Belletristik Lieblinge in 2021 - 2020 - Buchhandlung und Verlag Bornhofen in Gernsheim am Rhein

Homesymbol

Öffnungszeiten: MO-FR 09:00 - 12:30 | 14:00 - 18:30 | SA 09:00 - 13:00 | FON 06258 4242 | FAX 06258 51777 | MESSENGER 0170 234 2006Wieder lieferbar: Die Neuauflage von Ralf Schwobs ganz besonderer Erzählung "Der stillste Tag im Jahr" ist verfügbar!Der Veranstaltungsreigen geht in Kürze wieder los - Freuen Sie sich aber schon mal mit uns auf ...Unser Archiv wird gerade aktualisiert - nach 15 Jahren und hunderten Terminen und weit über tausend Rezensionen wird es mal Zeit -vielen Dank für Ihre Geduld!  

Kopfzeilesymbole
Newsletter     Hilfe        tolino Webreader         Öffnungszeiten          Wunschliste           Login / Mein Konto
Stickyhomesymbol
Direkt zum Seiteninhalt
unsere Belletristik-Lieblinge in 2020:
Ralf Schwob empfiehlt: Junger Mann zum Mitreisen gesucht …

Wenn eine Geschichte so beginnt, dass ein schüchterner Jugendlicher in der österreichischen Provinz der 70er Jahre sich in die deutlich ältere Frau des coolsten Dorf-Truckers verliebt, dann hat man ja schon so eine Ahnung, wie das weitergehen und enden wird – zumal auch der Klappentext genau in diese Richtung zu weisen scheint. Noch dazu scheint die Angebetete dem Werben des übergewichtigen Jungen nachzugeben, unternimmt Spazierfahrten mit ihm und lässt sich von ihm Englisch beibringen, wenn ihr bärbeißiger Gatte mal wieder mit dem LKW in Südosteuropa unterwegs ist. Etwa in der Mitte des Romans aber nimmt der wortkarge Mann den eingeschüchterten Jungen in seinem Laster mit nach Griechenland, damit der ihm dort Frachtpapiere übersetzten kann, und hier beginnt ein ganz andere Geschichte, die weder der junge Mann noch die Leserschaft so erwartet haben dürften …

Wolf Haas‘ Roman besticht durch eine unnachahmliche Mischung aus Wortwitz, Humor und Tiefgang, wie sie auf diese Art und Weise fast nur bei Autor*innen aus Österreich zu finden ist. Was wie eine konventionelle Liebesgeschichte beginnt, wandelt sich zu einem verrückten Road-Trip, an dessen Ende vieles anders ist, als man anfänglich geglaubt hat … Für den jugendlichen Protagonisten der Geschichte genauso wie für die Leserschaft.

Wolf Haas: „Junger Mann“, Verlag Hoffmann und Campe, 978-3-455-00858-6, € 14,00, eBook € 9,99

„Schreib doch mal ein vernünftiges Buch“

So beginnt Jerome K. Jeromes köstliches Tagebuch „Zwei Mann auf Pilgerfahrt“. Im Vorwort erklärt er von einem Bekannten gebeten worden zu sein, ein „vernünftiges Buch“ zu schreiben – und so berichtet er über einen Besuch in Deutschland. Genauer gesagt beginnt er damit, den Kalender zu prüfen, festzustellen, dass er Tante Emma entgehen kann, um sich dann, gemeinsam mit Freund B., auf die lange Zugfahrt zu begeben. Mitsamt Müdigkeit, schlechter Verständigung, Kaffee und Brötchen. Ziel ist eine Theatervorstellung, zu der sie noch nicht einmal Freikarten haben, eine Unvorstellbarkeit, und dazu noch mitten in der Provinz: Sie wollen die Passionsfestspiele in Oberammergau besuchen.

