Unsere Kinderbuch-Lieblinge in 2025:
Pieter Gaudesaboos / Bart Rossel: Wie macht
man das?
„Hast du schon mal eine Fabrik von innen
gesehen? Wahrscheinlich nicht. Wie wäre es, wenn du mit einer Seilbahn direkt
durch zehn außergewöhnliche Fabriken der Welt reisen würdest?“ Natürlich wollen
wir mitreisen! Natürlich wollen wir sehen, wie Tennisbälle, Feuerwerk,
Cornflakes, Schokolade, Christbaumkugeln, Kaugummi, Seife, Plastikpuppen und
Farbe hergestellt werden!
Für jedes Thema gibt es sechs großformatige Doppelseiten. Es beginnt mit einer Einführung ins Thema – bei der ersten Fabrik, der Tennisballfabrik, erfahren wir, warum es so schwierig war, das passende Material und das richtige Herstellungsverfahren zu finden. Die nächste Doppelseite ist ein Querschnitt durch die Fabrik, alle Fertigungsschritte werden erläutert und die entsprechenden Maschinen dargestellt. Auf den anschließenden Doppelseiten dann gibt’s noch dies und das Drumherum zu lesen, zum Beispiel, wer zuerst Tennis spielte oder warum Tennisbälle signalgelb sind.
Das ist kein Buch, das man in einem Rutsch durchliest. Dafür sind die Themen
viel zu interessant und bodenständig. Vor allem ist es wirklich gut gemacht,
mit den unterschiedlichsten Herangehensweisen an die Themen und ganz vielen
Details im Bildmaterial. Das bereitet nicht nur wissbegierigen Kindern ab 8
Jahren großes Vergnügen!
Gerstenberg Verlag, Übersetzung: Birgit
Erdmann, 978-3-8369-6368-8, € 28,00
Lucia Bornhofen empfiehlt (ab 9 Jahre):
Dr. Giulia Marchesi / Francesca Palazzetti: Pubertät ohne Filter
Die Kapitel heißen „Bevor’s losgeht“, „Grundausstattung“ oder „Wie geht es dir damit?“. Wichtig ist auch das letzte Kapitel mit einer Zusammenstellung der „11 Dinge, die du nie vergessen solltest“ – und das Glossar danach, in dem alle verwendeten Fachbegriffen erklärt werden. Denn Marchesi/Palazetti verwenden keine Umschreibungen, sie verwenden die offiziellen Begriffe. Sie erklären auch weshalb: Wer Begriffe richtig verwenden kann, kann sich Hilfe holen. Und Hilfe ist ihnen so wichtig, dass das Buch mit dem Hinweis darauf beginnt. Innerhalb der Kapitel gibt es immer wieder umrandete Infos, die kurz und knapp zusammenfassen, was daneben umfangreich dargestellt ist. Darum findet man, wann immer man unsicher ist, gleich die entsprechenden Infos. Außerdem sind die Illustrationen von Silvia Vanni sowohl emotional, als auch divers und informativ – ich finde sie rundum gelungen. Sie ergänzen die Infos und sorgen für Struktur.
Es ist ja nicht so, dass es keine Bücher zum Thema Pubertät gibt. Und trotzdem möchte ich dieses hier besonders hervorheben: Es erklärt umfassend (und trotzdem einfach) alles, was mit dieser Entwicklungsspanne zu tun hat. Dabei ist es den Autorinnen wichtig, nicht nur die körperlichen Veränderungen aufzuzeigen, sondern auch das Gefühlsleben zu beleuchten und die Entwicklung des Gehirns darzustellen. Jeder Satz zeugt von Empathie gegenüber Kindern und Jugendlichen, die Beiträge fördern die Selbstwahrnehmung, unterstützen und bestärken einen positiven Umgang mit sich und dem eigenen Körper. Große Empfehlung!
