Sachbuch Lieblinge 2023 - 2022 - Buchhandlung und Verlag Bornhofen in Gernsheim am Rhein

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Unsere Sachbuch-Lieblinge in 2022:
„Die große Marie Marcks“

Es war meine allererste Lesung, ich war noch keine zwanzig und meine Freundin meinte, da müsse man hin – ich hatte keine Ahnung, wer diese Marie Marcks war. Karikaturen gab es in meiner Kindheit bestenfalls im Darmstädter Tagblatt, und die waren dort sicher nicht von einer Frau. Und schon gar nicht von einer, die für ihren furchtlos-feministischen und wirklich witzigen Stil bekannt war.

Beim letzten Umzug habe ich viele Bücher abgeben: Die beiden „Autobiographischen Aufzeichnungen“ sind geblieben. Immer mal wieder stecke ich die Nase hinein und bin vollkommen entzückt, wie man so wahrhaftig und gleichzeitig so über-den-Dingen-stehend Alltag abbilden kann. Marie Marcks Aufzeichnungen erzählen vom Leben als Kind in Berlin vor und während des zweiten Weltkrieges, vom sich-Verlieben und dem schleichenden Entlieben, von Musik, dem Zeichnen und dem Leben an sich. Und ja, meine Exemplare sind ein bisschen abgeliebt.

Im Verlag Antje Kunstmann ist nun im letzten Jahr eine zweibändige Jubiläumsausgabe erschienen, ein Band „Autobiographische Aufzeichnungen“ und ein Band mit „Karikaturen und Bildergeschichten“ gemeinsam im Schuber. Der Verlag schreibt: „Ihr besonderer Blick auf die Umwelt und die Ungleichheit, auf Männer und Frauen, auf Familie, Erziehung und Bildung erzählt, wie es war und wie es sein könnte, ja müsste“ – und das ist, auch wenn mit dieser Jubliäumsausgabe an Marie Marcks 100. Geburtstag erinnert wird, erstaunlich modern und erfrischend!

Verlag Antje Kunstmann, 978-3-95614-520-9, € 58,00   

Oksana Sabuschko: „Die längste Buchtour“

Am 23. Februar 2022 packt die ukrainische Autorin Oksana Sabuschko einen kleinen Handkoffer, sie will in Warschau ihr neuestes Buch vorstellen. Weil sie drei eng getaktete Tage vor sich hat, nimmt sie keinen Laptop mit, es wird eh‘ keine Zeit fürs Schreiben sein. Der 24. Februar 2022 beginnt dann in den frühen Morgenstunden mit der Meldung, dass Russland Krieg in der Ukraine führt. Seitdem vergeht kaum ein Tag, an dem sie nicht Stellung beziehen soll, Erklärungen abgeben, Fragen beantworten – ihr Standpunkt gegenüber Putins Russland ist seit Jahren bekannt, nun findet sie Gehör. Schon bald wird ihr klar: Dass, was sie in Interviews erklären kann, ist viel zu wenig, um sich dem komplexen Thema Ukraine und Russland auch nur annähern zu können. Sie tut, was Schrifsteller*innen in diesem Fall tun – sie kauft einen neuen Laptop und beginnt, alles ausführlich darzustellen.

Im Grunde besteht „Die längste Buchtour“ aus drei sich ergänzenden Essays: „Die Frau mit dem Koffer“ beschreibt die ersten drei Monate nach der russischen Invasion aus sehr persönlicher Sicht, „Geschichte eins – die dreißigjährige Geschichte“ und „Geschichte zwei – die dreihundertjährige Geschichte“ gehen dann jeweils zurück und listen die ukrainische Historie in Wechselwirkung mit der russischen ausführlich auf. Das ist nicht leicht zu lesen, weder sprachlich noch inhaltlich (da ist es echt starker Tobak), aber es hilft verstehen, was gerade passiert.