Jerome K. Jerome mochte Deutschland und die Deutschen sehr, er ist mehrfach durch unser Land gereist. Genau das macht einen großen Reiz dieses Buches aus: Er beschreibt die Gegenden und unsere Eigenarten mit genau dem gleichen leichten Spott, mit dem er auch dem eigenen Land und den Landsleuten begegnet. Das ist ausgesprochen köstlich zu lesen! Gerade auch, wenn man Mark Twains „Bummel durch Europa“ kennt (das nur etwas mehr als eine Dekade älter ist) und sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede entdecken kann. Ich plädiere übrigens fürs laute Vorlesen …

Jerome K. Jerome: „Zwei Mann auf Pilgerfahrt“, Übersetzung: Alexander Pechmann, Verlag Jung und Jung, 978-3-99027-237-4, € 22,00, eBook € 17,99
  
Im Schlafzimmer blühende Obstgärten

Diesen Satz legt Camilo Sánches Johanna von Gogh-Bonger in den Mund, bzw. er lässt sie ihn in ihr Tagebuch eintragen, in den letzten Pariser Monaten, sie meint damit eines der Bilder dort. Ihr Mann Theo van Gogh schwankt zwischen Lethargie und einer überbordenden Aktivität: Er möchte mit allen Mitteln eine große Ausstellung ebendieser Bilder seines Bruders Vincent in einer der Galerien platzieren. Doch das gelingt ihm nicht, die Wucht der Bilder und ihre unglaubliche stilistische Vielfalt überfordern die Galeristen. Die Trauer um seinen Bruder und die Absagen bringen Theo über den Rand seiner Belastbarkeit – und damit auch Johanna, die sich in steter Sorge um ihn aufreibt und wegen des gemeinsamen Sohnes versucht, gleichzeitig ein halbwegs normales Leben zu führen. Theo wird seinen Bruder nur wenige Monate überleben. Johanna van Gogh-Bonger hingegen gelingt es, mit Fleiß, großer Sorgfalt und einem unglaublichen Gespür für den richtigen Zeitpunkt, Vincent van Goghs Werke bekannt zu machen …

„Die Witwe der Brüder van Gogh“ ist ein schmales Buch, keine 180 Seiten hat es. Die Sprache ist eher knapp, die Tagebucheinträge dazwischen hingegen oft bildhaft, gerade wenn es um Beschreibungen von van Goghs Gemälden geht. Camilo Sánchez gelingt es, den Maler nicht zu überhöhen und trotzdem als das Genie darzustellen, das er war – und doch ist Johanna van Gogh-Bonger in diesem Roman eindeutig die (sehr faszinierende) Hauptperson. Sehr lesenswert.

Camilo Sánchez: „Die Witwe der Brüder van Gogh“, Übersetzung: Peter Kultzen, Unionsverlag, 978-3-293-20725-7, € 10,95, eBook € 8,99    

Überleben

11000 – so viele Meter tief ist der Marianengraben.  Paula weiß das, weil Tim, ihr jüngerer Bruder, der größte Fische- und Ozeanliebhaber war, den man sich nur vorstellen kann. Seit Tim gestorben ist, befindet sie sich selbst dort, weitab von anderen, weitab vom Alltag, weitab jeder Normalität. Die Vorstellung, beim Besuch des Grabes anderen Menschen zu begegnen, findet sie unerträglich: Darum schlägt ihr Therapeut vor, es in der Nacht zu besuchen. Auch wenn das erst einmal absurd klingt, Paula findet sich tatsächlich beim nächsten Vollmond an Tims Grab wieder. Und lernt Helmut kennen, der ein paar Gräber weiter mit dem Spaten zugange ist …

Jasmin Schreiber hat einen bezaubernden Roman geschrieben, in dem es nicht an Humor fehlt – und dass, obwohl die Themenstellung „Verlust eines geliebten Menschen“ alles andere als vergnüglich ist. Paula und Helmut sind ein großartiges, völlig gegensätzliches „Paar“, das sich auf den ersten Blick überhaupt nicht ergänzt, auf den zweiten sehen wir Leser*innen, dass sie einander genau das geben können, was nötig ist: eine Mischung aus Nähe und Distanz, flapsige Wortwechsel inklusive. Eines meiner Frühjahr-Highlights.

