unsere feinen Bücher - Lieblinge des Monats November
Feine Bücher für schöne Stunden
Hier kommen die Buchempfehlungen unseres Buchvorstellungsabends im Rahmen der WuB 2026. Denn auch wenn der Abend aus Krankheitsgründen ausfallen musste: Die Bücher sollen unbedingt ihre Leser:innen finden, denn sie sind alle wirklich toll. Und dabei ganz unterschiedlich.
Alle Titel sind in unabhängigen Verlagen erschienen – die Konzernverlage haben genug Werbebugdet! – kleinere Verlage sind dabei, aber auch ein paar große Namen.
Und so ein großer Name steht auch auf der ersten Empfehlung:
Stefano Bartezzaghi: Unkorrigiertes Exemplar, Hanser Verlag
Der Untertitel lautet „1000 Fehler, 1 Mord“, und das Buch
hält was es verspricht. Es hat 100 Kapitel, die mehr oder weniger eine Seite
umfassen. Und in jedem Kapitel sind tatsächlich 10 Fehler versteckt. Das ist
schwer auszuhalten, wenn man auf jeden Fehler mit Unruhe reagiert – aber hier
darf (nein muss!), man den Fehler markieren und am besten auch am Ende des
Buches notieren, es gibt extra Seiten dafür.
Warum man das machen sollte? Weil sich auf jeder Seite ein Fehler befindet, der zum Lösungssatz gehört. Und dafür muss man eben alle Fehler überhaupt erst finden. Der Lösungssatz klärt dann den Fall um den verstorbenen Lieblingsautor …
Aber die Frage ist ja auch, warum man das überhaupt lesen sollte: Das Buch hat
einen Ich-Erzähler, der Korrektor und manchmal auch Lektor ist und außerdem ein
verkrachter Schriftsteller. Sein Lieblingsautor verstirbt plötzlich und er
lässt uns alle teilhaben an dessen Vorlieben für ungewöhnliche Texte (die auch
Teil des Buches sind) und auch an den Ermittlungen, die unser Lektor ohne Namen
zum plötzlichen Tod anstellt. Das ist einfach krass hintergründig. Und macht
irgendwie großen Spaß!
Ganz einfach zu lesen ist das aus zwei Gründen nicht: Die Fehler sind manchmal ein bisschen schwer zu ertragen. Und das Buch springt zwischen verschiedenen Büchern und Erlebnissen ziemlich wild hin und her. Aber wer gerne Rätsel löst, die länger brauchen und eben nicht offensichtlich sind, der hat hier genug zu tun und wird bestens unterhalten.
Ganz einfach zu lesen ist das aus zwei Gründen nicht: Die Fehler sind manchmal ein bisschen schwer zu ertragen. Und das Buch springt zwischen verschiedenen Büchern und Erlebnissen ziemlich wild hin und her. Aber wer gerne Rätsel löst, die länger brauchen und eben nicht offensichtlich sind, der hat hier genug zu tun und wird bestens unterhalten.
Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki und Birgit Ulmer,
978-3-446-28847-8, €15,00
Shaun Usher (Hrsg.): Diaries of Note – Tage, die die Welt
bewegten, Verlag Antje Kunstmann
„Unauffälliges Leben. Auffälliges Scheitern.“, das ist der
für dieses Buch ausgewählte Tagebucheintrag von Franz Kafka. Fanny Longfellow
auf der gegenüberliegenden Seite schreibt subtil über ihre erste
Schwangerschaft. Ein halbes Buch später versucht Eleanor Coppola ihre eigene
Kunst in Einklang mit der Rolle als Frau des Regisseurs Francis Ford Coppola zu
bringen. Dazwischen ein Eintrag aus dem Tagebuch des Schauspielers Kenneth
Williams, der von einem wilden Start in seinen Tag und einen unbefriedigenden Theaterbesuch
erzählt; direkt daneben ein Beitrag von Anne Frank, indem sie vom Einzug ins
Hinterhaus berichtet.
Shaun Ushers „Diaries of Note“ ist ein ungewöhnliches und sehr gelungenes
Projekt: Für alle 366 Tage des Jahre (ja, es gibt auch einen Eintrag für den
29. Februar …) hat er als Herausgeber einen Tagebucheintrag einer mehr oder
weniger berühmten Person herausgesucht; ganz unterschiedliche Übersetzer:innen
haben sich der Texte angenommen. Es ist eine große Vielfalt sowohl bezüglich
der Persönlichkeiten, als auch der zeitlichen Komponente – Usher hat
interessante und wegweisende Tagebuchnotizen aus fünf Jahrhunderten
herausgesucht, die meisten Einträge stammen allerdings aus dem zwanzigsten
Jahrhundert. Jedem Eintrag ist eine biografische Notiz über die:den
Schreiber:in vorangestellt, die auch die Zeit und das Umfeld beleuchtet.