„Die Stärke eines Landes, einschließlich seines Militärs, besteht aus MENSCHEN. Aber um eine echte Kraft zu sein, müssen sie sich zunächst weigern, „Material“ zu sein. Und das nicht nur auf dem Schlachtfeld.“ Wirklich kluge Sätze fast am Ende dieses Buches, quasi die Quintessenz …

Literaturverlag Droschl, Übersetzung: Alexander Kratochvil, 978-3-99059-121-5, € 22,00
  
unsere Sachbuch-Lieblinge in 2022:
Tobias Roth und Moritz Rauchhaus: Die Speise- und Wunderkammer der exzentrischen Küche

Der Verlag Das kulturelle Gedächtnis hat es sich ein stückweit zur Aufgabe gemacht, Texte und Informationen der letzten vier-, fünfhundert Jahre zugängig zu machen. Nicht im Sinne von wissenschaftlichen Zusammenstellungen oder Vollständigkeit – eher in einer Art Puzzle, das die Vielfalt der Verschriftlichungen offenbart. Das ist insofern klug, als es für uns Leser*innen tatsächlich sehr unterhaltsam ist und die Chancen also erheblich steigen, dass das alles auch wirklich gelesen wird.

In diesem Jahr nun haben sie sich der Küche zugewandt. Und so blättern wir durch ein abwechslungsreiches Sammelsurium aus Rezepten und Anleitungen (von Zebuhöcker bis Strauss), Menus (von der rundesten Geburtstagsfeier bis zum Gastmahl des Trilmalchio), Glossaren (von Schnittformen des Gemüses bis Geht Liebe durch den Magen) und vielen anderen Rubriken. Die Einzelbeiträge sind selten länger als eine Seite, manchmal illustriert – und fürs 21. Jahrhundert ausgesprochen skurril. Obwohl manche noch gar nicht alt sind, der Zebuhöcker zum Beispiel findet sich in einem deutschen Kochbuch aus dem Jahr 1970. Oft sind die Beiträge von den beiden Herausgebern kommentiert, das ist zur Einordnung durchaus hilfreich. Es gibt auch Texte, die in anderer Hinsicht verwundern: Die Kunst, Torten besonders zu gestalten, mit Aufbauten und Farben zum Beispiel, die hätte ich als sehr jung angesehen. Tatsächlich gab es aber Anfang des 19. Jahrhunderts schon einen Konditor, der architektonische Tortenwunder buk. So reiht sich ein interessanter Beitrag an den nächsten lustigen und danach kommt wiederum einer, der für unsere Zungen eher unangenehm scheint …

Diese Wunderkammer ist nichts fürs stundenlange Lesen am Stück. Aber sie ist genau das richtige für kleine, feine Häppchen zwischendurch, gerne auch an Festtafeln vorgelesen.

Verlag das kulturelle Gedächtnis, 978-3-946990-65-9, € 28,00  
Germán AczeL: Die schönsten Tore aller Zeiten

Ich fang‘ mal mit dem Ende an: TOP irreguläre Tore heißt dieses Kapitel, und es listet genau ein Tor auf - „die Hand Gottes“, das selbst völlig Fußballunwissende kennen. AczeL schreibt dazu: „Mit diesem unübertrefflichen Tor können wir das Kapital ‚Irreguläre Tore‘ so stehen lassen.“ Vorher aber gibt es sieben andere Kapitel, wovon das erste das umfassendste ist. Und dieses beginnt ebenfalls mit einem Tor von Diego Maradona – dem Tor des Jahrhunderts, gefallen am 22. Juni 1986 im WM-Viertelfinale Argentinien gegen England, das mit 2:1 endete. Das Buch listet es jedoch nicht nur auf, sondern es gibt bei allen 221 Toren eine Illustration, der man sowohl Aufstellung als auch Ablauf entnehmen kann. Und alle Tore werden, meist ziemlich launisch, auch kurz erklärt. Oft bleiben (vielleicht auch nur für die Fußballunwissenden …) nach der Erklärung offene Fragen, das Buch öffnet also die Tür in die Recherche.

Und damit kommen wir zu dem Warum. Warum empfehle ausgerechnet ich (eine völlig Fußballunwissende – von Maradona mal abgesehen) ein Buch über Fußball? Das hat zwei Hauptgründe: Zum einen enthält es eine weltweite Auswahl und alles, was ich im Anschluss recherchierte, bestätigte die Korrektheit. Zum anderen ist es ein großartiges Buch für kleine und große Nichtleser*innen. Wegen des Themas, wegen des Humors, aber auch wegen der Zeichnungen. Davon abgesehen bin ich jetzt um einiges schlauer und gut unterhalten wurde ich auch.

