unsere Belletristik-Lieblinge in 2026:
Saša Stanišić: Möchte die Witwe angesprochen
werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne
An einem heißen Tag treffen sich in den
Weinbergen bei Heidelberg vier Jungs. Sie kommen aus aller Herren Länder und wohnen
in der sterilen Neubausiedlung, in der die Sommer besonders unangenehm sind.
Fatih erzählt von seiner genialen Idee: Er möchte einen „Proberaum“ erfinden,
in dem jede:r 10 Minuten Zukunft ansehen kann – um danach zu entscheiden, ob
man in diese Zukunft „einloggt“, damit sie tatsächlich zur Realität wird.
Keiner seiner Freunde – darunter der vierzehnjährige Saša, das Alter Ego des Autors – hat Gegenargumente, alle sind
begeistert, was eigentlich noch nie vorgekommen ist. Denn ihre Leben sind, bei
aller Gemeinsamkeit, doch sehr unterschiedlich und ihre Ansichten auch.
Was ist Zukunft? Können wir die Weichen selbst stellen? Wie sind Menschen miteinander verbunden und wie beeinflussen sie sich? Mit diesen Ideen spielt das ganze Buch. Alle Kurzgeschichten hängen durch die Personen in irgendeiner Form zusammen, das verstärkt auch die Frage, was das Menschsein eigentlich ausmacht.
„Bitte der Reihe nach lesen.“, das hat Autor Saša Stanišić seinem Band mit Kurzgeschichten vorangestellt. Was
ungewöhnlich ist, denn in Anthologien kann man sich eigentlich schön
„rauspicken“ worauf man gerade Lust hat, das mach‘ ich auch manchmal. Aber ich
bin ja eine zuverlässige Leserin – wenn Autor:in mir fürs Lesen einen Auftrag
erteilt, dann komme ich dem nach … Und bin, so im Nachhinein, sehr froh über
diesen Leseauftrag, die vorgegebene Reihenfolge eröffnet spannende Ideen zum
Weiterdenken. Das ist ein echt cooles Buch, das auch noch sehr entspannt zu
lesen ist.
Marina Schwabe: Rift
Sechs Monate. Das ist die Lebenszeit, die
die Ärztin Janko noch gegeben hat. Janko, der nie ganz gesund war und ein
echter Nerd außerdem. Selbstgenügsam. In der Kindheit war er oft die wichtigste
Bezugsperson für Zuzanna – in der kleinen Wohnung und später auf dem
großelterlichen Hof. Damals hatten sie sich eine Reise durch die USA
vorgenommen, von New York nach Seattle, vom Atlantik zum Pazifik. Es gibt
Listen und Karten und ein kleines Notizbuch, die sind nicht ganz so alt wie der
ursprüngliche Wunsch. Nun kommen sie zum Einsatz: Zuzanna und Janko machen in
seinen letzten Monaten genau diese Reise. Ihre Ersparnisse plus Jankos
Haushaltsauflösung reicht genau für fünfzehn Dollar pro Tag. Wenn sie gut
haushalten, in billigen Motels übernachten, selbst kochen, ein günstiges Auto
mieten, dann könnte es reichen. Aber schon bei der Ankunft in New York läuft es
nicht wie geplant. Und überhaupt, wie lange bleibt Janko reisefähig?
Unaufgeregt und prägnant lässt Autorin Marina Schwabe ihre Protagonistin Zuzanna erzählen: Vom Reisen, wenn der Alltag die geschwisterlichen Bande mehr oder weniger belastet. Vom Erinnern, das ja immer auch sehr persönlich ist und eben nicht gleich, auch wenn man vermeintlich dasselbe erlebt hat. Vom Abschiednehmen, im Kleinen wie im Großen. Und von der Liebe, die immer da ist, aber eben nicht alles in Kauf nimmt. Das ist ein großes, schmales, wahrhaftiges Buch, das uns Leser:innen lange beschäftigt – gerade weil das Unvermeidliche, Jankos Tod, nicht schöngeredet wird und es trotzdem ungemein liebes- und hoffnungsvoll ist.
Benjamin Wood: Der Krabbenfischer
Thomas Flett ist Krabbenfischer. Sein
Großvater hat ihm alles beigebracht, was er wissen muss, niemand kennt die
Gezeiten und das Leben am und vom Meer besser als er. Aber ob er das sein Leben
lang machen kann, weiß er nicht, es sind die sechziger Jahre und Meeresschutz
steht nicht oben auf der Prioritätenliste der Regierung. Und sein Leben wird
noch eine ganze Weile dauern, er ist erst Anfang zwanzig. Auch wenn er sich
fühlt wie Anfang sechzig. Aber das ist ja bei seiner Mutter genauso, für die er
mitsorgen muss: auch sie ist frühzeitig gealtert. Jeden Tag zieht Thomas ins
Watt, manchmal auch zweimal, weil der erste Fang zu klein war fürs Überleben. Kann
er sich ein anderes Leben vorstellen? Nein. Und doch gibt es da sein geheimes
Gitarrenspiel und die vielleicht noch geheimere Zuneigung zu Joan, der
Schwester seines einzigen Freundes. Und dann kommt eines Tages Edgar Acheson
ins Cottage – und erzählt von einem Filmprojekt …
An nur zwei Tagen spielt dieser großartig erzählte Roman. Zwei Tage voller Trostlosigkeit und Aufbruch, voller immer gleicher Handgriffe und unterdrückter Sehnsüchte; und doch ist das in Summe alles andere als trostlos und deprimierend. Denn Benjamin Wood schreibt in seine Geschichte eine Hoffnung hinein, die bestehen bleibt, auch als sich Edgar Acheson als ganz anderer Mensch entpuppt, als er zu sein scheint. (Ich finde auch das Cover super – alles daran spiegelt den Inhalt wieder, ist mein Eindruck!)