Das Buch ist ein richtiger Schatz für neugierige Menschen! Wir lernen viele
ganz unterschiedliche Menschen kennen und können den Eintrag als Anstoß zum
sich-näher-mit-der-Person-Befassen nehmen – oder es lassen. Etwas gelernt über
die Weltgeschichte haben wir in jedem Fall! Dass dem Buch ein vollständiges
Register der Einträge vorangestellt ist und es mit Infos über alle
Übersetzer:innen und dem um wichtige Dinge ergänzten Bildnachweis aufhört, ist
übrigens ein weiterer Vorzug dieses wirklich gelungenen „Tagebuch-Tagebuchs“.
verschiedene Übersetzer:innen, 978-3-95614-691-6, € 48,00
Adwin de Kluyver: Die Inseln des Guten und Bösen, mare Verlag
„Von Utopien, Experimenten und Revolten, die es auf dem Festland nie gegeben hätte“, so steht es in kleiner Schrift auf dem Einband geschrieben. Ich möchte ergänzen, dass es ein Großteil der festgehaltenen Geschichten auf dem Festland gar nicht hätte geben können – denn genau die Abgegrenztheit vom Rest der Welt lässt die Ereignisse oft erst zu. Zum Beispiel, wenn ein Paar auf eine unbewohnte Insel fährt, um vollkommen unabhängig als Selbstversorger zu leben. Oder wenn ein Millionär seine Vision einer Fischfabrik nicht umsetzen kann, weil den Inselbewohnern ihre Freiheit lieber ist als eine geregelte Arbeitszeit. Auch Herstellung und Tests von höchst gefährlichen Bakterienkulturen wären auf dem Festland kaum machbar.
Adwin de Kluyver erzählt ganz unterschiedliche Inselgeschichten, gemeinsam ist ihnen ein lakonischer Tonfall und der hohe Informationsgehalt. Zwischen den längeren Texten, die jeweils eine historische Begebenheit, die sich auf der Insel zutrug, zum Thema haben, gibt es viele kürzere, die Isola. Isola waren in den frühen Zeiten der Kartografie wichtig für die Schiffsnavigation und der Autor navigiert uns Leser:innen darin thematisch zur jeweils nächsten Geschichte. Das ist geschickt gemacht und sehr interessant. Im Grunde kann man das Buch egal wo aufschlagen: Man will sofort loslesen und dann natürlich unbedingt auch dranbleiben.
Aus dem Niederländischen von Bärbel Jänicke, 978-3-86648-749-9, € 28,00
Jules Howard / Gordy Wright: Evolution – Aussterben oder
Überleben? Du entscheidest!, Loewe Verlag
„Alles begann in einem leeren Meer – vor über 600 Millionen
Jahren.“ Auch wenn dieser Satz auf Seite
drei steht – der wirkliche Start in dieses Buch, bzw. in die Evolution ist auf
Seite 8. Da wird nämlich vom Leben einer Dickinsonia berichtet, die eigentlich
nur ein schleimiger Klecks auf dem Meeresgrund ist. 40 Millionen Jahre später
ist das aber nicht mehr ganz so ungefährlich, es gibt merkwürdig gefräßige
Einzeller und die Dickinsonia muss sich „entscheiden“, ob sie Krebstier, Fisch
oder Seeschnecke werden will …
Jede Seite fordert eine neue Entscheidung, immer weiter geht es auch in der
Erdgeschichte voran. Irgendwann biegt man vielleicht falsch ab – und schwupps
landet man bei einer ausgestorbenen Art. Aber es kann auch gut sein, dass man
es ins Hier und Jetzt schafft, als Huhn, Hund oder Schmetterling.
Das ist ein echt cooles Sachbuch. Spielerisch und spannend wird hier Evolution
nicht nur erklärt, sondern ein stückweit erlebbar gemacht. Wer möchte, kann
vorher noch zwei Doppelseiten Hintergrundinfo lesen, das ist aber kein Muss.
Sich das Glossar und den Index anzusehen ist genauso wenig notwendig, aber es
ist gut zu wissen, dass dieses rundum gelungene Sachbuch auch diesen Ansprüchen
an Verständlichkeit und Übersicht gerecht wird. „Evolution – Aussterben oder
überleben?“ ist passend für Menschen ab 8 Jahren und eignet sich auch gut fürs
gemeinsame Lesen.