Edel Verlag, Illustration: Deluxe, 978-3-98588-020-1, € 19,95
Ernst Strouhal & Christoph Winder: Böse Briefe – Eine Geschichte des Drohens und Erpressens

Auf dem Cover ist der Titel folgerichtig mit ausgeschnittenen Zeitungsbuchstaben dargestellt: Sicherlich ist das bei vielen der erste Gedanke, wenn der Begriff „Erpresserbrief“ fällt, diese Darstellung ist als typisches Bild ins kollektive Gedächtnis eingegangen. Dass sie in Wahrheit gar nicht oft vorkommt, was stattdessen Verwendung findet – dem widmet sich das zweite Kapitel des vorliegenden Buches. Voran geht eine Art Einleitung und die anschließenden sechs Kapitel (von 3 Terror durch Sprache bis 8 Über den Umgang mit Gespenstern) beleuchten diese Art Briefe hinsichtlich vieler Aspekte und über Ländergrenzen hinweg. Dabei ist die jeweilige Einordnung klug und gut lesbar, es gibt eine Vielzahl von (kommentierten) Beispielen.

„Böse Briefe“ ist kein erbaulicher Bildband im eigentlichen Sinn. Die abgedruckten Beispiele und die dazugehörigen Geschichten sind teilweise brutal und menschenfeindlich, andere sind sexistisch und ja, einige auch unterhaltsam. Aber: Trotzdem ist es lesenswert und interessant, es ist gerade nicht voyeuristisch, sondern so neutral es eben geht. Die Erkenntnisse daraus ergänzen viel von dem, was ich über Hasspostings im Netz oder auch #meetoo weiß – und das macht das Buch relevanter, als es mir lieb ist. (Wenn es nicht von Verlagsseite her um die Hälfte heruntergesetzt worden wäre, hätte ich es vermutlich weder eingekauft noch gelesen. Ein echter Verlust.)

Brandstädter Verlag, 978-3-7106-0152-1, € 17,99
  
Soledad Romero Marino / Montse Galbany: Geniale Fehler

„Von glücklichen Unfällen & großartigen Missgeschicken“, so lautet der Untertitel dieses Sachbuchs. Und weiter geht es in der Einleitung: „Trotz ihres schlechten Rufs spielen Fehler beim Lernen, in der Forschung und bei kreativen Schaffensprozessen eine bedeutende Rolle. Aus Fehlern wird man klug, durch sie entwickelt sich die Menschheit weiter.“

In der Folge begegnen uns die unterschiedlichsten Dinge: Kaffeebohnen, die ein Hirte in Äthiopien vor anderthalb Jahrtausenden achtlos ins Feuer wirft, weil sie ungenießbar sind. Salz, Schwefel und Holzkohle, im China vor zwölfhundert Jahren ein beliebtes Mittel zum Haltbarmachen von Lebensmitteln. Hauchdünn geraspelte Kartoffeln, eine Menge Salz und ein ungnädiger Koch. Und viele gelbe Enten aus einem aufgebrochenen Container. Kaffee, Feuerwerk, Chips und eine Karte der Meeresströmungen – das sind die Ergebnisse dieser Unfälle und Fehlversuche. Im Buch gibt es noch viele andere, vom ersten chemischen Farbstoff bis zum Sekundenkleber.