Magellan Verlag, Übersetzung: Cornelia Panzacchi, 978-3-7348-6096-6, € 18,00
Karen Köhler: Himmelwärts
Toni wartet auf ihre Freundin YumYum – sie wollen diese Nacht im Zelt draußen schlafen. Zum Glück hat Tonis Papa das erlaubt und deckt die beiden Freundinnen, denn YumYums Mama hätte viel zu viel Angst um ihre Tochter. Was Papa aber nicht weiß ist: Sie haben ihr ganzes Taschengeld für Süßigkeiten und Knabbereien ausgegeben. Und sie haben ein kosmisches Radio aus den alten Walkie-Talkies gebastelt. Damit wollen sie vom Garten aus ins All funken. Sie hoffen, dass Tonis verstorbene Mama sich irgendwie meldet, denn Toni hat ganz große Vermissung. So große Vermissung, dass in ihr drin alles eisekalt ist. Ob die Sternschnuppe von Mama geschickt worden ist? Richtig spannend wird es, als sich tatsächlich ein Mensch meldet – mit Astronautin Zanna reden die beiden nicht nur über Alltägliches. Diese Nacht ist magisch und so wohltuend, dass Toni innerlich tatsächlich ein bisschen zu tauen beginnt …
Erst gab es das Theaterstück – und dann hat Karen Köhler aus ihrem Bühnenwerk diesen wundervollen Roman gemacht. Es ist keine leichte Geschichte, die sie erzählt, die Trauer um eine geliebte Person zieht sich durchs ganze Buch. Und doch ist da ein Weiterleben-Können, es gibt gelingendes Miteinander und Beistand im besten Sinne. Die Bilder von Bea Davies ergänzen den Roman auf sehr besondere Weise; „Himmelwärts“ ist ein Ausnahmebuch über eine Ausnahmesituation das ich am Liebsten jedem, ob groß oder mittelklein (es ist ab 10 Jahren empfohlen), in die Hand drücken möchte.
Hanser Verlag, 978-3-446-27922-3, € 19,00
Christian Tielmann: Drachenschule Nebelsturm – Im Sturzflug ins Abenteuer
Natürlich ist es Faust-Tom, der über den Schwanz von Lüx stolpert, und nicht einer der beiden anderen Toms. Und natürlich glaubt er Milan nicht, dass da überhaupt ein Drache liegt – er kann ihn ja nicht sehen. Keiner aus Milans Klasse kann ihn sehen. Und auch die Lehrerin nicht, aber die kann Milan sowieso nicht leiden. Der Direktor verhängt einen Schulverweis … Ein paar Tage später bringt Milans Mutter ihn zu einem Schrottplatz; soll das etwa die neue Schule sein? Zum Glück ist er nicht der einzige, der dort ist und so findet er tatsächlich den Zugang zur Schule; durch Zufall nennt er an der geheimen Pforte sogar das Losungswort. Und so heißen ihn Schüler*innen und Lehrkräfte der Drachenschule Nebelsturm herzlich willkommen! So fängt das Abenteuer mit Glücksdrachen Lüx so richtig an!
Ich habe die ersten Kapitel von „Drachenschule Nebelsturm“ zweiten und dritten Klassen vorgelesen – sie hörten genau zu und waren vollkommen dabei. Denn die Geschichte ist spannend, ein bisschen lustig und auch ganz schön interessant. Zum Selbstlesen ist sie außerdem auch geeignet: Die Sätze sind nicht allzu lang, die Schrift noch etwas größer. Es gibt genug Weißraum, die alles sehr übersichtlich macht. Und dann gibt es noch toll zum Text passenden Illustrationen von Reinki/Lipkowski. Alles zusammen macht dieses Buch zu einem echten Lieblingsbuch. Zum Glück erscheint im Februar der zweite Band!
Loewe Verlag, 978-3-7432-1690-7, € 9,95
Unsere Kinderbuch-Lieblinge in 2024:
Paul Heyse: Italienische Volksmärchen
Margheritina landet statt Birnen in der Vorratskammer des Königs – und hat es dem Königssohn zu verdanken, dass alles zum Guten kommt. Geppone hingegen kommt mit List und Hartnäckigkeit zum Ziel. Aschenbrödels italienische Geschichte ähnelt der ihrer deutschen Cousine, wobei nur Aschenbrödel selbst den Schuh anprobieren muss.
Die Märchen stammen aus Pisa, Mugello oder ganz anderen Orten und sind schon vor über hundert Jahren von Paul Heyse ins Deutsche übertragen worden. Heyse studierte verschiedene Märchensammlungen italienischer Sprache und bemühte sich bei der Übersetzung der von ihm ausgewählten Texte um Korrektheit: „(…) während Wilhelm Grimm in den Kinder- und Hausmärchen sein dichterisches Feingefühl walten ließ (…), gab ich den fremden Text ohne jede eigene Zutat oder Redaktion wieder“. Das macht die vorliegende Sammlung besonders reizvoll, finde ich – die Märchen kommen unverfälscht zu uns; sie zeigen sowohl kulturelle Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede.
