Lieblinge des Monats August:
Peter Grainger: Ein unglücklicher Tod
„Ein unglücklicher Tod“ ist der Auftakt der Reihe um DC Smith. Sein Vorgesetzter beschreibt ihn – er meint das eher als Tadel – als den „aufrechtesten, unkonventionellsten und schwierigsten Ermittler der gesamten Abteilung“ – und ich kann dem Autor Peter Grainger nur zu diesem beeindruckenden Protagonisten gratulieren. Smith ist grundsolide und klug, er traut sich, gegen den Strom zu schwimmen. Gleichzeitig hat er einen unbestechlichen Blick, was politische, verwaltungsrechtliche aber auch militärische Systeme angeht. All das braucht er in seinem ersten Fall. Ich bin gespannt auf die beiden weiteren Bücher, die noch in diesem Jahr erscheinen sollen, sie liegen gedanklich schon auf meinem SuSch.
Diogenes Verlag, Übersetzung: Eva Regul, 978-3-257-30120-5, € 18,00
Johanna Sebauer: Das Gurkerl
Es ist ein knallheißer Julitag. Lokalreporter Pertak eilt mit großen Schritten und telefonierend durchs Großraumbüro auf sein Büro zu – erst für die Jause kommt er wieder heraus. Für diese durchschneidet er in der Küche eine Semmel, öffnet das Gurkenglas. Und da passiert es: Gurkenwasser spritzt ihm ins Auge, was eine lange Reihe von Flüchen auslöst. Am nächsten Tag geht der Pertak genauso zielstrebig wieder in sein Büro, diesmal trägt er Augenklappe. Im Büro schreibt er eine aufgeladene Kolumne über die Gefährlichkeit von Essiggurken. Denn natürlich kann das Unglück mit dem Gurkenwasser nicht am Pertak gelegen haben, und am Zufall schon gar nicht. Sondern daran, dass eingelegte Gurken eine grundsätzliche Gefahr darstellen, die es einzuhegen gilt. Überflüssig sind sie außerdem. Schon bald wird die Kleinstadt ein Ort, an dem man sich genau positionieren muss, Gurkerlfreund oder -feind, damit man ein halbwegs angenehmes Leben führen kann …
„Das Gurkerl“ ist eine großartige Satire, die uns mit ihren verschieden Eskalationsstufen den Spiegel vorhält: Weshalb verrennen wir uns in Diskussionen über vollkommen unwichtige Dinge? Warum ist es uns so wichtig, unsere Mitmenschen im Meinungsspektrum genau verorten zu können? Und wieso erlangt etwas ganz plötzlich Wichtigkeit um genauso schnell wieder in der Versenkung zu verschwinden? Das alles kann man sich nach der Lektüre fragen. Man kann aber auch einfach nur diese witzige, kluge und beeindruckend illustrierte Geschichte genießen.
Wolf Iro: Was jetzt zählt – Gegen den alltäglichen Rechtsextremismus
Die Reihe „Einspruch“ des Wagenbach-Verlags steht für kurze, prägnante Texte zu aktuellen Themenstellungen, bisher gibt es drei Bände, die in loser Folge erschienen sind. Aktuell, in doppeltem Sinne, ist „Was jetzt zählt“, in dem Wolf Iro analysiert, was jetzt zu tun ist, damit der Rechtsextremismus keine Wahlen gewinnt. Ja, zeitlich ist das eng. Das Buch beginnt sogar mit einem Vorwort, in dem über die Zeit nach dem Wahlgewinn der Rechtsextremisten fantasiert wird, mit deren Wahlprogramm als Grundlage für den zeitlichen Ablauf des Geschehens. Spoiler: Natürlich geht das nicht gut aus.
Aber Iro ist kein Pessimist. Vielmehr möchte er seinen Leser:innen Werkzeuge an die Hand geben, aktiv zu werden. In zehn Kapiteln zeigt er auf, wie Rechtspopulismus funktioniert und was man ihm entgegensetzen kann. Aber auch, wie wichtig die korrekte Anwendung der Begriffe „rechts“ und „rechtsextrem“ ist, sowie was eigentlich normal und was absonderlich ist, jenseits des faschistischen Framings. Er schließt mit einer To-Do-Liste, die sich sowohl an uns als normale Bürger:innen, als auch an Politiker:innen jenseits rechtsextremer Positionen wendet.
Mir gefällt übrigens seine Idee des „Verfassungspatriotismus“. Denn das Grundgesetz ist verdammt gut „gestrickt“!
Cornelia Funke / Simona Ceccarelli: Gespensterjäger auf eisiger Spur – Graphic Novel
Toms Tag fängt schon schlecht an. Irgendwie geht alles schief, der Wecker fällt runter, das Wasserglas um, er rutscht aus und beim Frühstück wirft er den Orangensaft um. Seine Mutter schickt ihn in den Keller, neuen Saft holen; hier zerspringt die Lampe, die Tür schlägt zu, seine Schuhe kleben am Boden fest – aber vor allem greift ein Gespenst nach ihm! Natürlich glaubt das weder seine Mutter noch seine ältere Schwester. Oma aber schon. Sie gibt ihm die Adresse der Gespensterjägerin Hedwig Kümmelsaft – doch schon bei deren erster Begegnung mit Toms Gespenst ändert sich die Aufgabe der beiden. Denn Toms Gespenst ist vor einem viel gefährlicheren Gespenst geflohen. Ob Hedwig Kümmelsafts Gespenster-Vertreib-Mittel helfen?