Das alles ist spannend und nachvollziehbar illustriert und wegen der kurzen „Häppchen“ auch für jüngere Grundschulkinder gut geeignet. Mir gefällt außerdem gut, dass es Mut macht, sich gedanklich und tatsächlich aus normalen Mustern herauszubewegen – das hilft im ganzen Leben, finde ich …

Knesebeck Verlag, Übersetzung: Ursula Bachhausen, 978-3-957285-46-1, € 16,00

Sergio del Molino: Leeres Spanien

Sie hören das Wort „Spanien“ – welche Bilder entstehen in Ihrem Kopf? Strände und Meer, Städte voller Menschen, altehrwürdige Bauten? Oder eher Kargheit, einer Wüste nicht unähnlich, ständiger Wind, Winterkälte und wenige Menschen? Letztendlich stimmt beides: Aber der etwas größere, karge Anteil ist weit weniger bekannt. Diese Gebiete waren schon immer spärlich besiedelt, die Entwicklungen seit den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts haben die Dörfer jedoch in einer kaum vorstellbaren Weise zu Geisterdörfern gemacht. In allen europäischen Ländern hat es Umsiedlung vom Land in die Stadt gegeben – und doch nimmt Spanien eine Sonderrolle ein, dergestalt, dass nirgendwo so große Unterschiede bezüglich der Einwohnerzahl pro Quadratkilometer sind, wenn man Land und Stadt vergleicht.

Diesem Umstand und dem dadurch entstehenden Lebensalltag geht Sergio del Molino in seinem Essay auf den Grund. Er verwebt dabei Fakten und Literatur, Vergangenheit und europäisches Leben zu einem wunderbar lesbaren und hochinteressanten Buch – jedes Kapitel setzt dabei einen anderen Schwerpunkt.
„Obwohl ich viele Quellen zu Rate gezogen habe, sehe ich mich keiner wissenschaftlichen Methode im Besonderen verpflichtet, wie ich auch auf keinem der dazugehörigen Gebiete eine Spezialausbildung vorzuweisen habe. Ich schreibe mit der glücklichen Unbekümmertheit des Dilletanten.“ Und wir lesen es nicht weniger beglückt und lernen dabei Spanien ganz anders kennen.

Wagenbach Verlag, Übersetzung: Peter Kultzen, 978-3-8031-3721-0, € 30,00

Shelly Kupferberg: Isidor. Ein jüdisches Leben

Isidor gab es wirklich. Er war der Urgroßonkel von Shelly Kupferberg, ein aus Galizien und bettelarmen Verhältnissen stammender Mann, der in Wien Rechtsanwalt wurde (und noch so einiges, manchmal nicht ganz Astreines 'drehte'). In den 1920er und 1930er Jahren führte Isidor ein großbürgerliches, wirklich reiches, gesellschaftlich anerkanntes Leben, die ganze Wiener Prominenz war bei ihm zu Gast. Er starb kurz nach dem Einmarsch der Nazis in Wien, kurz nachdem ihn die Erkenntnis traf, dass ihm diese hart erarbeitete Existenz genommen werden würde, an einer Art gebrochenem Herzen.

Shelly Kupferberg ist eigentlich Journalistin und erzählt Isidors Leben überhaupt nicht unterkühlt, aber auch nicht gefühlig. Das Buch hat verschiedene Erzählebenen: Ihre eigene "Ermittlungsarbeit" um dem Großonkel überhaupt auf die Spur zu kommen ist eine davon. Eine weitere ist die des Neffen Walter, der Kupferbergs Großvater war, Walter hat es 1938 unter noch nicht allzu großen Beschwernissen nach Palästina geschafft - und seine Erzählungen waren es vor allem, welche die Autorin veranlassten, Isidor und der Wiener Zeit und damit auch den Nazis nachzuspüren. „Isidor“ wünsche ich viele Leser*innen: Weil wir immer wieder erfahren müssen, wie das alles passiert konnte und auch, weil es wichtig ist, vom vielfältigen jüdischen Leben vor dem Holocaust zu erfahren.

Diogenes Verlag, 978-3-257-07206-8, € 24,00
 
Gunda Trepp: Gebrauchsanweisung gegen Antisemitismus

Waren Sie schon einmal im jüdischen Museum in Frankfurt? Oder in einem anderen Museum? Einer Synagoge? Wenn dem so ist, dann wissen Sie, dass dort Personenschützer stehen, man wird durchgecheckt wie am Flughafen. Ja, das hat Gründe. Und ja, es ist beschämend, dass diese Gründe bestehen. In einer Studie des Jüdischen Weltkongress‘ aus dem Jahr 2019 stimmten 27 % der Befragten judenfeindlichen Äußerungen zu, in einigen Schulbüchern waren bis vor sehr kurzer Zeit judenfeindliche Symbole gedruckt, und wenn die Namen Soros oder Rothschild genannt werden, dann ist der Hintergrund meist, rücksichtslose Geldmacherei aufzurufen. Das alles ist so tief in unserem Alltag verwurzelt, dass wir es sehr oft nicht gleich als Antisemitismus entlarven – obwohl es nichts anderes ist.