Aus dem Englischen von Katharina Meyer, 978-3-7432-2522-0, €
16,95
Dashka Slater / Myo Yim: Der Ganz Große, von Hacht Verlag
„Die Nachricht verbreitete sich wie der Wind durch die
Baumkronen: Der ganz Große war nah am Ufer gesichtet worden.“ So beginnt dieses
wunderbare Bilderbuch. Wunderbar ist es aus drei Gründen: Die Illustrationen
sind bunt, detailverliebt und vielfältig, es gibt immer was Neues zu entdecken
und sie passen sehr gut zum Text. Der ist inhaltlich sehr schön, hintergründig
ohne dabei einen erhobenen Zeigefinger zu haben, und wirklich spannend. Und den
dritten Grund habe ich in den Kitas erfahren – dieses Buch lässt sich toll
vorlesen. Denn es hat (neben Grund zwei, also Inhalt und sprachliche Umsetzung)
nur drei Stimmen, ist also nicht zu fordernd, und entwickelt einen Sog, der die
Kinder tatsächlich ruhig und aufmerksam macht. Dass das Buch sich noch durch
entzückende Vor- und Nachsatzblätter aus der Menge der Bilderbücher hervorhebt,
ist ein Plus, das auch die Kita-Kinder zu schätzen wussten.
Worum geht es? Der ganz Große ist gesichtet worden und nun fahren die Fischer
aufs Meer, um ihn zu fangen. Marina, das kleinste Kind des Dorfes möchte auch
mitfahren und das trifft sich sehr gut, denn Nana, die älteste Dorfbewohnerin,
kann sie mitnehmen. Sie brauchen viel Mut und Hartnäckigkeit, denn der ganz
Große ist weder einfach noch schnell zu fangen. Erst am dritten Tag gelingt es
ihnen – und dann kommt es doch ganz anders, als sie es sich gedacht haben …
Für die „Gernsheimer Bilderbucheule“ suche ich ja immer vier Bilderbücher aus,
sie kommen aus unabhängigen Verlagen, sind alle im laufenden Jahr erschienen,
unterscheiden sich grundlegend in Sprache und Illustration und sind inhaltlich
gelungen. Dieses hier gefällt mir am besten!! Und natürlich mag ich die anderen
auch sehr.
Aus dem Englischen von Katharina Naumann, 978-3-96826-078-5,
€ 19,00
Steven Uhly: Nichts als Freude!, Secession
Wie ist es, ein Buch zu schreiben? Diese Frage und noch
einige mehr möchte Mali, die Tochter von entfernten Bekannten, gerne an den
Autor Steven richten. (Das Steven das Alter Ego von Steven Uhly, dem Autor
dieses Romans ist, möchte ich gerne denken – ganz sicher ist das aber nicht;
wie schon im letzten Roman spielt er mit Biografien und Möglichkeiten.) Er
trifft sich mit ihr, morgens im Café, während seine Frau an einem Treffen von
Übersetzer:innen buddhistischer Texte teilnimmt. Es beginnt ein Dialog, der
sehr genau analysiert, was Worte bedeuten, wie das Erzählen Wirklichkeit
erschafft und gleichzeitig Möglichkeiten nimmt. Auch übers Lesen an sich reden
die beiden und, was Gefühle mit der Erinnerung zu tun haben.
Auch dieses Buch ist nicht ganz so einfach zu lesen, der Autor macht es uns
Nicht-Philosoph:innen nicht immer leicht, ihm zu folgen. Aber es stecken viele
kleine Weisheiten darin, die ich mir am liebsten gleich notieren wollte. Hier
wird ja nicht nur das Schreiben verhandelt, sondern das Leben und Lieben an
sich. Und das natürlich auch in der Nebenstory, in der es um das Miteinander
von Steven und seiner Partnerin Claire geht.
„Das Schreiben hatte mich tatsächlich gerettet, weil es mich davor bewahrt
hatte, den Glauben an die Wahrheit zu verlieren.“ – so steht es auf der
Rückseite des Buches. Und wenn man Steven Uhly bei seinen Überlegungen in
folgt, rettet auch das Lesen ein bisschen, einfach durch die Anwesenheit von
Wohlwollen und Klugheit in seinem Text.