Die Gespensterjäger-Reihe von Cornelia Funke zählt zu den Klassikern der Kinderliteratur. Allerdings gibt es erst seit ein paar Wochen auch die Graphic Novel – und die kann ich wärmstens empfehlen! Die Illustratorin Simona Ceccarelli hat viele Details eingearbeitet und – das fällt mir immer besonders auf – auch die Mimik bildet eine Vielzahl von Gefühlen ab. Comics sind übrigens beste Leseförderung: Weil der Text durch die Bilder ergänzt wird, lassen sich sehr komplexe Geschichten erzählen. Und wer genau hinsieht, entdeckt sogar kleine „Nebengeschichten“. Das macht wirklich viel Spaß und spannend ist es auch! Band zwei bis fünf gibt’s derzeit „nur“ als Geschichte und vielleicht motiviert das zum Lesen von längeren Texten. Empfohlen ab 8 Jahren.
Martine Gasparov / Emilie Boudet: Die Comicothek der Philosophie – Natur
Das erste Kapitel stellt sich der Frage, ob die Natur das Gegenteil ist von dem, was künstlich ist. Die Philosophen der letzten zweitausend Jahre haben das unterschiedlich beantwortet – dass alle Antworten in sich schlüssig sind, ist auf den ersten Blick erstaunlich. Allerdings ist das ja genau das Wesen der Philosophie: Den Dingen in vielfältiger Weise und manchmal eben uneindeutig auf den Grund zu gehen. Kapitel zwei vertieft das noch und fragt: „Kann zwischen Natur und Kultur unterschieden werden?“. Und Kapitel drei nimmt dann uns Menschen in den Blick: „Haben wir Menschen Pflichten gegenüber der Natur?“
Das ist wirklich eine super spannende Idee: den Zugang zur Philosophie in Comic-Form zu gestalten. Im Verlag Jacoby & Stuart sind gerade Band 3 und 4 dieser Reihe erschienen, es gibt nun also Wahrheit, Kunst, Technik und Natur. Tatsächlich überzeugt auch die Umsetzung – die Texte sind kurz, die Illustrationen ergänzen sie sehr gut und Worterklärungen finden sich auch auf den jeweiligen Seiten, denn manchmal lassen sich Fremdworte einfach nicht vermeiden. Ganz einfach ist das alles nicht, man muss sich schon Zeit nehmen und sich auf diese Bücher einlassen. Aber es lohnt sich! Empfohlen ab 14 Jahren.
Ralf Schwob empfiehlt: Kristin Hannah: Die Frauen jenseits des Flusses
Frances McGrath ist zwanzig Jahre alt und lebt in der 60er Jahren mit ihrer Familie beschützt auf einem Privatanwesen in Südkalifornien. Als ihr Bruder mit der Air Force in den Vietnamkrieg zieht, fasst die naive Frances den Plan, im Krankenschwestern-Corps der US-Army ebenfalls ihren Beitrag zur Verteidigung der Freiheit zu leisten. Zum Leidwesen ihrer Eltern absolviert sie tatsächlich die Schwestern-Ausbildung und wird kurz darauf in Vietnam eingesetzt.
In einem Lazarett an der Front lernt sie schnell das grausame Gesicht des Krieges kennen und gerät sogar mehrfach selbst unter Beschuss. Nächtelange Einsätze, Notamputationen und das tägliche Leiden und Sterben sind für sie nur erträglich, weil sie unter ihren Kolleginnen, die meist aus weniger privilegierten sozialen Schichten in den USA als sie kommen, verlässliche Freundinnen findet.
Frances wahre Bewährungsprobe wartet aber schließlich nach Ende ihres Einsatzes in der Heimat auf sie: Genau wie die heimgekehrten Soldaten leidet sie unter einem Trauma und den Anfeindungen einer Gesellschaft, in der sich die öffentliche Meinung gegen den Krieg gewandt hat. Frances greift immer öfter zu Alkohol und Drogen und ist dabei, sich selbst zu ruinieren, bis eines Tages Barbara, eine ihrer Schwesternfreundinnen aus Vietnam, bei ihr vor der Tür steht …
Die Frauen jenseits des Flusses ist ein spannender Roman, der eine bisher selten dargestellte Seite des Vietnamkriegs zeigt, nämlich dass neben den männlichen Soldaten auch ca. 11.000 Frauen dort in verschiedenen Funktionen für die USA im Kriegseinsatz waren.
Aufbau Taschenbuchverlag, 978-3-7466-4278-9, € 15.00