Gunda Trepp legt all das mit zahllosen Beispielen offen. Von „Ich kenne niemanden, der ein Problem mit Juden hat.“ im ersten Kapitel (dessen Überschrift „Das wird man ja wohl sagen dürfen“ leider eine oft benutzte Wendung ist) bis „Der Wunsch: Ein offenes jüdisches Leben führen zu können“ im letzten Kapitel widerlegt sie falsche Argumente. Alles eher kurz und knapp, dafür sehr gut lesbar und verständlich; jedes Kapitel schließt mit weiterführenden Leseempfehlungen zum Thema. Vor allem ist es Trepp ein Anliegen, Wissen über das Judentum und jüdisches Leben zu vermitteln – im Vorwort schreibt sie: „Ich gehe davon aus, dass die Realität und das Wissen immer noch die belastbarsten Fundamente darstellen, mit denen sich etwas anfangen und auf denen sich etwas aufbauen lässt.“ Denn ein gutes Leben mit- und nicht gegeneinander, das ist leider wirklich etwas völlig Neues, immer noch.

Wbg Paperback, 978-3-534-27418-5, € 20,00
 
Arabella Sicardi / Sarah Tanat-Jones: Queer Heroes – 53 LGBTQ-Held*innen

„Der beste Rat, den ich jemals bekommen habe, lautet: Sei der Mensch, den du gebraucht hättest, als du jung warst.“ Mit diesem Satz beginnt Arabella Sicardi, die in den Vereinigten Staaten eine bekannte Bloggerin und Mode-Kolumnistin ist, ihr Buch. Sie schreibt, dass es ihr enorm geholfen hätte, damals andere Lebensmodelle zu kennen als die „üblichen“. Dass sie bestenfalls in Fantasy-Romanen Vorbilder und vorbildliches Miteinander gefunden hätte, ihr Alltag aber von Mobbing bestimmt gewesen wäre. Mit Blick auf ihre Kindheit und Jugend hat sie dieses Buch konzipiert und 53 Menschen ausgewählt, die mit ihrem Leben, mit ihrem Mut zum Anderssein diese Lücke füllen. Sie zeigen auf, wie vielfältig Menschen sind und wie gut es ist, für sich selbst einzustehen. Dabei sind es nicht nur die „erwartbaren“ Personen wie Freddy Mercury oder Ellen DeGeneres – sondern auch Menschen, von denen wir in Deutschland noch nichts oder wenig gehört haben. Bayard Rustin zum Beispiel war ein Weggefährte von Martin Luther King Jr., Khalid Abdel-Hadi hingegen hat die erste Plattform der arabischen Welt für die LGBTQ-Community erschaffen: Beide Lebensgeschichten sind unglaublich inspirierend. Außerdem lesen wir von Marlene Dietrich, Michelangelo und einigen anderen, die „einfach“ durch ihre Art zu Leben für Vielfalt einstehen oder einstanden.

Keiner der Texte ist länger als eine halbe Seite. Und trotzdem ist dieses Buch überzeugend und wichtig.

Prestel Verlag, Übersetzung: Petra Koob-Pawis, 978-3-7913-7437-6, € 20,00

Empfehlung von Praktikantin Julia:
Kurt Krömer: Du darfst nicht alles glauben, was Du denkst.

Der Comedian Kurt Krömer ist schon lange bekannt in Deutschland, unter anderem durch Serien wie „Chez Krömer“ oder „Last one Laughing“. Nun veröffentlichte er seine Autobiographie, in der er über seine psychischen Erkrankungen berichtet und seinen Weg der Genesung.