978-3-96639-148-1, € 22,00
Patrick Charnley: Weiterleben, Dumont Verlag
Jago Trevarno ist Anfang zwanzig und lebt bei Onkel Jacob, seinem einzigen Verwandten. Jacob ist gelassen und ein bisschen sonderlich, aber genau das tut Jago gerade sehr gut: Sein Gehirn war infolge eines Herzstillstandes vierzig Minuten ohne Sauerstoff und geblieben sind ihm davon ein extrem schlechtes Gedächtnis, eine gewisse Langsamkeit im Tun und auch eine schlechte Balance in seinem Gefühlsleben. Jacob gibt ihm nicht nur ein Dach über dem Kopf, er sorgt eigentlich in jeder Hinsicht für ihn – und lässt Jago gleichzeitig so viel Freiraum, dass diese Fürsorge wohltuend ist. Gemeinsam kümmern sie sich um den Hof, die Felder, den großen Garten; die Tage haben gut strukturierte, fassbare Abläufe und Jago genießt alles daran. Unruhe breitet sich in ihm erst aus, als Bill Sligo ins Spiel kommt. Der Nachbar setzt alles daran, ein Feld von Jacob zu bekommen, das in irgendeiner Form wichtig für seine Geschäfte ist. Man hört nichts Gutes über Sligo und so versucht Jago, mehr über dessen Aktivitäten herauszufinden. Wie gefährlich kann Sligo für ihn und Jacob werden?
„Weiterleben“ ist ein unkompliziert erzählter Roman, die Sprache scheint genau passend zu Jagos Gesundheitszustand, sie ist ein bisschen gefühlig und sehr direkt. Das liegt vielleicht daran, dass der Autor Patrick Charnley genau diese Gesundheitsdisposition hat – alles, was mit Jagos Gesundheitszustand zu tun hat, hat Charnley selbst so erlebt. Und doch ist das kein Buch über eine Krankheit. Es ist ein Buch über das Leben mit all seinen Sonnen- und Schattenseiten, ein Buch, das Mut macht und uns Leser:innen (wieder?) an das Gute im Menschen glauben lässt. Trotz dass mit Bill Sligo ein wirklicher Übeltäter in die Fast-Idylle einbricht.
Es gibt Romane, nach deren Lektüre man leicht lächelnd zurückbleibt. „Weiterleben“ ist einer davon.
Aus dem Englischen von Michaela Grabinger, 978-3-7558-0050-7, € 24,00
Natsu Miyashita: Der Klang der Wälder, Insel Verlag
Als der zurückhaltende Tomura die Aufgabe bekommt, dem
Klavierstimmer den Raum zu öffnen, in dem der Konzertflügel der Schule aktuell
steht, öffnen sich ihm Welten: Er hört nicht nur die Töne, die Itadori aus dem
Flügel zaubert, er sieht und riecht den Wald, die Berge, die Bäume und Bäche
seiner Heimat. Tomura hatte bisher noch keine Berührungspunkte mit Instrumenten
oder klassischer Musik – er ist vollkommen gebannt davon. Und auch von der
Arbeit des Klavierstimmers, der dieses Wunder zu vollbringen in der Lage ist.
Ohne zu wissen, was das genau bedeutet (auch hinsichtlich seiner Familie),
beschließt er, Klavierstimmer zu werden. Nach zwei Jahren auf der Berufsschule
bekommt er eine Anstellung in der Firma, in der auch Itadori arbeitet. Doch
seine Ausbildung ist noch lange nicht beendet – dieser Beruf verlangt sehr viel
Erfahrung, die er sich nach und nach erarbeitet. Und dann hört er Kazune
spielen, deren Können ihn vollkommen begeistert …
Ich weiß nicht, ob Sie klassische Musik hören und mögen. Tomura, um den es in
diesem Roman geht, beschäftigt sich erst nach der Begegnung mit Itadori damit
und lernt eine ganze Welt kennen, die ihn begeistert und zu der er gehören
möchte. Beruflich ist das ein sehr langer Weg – das wird in diesem Buch
deutlich. Es ist in Ich-Form sowie eher zurückhaltend erzählt, und absolut
hinreißend, weil wir Leser:innen direkt erleben, was Musik vermag. (Ja, wir
lernen auch was dabei …) Tomuras Straucheln, sein Bestreben zu lernen, der
Clash zwischen Innen- und Außensicht, seine Suche nach Glück: Das alles erleben
wir mit und natürlich denken wir „nebenher“ über unser eigenes Leben nach.
Tolles Buch.