Nun ist das Vorlesen von Märchen ja eine durchaus zwiespältige Sache, nicht in allen Familien zählt es zum Vorlesekanon. Allen, die Märchen mögen, sei dieses Buch aber wärmstens empfohlen.
Anaconda Verlag, Übersetzung: Paul Heyse, 978-3-7306-1351-1, € 9,95
Markus Orths: Crazy Family – Die Hackebarts schnappen zu!
Familie Hackebarth hat im Familien-Spezial von „Wer wird Millionär“ dank der superklugen Lulu tatsächliche eine Million gewonnen (siehe Band 1 „Die Hackebarts räumen ab“). Nachdem ein gemeinsamer Kenia-Urlaub gebucht ist, darf jeder Geld für sich ausgeben: Mutter Adrijana, die mit ihrem Job als LKW-Fahrerin die Familie finanziell versorgt, kauft sich einen neuen Flügel, Vater Walter neue, sehr besondere Klobürsten für seine Sammlung und Opa Kuno steckt sein Geld in die Aktivitäten von „Omas & Opas for future“. Brooklyn, mit ihren 13 Jahren eigentlich immer die vernünftige, kauft jede Menge Schmuck; Zosch, völlig erwartbar, ein neues Handy; Mönkemeier natürlich jede Menge Kunstbedarf und Lulu, 6 Jahre und fast allwissend, sorgt dafür, dass sie auch in Zukunft alles zu lesen bekommt, was sie lesen möchte.
Leider bleibt dann von der Million nur noch so viel übrig, dass Walter Hackebart statt einer super ausgestatteten Villa nur eine echte Bruchbude kaufen kann. Und weil er auch schon die Wohnung gekündigt hat, heißt es für die ganze Familie in den sauren Apfel beißen und renovieren und umziehen. Zumindest die beiden Nachbarinnen, Margo und Irina scheinen supernett zu sein …
Wer wirklich lustige und zugleich spannende Geschichten lesen möchte, dem empfehle ich die beiden Bücher über Familie Hackebarth von Markus Orths. Sie sind herrlich skurril, sowohl was die Personen als auch die Handlung angeht – und spätestens wenn von Matteo die Rede ist, wird es auch richtig gefährlich. Für Selbstleser*innen ab 10 Jahren, aber auch Jüngere haben ihren Spaß, das lässt sich prima vorlesen. (Meine allererste Rückmeldung zu Band 1 bekam ich übrigens von einem Rentner, der sich köstlich amüsiert hat.)
Loewe Verlag, 978-3-7432-1881-9, € 13,95
A.Thórarinsdóttir / H.S. Bjarnadóttir: 12 Stockwerke – Mein unglaubliches Zuhause am Ende der Welt
Oma Insel – den Namen hat Dagnys Familie der Mutter ihres Vaters gegeben. Denn Oma Insel lebt auf einer kleinen Insel im Nordmeer. Kennengelernt hat Dagny ihre Oma bisher nicht, sie kam noch nie zu Besuch und Dagnys Vater wollte bisher nie zur Insel fahren. Doch jetzt ist die Oma gestürzt und nach dem Krankenhausaufenthalt wird sie Unterstützung brauchen. Also nimmt die Familie die Fähre … Doch Oma Berit (so heißt sie nämlich eigentlich) braucht überhaupt keine Hilfe. Und das Leben bei ihr ist so ganz anders, als Dagny es kennt: Alle Inselbewohner leben zusammen in einem einzigen Hochhaus, jeder muss wichtige Aufgaben übernehmen, die Ernergiegewinnung ist Gemeinschaftsaufgabe. Für ein paar Tage oder Wochen ist das kein wirkliches Problem, findet sie. Oder vielleicht doch?
„12 Stockwerke“ ist ein unglaubliches Buch! Man kann es einfach als Abenteuer- oder Freundschaftsgeschichte lesen – aber wenn man möchte, hat man genug nachzudenken über Gesellschaftsmodelle und Umweltschutz, Freundschaften und Vorurteile, Familienleben und Bedürfnisse. Witzig und spannend ist es außerdem. Große Empfehlung für Leser*innen ab 10 Jahren!
Arena Verlag, Übersetzung: Gisa Marehn, 978-3-401-60701-6, € 16,00