.

Duden Verlag, 978-3-411-75679-7, € 8,00
Frédéric Valin: Pflegeprotokolle

Im Frühjahr 2020 war in ganz Deutschland „flatten the curve“, die Kurve abflachen, das große Ding. Gleichzeitig standen „wir“ auf den Balkonen und klatschten: Für die Pflege und alle Medizinberufe. Es gab Versprechungen von Coronaprämien, höheren Löhnen und überhaupt mehr Anerkennung. Wenn es ins Konzept passte, gab es sogar Ärztinnen, Intensivpfleger, Krankenschwestern, die in Talkshows eingeladen wurden – wobei das Hineinpassen ins Konzept vielleicht auch mein zynischer Blick auf die Dinge ist. Aber tatsächlich gab es in den Medien viele neue Experten, Statistiker*innen, Virolog*innen, Ärzt*innen – jedoch kaum Pflegekräfte und Sozialarbeiter*innen, kaum jemand von denen, die tatsächlich vor Ort das Ding am Laufen halten.

Frédéric Vilan, selbst über Jahre hinweg in einer Behinderteneinrichtung beschäftigt und gleichzeitig Autor, hat genau das gemacht: 21 Menschen aus pflegenden und sozialen Berufen ihre Geschichte erzählen lassen. Er hat genaustens notiert – und so können wir in den „Pflegeprotokollen“ lesen, was „der Pflege“ wichtig ist. Sie erzählen von strukturellen Problemen durch die Vorgaben der Arbeitgeberseite, aber auch von Angehörigen mit überzogenen Forderungen oder von nicht vorhandenen aber notwendigen Institutionen. Manche beschreiben sehr genau, welche Änderungen notwendig sind. Eigentlich will man die „Pflegeprotokolle“ den Politikmachenden in diesem Land zur Pflichtlektüre überlassen. Und sonst auch jedem in die Hand drücken.

Verbrecher Verlag, 978-3-95732-497-9, € 18,00

Zurück zum Seiteninhalt