Kurt Krömer schreibt von seinem Leben mit schwerer Depression, dass er nie erkannt hatte, was ihn belastete und wie er versuchte die Fassade aufrecht zu halten. Auch berichtet er von seiner Alkoholsucht und seiner Zeit in der Klinik auf eine ernste, aber auch lustige Art. Er schrieb dieses Buch, um den Umgang mit Depressionen öffentlich zu machen und den Leuten zu helfen, die in einer ähnlichen Situation sind, wie er es war. Das Buch ist kein Ratgeber, er möchte Aufmerksamkeit schaffen und aufklären. Der Autor lässt uns tief in seine Gefühlswelt blicken, teilt seine negativen Erlebnisse mit den Lesern, aber er schreibt auch über den Weg aus seiner Depression und Sucht.

Kiepenheuer & Witsch Verlag, 978-3-462-00254-6, €20,00

Marieluise Beck (Hg.): Ukraine verstehen – Auf den Spuren von Terror und Gewalt

„Stalinistische Repressionen“, „Besatzungsmächte im zweiten Weltkrieg“ und „Erinnerung und Verantwortung“ – so heißen die drei Kapitel des vorliegenden Buches. Es ist im Oktober 2021 erschienen, die Annexion der Krim durch Russland bestand, aber ein Krieg in der Ukraine schien zumindest den meisten von uns unmöglich. Wobei Befürchtungen bezüglich kriegerischer Handlungen sich wie ein roter Faden durch dieses Buch hindurchziehen … Heute ist der Krieg Realität. Wenn man verstehen möchte, warum die Ukraine ein so wichtiges Land ist, warum Putin immer wieder die „Nazi-Karte“ spielt, wenn man auch den Anteil Hitler-Deutschlands (und damit durchaus auch deutsche, unsere Verantwortung) begreifen möchte – dann ist „Ukraine verstehen“ eine gute Lektürewahl. In über 20 Kurzbeiträgen, zum Teil sind es Mittschnitte von Reden, zum Teil Auszüge aus historischen Abhandlungen, zum Teil extra verfasste Aufsätze, wird die Geschichte der Ukraine durch das gesamte zwanzigste Jahrhundert hindurch beleuchtet. Das ist alles andere als einfach zu lesen, auch, weil man die jetzigen entsetzlichen Geschehnisse immer mitdenkt. Aber notwendig für ein grundlegendes Verständnis der Forderungen nach Eigenständigkeit des ukrainischen Volkes – notwendig ist es unbedingt.

Die beiden Gründer des Zentrum Liberale Moderne (LibMod) sind Politiker der Grünen, man könnte eine „ideologische Brille“ unterstellen. Und tatsächlich, wenn man die dargestellten Fakten gegenprüft, gibt es für manche Dinge eine weniger aufgeladene Wortwahl (vergleiche Holodomor = Genozid), sozusagen eine mildere Lesart. Die Fakten selbst finden sich aber überall.

Ibidem Verlag, LibMod, Reihe „Ukrainian Voices“ Nr. 16, 978-3-8382-1653-9, € 14,90
Heather Camlot / Serge Bloch: Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin

Picasso malte ein hochbeeindruckendes Bild gegen den Bürgerkrieg in Spanien. Desmond Doss zog ohne Waffe in den Krieg und rettete viele Kameraden. Charlie Brown nahm die Regeln ernst, keine wehrlosen Gegner anzugreifen und gab stattdessen Geleit zur Grenze. Reza Shizari entwickelt Videospiele, die realistisch sind und Empathie für die Gegenseite wecken. Und Baruani Ndume machte schon als Teenager Radio für Kinder, um ihnen ihre Rechte zu erklären und im Alltag zu helfen. Das sind nur fünf Beispiele aus vorliegendem Buch.

„15 wahre Geschichten gegen Krieg, Gewalt und Machtmissbrauch“ – so steht es im Untertitel. Es sind jeweils nur kurze Geschichten, eine Seite, die gegenüberliegende Seite ist entsprechend illustriert. Die Kürze tut der Kraft, die in den Geschichten steckt, jedoch keinen Abbruch. Im Gegenteil, dadurch bleibt genug Raum für die eigene Fantasie: Was würde ich tun? Faszinierend ist auch, wie vielfältig die hier beschriebenen Menschen für Frieden und Freiheit einstanden oder noch einstehen und wie vielfältig darum ihre Aktionen sind. Stets spiegeln sie die Persönlichkeit, oft ist ein künstlerisches Element dabei. Vor allem aber tun alle hier beschriebenen Menschen Dinge, die zutiefst menschlich sind. Empfohlen wird das Buch ab 8 Jahren – ich möchte es auch jedem Erwachsenen in die Hand drücken.