Aus dem Japanischen von Sabine Mangold, 978-3-458-68217-2, €
12,00
George Moore: Albert Nobbs, Pendragon Verlag
Das Morrison’s in Dublin ist ein großes Familienhotel, so
erzählt George Moore – der hier quasi eine doppelte Erzählerrolle einnimmt -, seine
Familie habe stets dort übernachtet und immer wären sie wohlversorgt. Das hätte
vor allem am Etagenkellner Albert Nobbs gelegen, der seine Arbeit zuverlässig
und nahezu unsichtbar erledigte. Moore hatte als Kind ein wenig Angst vor ihm, vor
seinem langen Hals, dem Auftauchen aus dem Nichts. Anders war es mit dem
umgänglichen und charmanten Maler Hubert Page, den mochten alle, Moore
eingeschlossen.
Nun begab es sich, dass Hubert Page, da sein Zug sehr morgens früh abfuhr,
ausnahmsweise im Hotel Morrison’s nächtigen wollte. Da kein Zimmer frei war,
versuchte die Direktorin Nobbs dazu zu bewegen, sein Zimmer mit Page zu teilen.
Nobbs fand immer neue Ausflüchte, schließlich sprach die Direktorin ein
Machtwort und entschied über seinen Kopf hinweg. In dieser Nacht änderte sich
alles für Nobbs – nicht nur weil es Hubert offenkundig wurde, dass eine Frau
als Etagenkellner arbeitete. Sondern auch, weil Hubert selbst weiblich war. Es
eröffneten sich ganz andere Möglichkeiten für Nobbs Zukunft …
Diese Novelle ist mehr als hundert Jahre alt, sie verhandelt die damaligen
Lebensmöglichkeiten von Männern und Frauen. Natürlich hat sich einiges geändert
– aber das mit der Gleichberechtigung hat sich (noch) nicht durchgesetzt, trotz
gesetzlicher Vorgaben. Ob bei der Bezahlung (laut Statistischem Bundesamt
hatten Frauen im Jahr 2025 einen Durchschnittslohn, der um 4,24 € niedriger
liegt als der Durchschnittslohn von Männern) oder der Verteilung der
Familienarbeit, ob bei den Einstellungskriterien („Möchten Sie Kinder
bekommen?“) oder den Möglichkeiten, alleine unterwegs zu sein. Oder, oder,
oder.
Da ich Bücher mag, die mich zum Nachdenken anregen – besonders, wenn sie
sprachlich und inhaltlich ganz eigen sind – habe ich diese Novelle sehr gerne
gelesen und möchte sie ziemlich vielen Menschen in die Hand drücken.
Aus dem Englischen von Stefan Weidle, 978-3-86532-967-7, €
20,00
Selma Lagerlöf: Sancta Lucia – Schwedische
Weihnachtsgeschichten, Reclam Verlag
Da müssen das kleinste Kind und die Großmutter zuhause
bleiben, während alle anderen zur Christmette fahren – die
Weihnachtsgeschichte, die die Großmutter in dieser Nacht erzählt, ist ein
Erinnerungsschatz, den das Kind lange hütet. Der jungen Ehefrau Lucia, die die
Vorräte ihres Gatten verschenkt und nicht nur damit den Zorn ihrer Tante auf
sich zieht, steht die Heilige Lucia bei. Und Ruster, dessen Können als
Notenschreiber kaum noch gebraucht wird und der darum seinen Flachmann viel zu
oft nutzt, entdeckt die Notwendigkeit, sich zu ändern und bekommt eine
Anstellung als Hauslehrer.
Das traditionelle schwedische Weihnachtsfest wird von langer Hand vorbereitet.
In den Wochen vorher sind alle im Haus damit beschäftigt, verschiedene Gerichte
zuzubereiten, zu backen, zu putzen und alles schön zu machen. Jeder hilft mit –
denn alle wissen, an Weihnachten wird geschlemmt, getanzt, gesungen, Freude und
Lachen sind überall. Und der Weihnachtsfreude wird auch durch die vielen
Geschichten der Weg gebahnt, Geschichten von Menschen, denen auf ungeahnte
Weise Gutes widerfährt.
Selma Lagerlöf steht in dieser schwedischen Erzähltradition. Ihre
Weihnachtsgeschichten sind zum Vorlesen nur geeignet, wenn man sich Zeit und Muße
nimmt, denn nur wenige sind kurz. Aber dafür ist das Buch sowieso nicht
gemacht; denn die Illustrationen von Carl Larsson, die in die Geschichten hineingewoben
sind, passen eigentlich nur zum stillen Lesen. Das ist dann allerdings auch
eine echte Freude.
Aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs, Nele Herbst,
Christel Hildebrandt, Pauline Klaiber-Gottschau und Birgit Rychter,
978-3-15-011615-9, € 16,00