Dressler Verlag, Übersetzung: Fabienne Pfeiffer, 978-3-7915-0170-3, € 14,00

Ronen Steinke: Antisemitismus in der Sprache

Eine Diskussion im Internet, es ging um die Frage, wie man mit dem Schuldigen umgehen solle – ich weiß gar nicht mehr, wessen er sich schuldig gemacht hatte – durchaus gepflegte Kommentare, keine Hass-Stimmung. Und mittendrin das Satzfragment „über die Regeln des ‚Auge um Auge‘ sind wir doch lange hinweg“.  Der Schreiber hat das durchaus nett gemeint, er wollte eher milde Strafen aufrufen. Nur: Heißt das nicht, dass wir (Christen?) über die aufgerufenen Regeln Jahwe „hinweg“ sind?

Mein ungutes Gefühl bei dieser Formulierung und meine Schreiben dagegen – das wäre heute, nachdem ich „Antisemitismus in der Sprache“ gelesen habe, klarer ausgedrückt. Ronen Steinke hat genau das auseinandersortiert: Zum einen, dass „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ in der Bibel die Bedeutung von gelungenem Ausgleich und gerade nicht von brutaler Rache hatte. Und zum anderen, dass dieses „darüber hinweg sein“ selbstverständlich das Christentum als die weiterentwickelte, bessere Religion darstellt. Das ist allerdings nur ein Punkt in dem vorliegenden Buch. Es gibt noch viele, viele andere – zum Beispiel jiddische Worte, die im deutschen Sprachgebrauch eine negative Konnotation haben (Mischpoke) oder eindeutig negativ besetzt sind (wie etwa mauscheln).

„Warum es auf die Wortwahl ankommt“, so lautet der Untertitel, und genau das arbeitet der Autor hervorragend aus.

Duden Verlag, 978-3-411-75679-7, € 8,00
Frédéric Valin: Pflegeprotokolle

Im Frühjahr 2020 war in ganz Deutschland „flatten the curve“, die Kurve abflachen, das große Ding. Gleichzeitig standen „wir“ auf den Balkonen und klatschten: Für die Pflege und alle Medizinberufe. Es gab Versprechungen von Coronaprämien, höheren Löhnen und überhaupt mehr Anerkennung. Wenn es ins Konzept passte, gab es sogar Ärztinnen, Intensivpfleger, Krankenschwestern, die in Talkshows eingeladen wurden – wobei das Hineinpassen ins Konzept vielleicht auch mein zynischer Blick auf die Dinge ist. Aber tatsächlich gab es in den Medien viele neue Experten, Statistiker*innen, Virolog*innen, Ärzt*innen – jedoch kaum Pflegekräfte und Sozialarbeiter*innen, kaum jemand von denen, die tatsächlich vor Ort das Ding am Laufen halten.

Frédéric Vilan, selbst über Jahre hinweg in einer Behinderteneinrichtung beschäftigt und gleichzeitig Autor, hat genau das gemacht: 21 Menschen aus pflegenden und sozialen Berufen ihre Geschichte erzählen lassen. Er hat genaustens notiert – und so können wir in den „Pflegeprotokollen“ lesen, was „der Pflege“ wichtig ist. Sie erzählen von strukturellen Problemen durch die Vorgaben der Arbeitgeberseite, aber auch von Angehörigen mit überzogenen Forderungen oder von nicht vorhandenen aber notwendigen Institutionen. Manche beschreiben sehr genau, welche Änderungen notwendig sind. Eigentlich will man die „Pflegeprotokolle“ den Politikmachenden in diesem Land zur Pflichtlektüre überlassen. Und sonst auch jedem in die Hand drücken.

Verbrecher Verlag, 978-3-95732-497-9, € 18,00

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