Jasmin Schreiber: „Marianengraben“, Eichborn Verlag, 978-3-8479-0042-, € 20,00, eBook € 14,99, Hörbuch € 18,00
 
Faszinierende Einblicke

Sie könnten unterschiedlicher nicht sein, die drei Schwestern Barbara, Rosa und Martina, und auch ihre Stellung innerhalb der Familie ist verschieden: Barbara, die Älteste, macht nüchtern ihr Ding. Rosa, die Mittlere ist des Vaters Lieblingskind und eine erklärte Schönheit. Und Martina, Martl, hat irgendwie immer an allem Schuld. Es fängt schon damit an, dass sie wieder kein Junge geworden ist, wo der Vater sich nichts sehnlicher wünscht als einen Jungen. So liebevoll und großzügig wie er mit Röschen umgeht, so jähzornig ist er zu Martl. Es ist ein kleines Glück für sie, dass es in den letzten Kriegsjahren nicht genug Lehrer gibt – so wird sie Lehrerin, ohne studieren zu müssen. Denn studieren darf ein Mädel auf gar keinen Fall, nicht Mitte der vierziger Jahre und nicht bei einem konservativen Vater, dessen Vorstellungen von Familie und Ehe sich sehr mit denen der Nazis decken.

Ursula März hat ein großartiges Porträt ihrer Tante geschrieben: Mit jedem Satz liest man die große Zuneigung, aber auch den Zwiespalt – denn die Patentante ist weder entgegenkommend noch weitherzig. Und doch eine verlässliche Größe im Leben der Autorin. März lässt uns Leser*innen tief blicken in eine Familie, die selbstverständlich vom Vater dominiert ist. In der aber trotzdem alles irgendwie ungewöhnlich ist, bis hin zum letzten Lebensabschnitt des Vaters, der sich ausgerechnet von Martl pflegen lässt. Und bis hin zu Tante Martl selbst, die mit den Jahren auch nicht einfacher wird. „Tante Martl“ ist ein Buch voller feinem Humor und großer Weisheit, rührend, traurig und trotzdem lebensfroh …

Ursula März: „Tante Martl“, Piper Verlag, 978-3-492-05981-7, € 20,00 eBook € 18,99
Ein neuer Noll?

Ja und nein … Ingrid Noll, Kriminalautorin aus Weinheim, ist für ihre hintergründig-ironischen Romane bekannt. Bücher, in denen vieles gegen den Strich gekämmt wird und selten etwas so weitergeht, wie es anfängt. Als Autorin von Kurzgeschichten hatte ich sie bisher nicht auf dem Schirm, obwohl der Nachweis am Ende des Buches Auskunft über einige Anthologien gibt, in denen Texte von ihr veröffentlich wurden. Das hat sich nun geändert, denn im Diogenes Verlag ist ein Buch nur mit Erzählungen erschienen – und ich habe es sozusagen „mit Genuss verspeist“.

„Diebe und Triebe“ lautet der erste Teil und darin sind genau die Geschichten vereint, die „typisch“ Ingrid Noll sind: kriminell, mit ungewöhnlichen Drehungen und erstaunlichem Personal. Der zweite Teil „Lust und Last der Liebe“ vereint tatsächlich Liebesgeschichten, allerdings solche, die fern ab der Romantik sind – großes Vergnügen inklusive. Und so geht es weiter mit tierischen, mythischen und biographischen Geschichten. Nicht alle halten, was das Buch verspricht, aber nahezu alle. Und das ist für eine solche Sammlung ein ziemlich guter Wert …

Ingrid Noll: „In Liebe Dein Karl“, Diogenes Verlag, 978-3-257-07096-5, € 24,00 eBook € 20,99,  CDs € 24,00

Kurze Zeit

Hans Bauer hatte sich vier Monate völlig Auszeit gegönnt. Vier Monate nach acht Jahren durchgehender Rechtsanwaltstätigkeit, vier Monate ohne Nachrichten, nur mit persönlichen Briefen. Als er Ende April 1933 nach Berlin zurückfährt, beginnen schon im Zug die Machtspiele gegenüber den jüdischen Mitbürgern – Bauer ist entsetzt, schweigt aber wie die anderen auch. In Berlin angekommen, gibt es schon größere Veränderungen: Sozius Dr. Schwartz musste seine Zulassung zurückgeben, ein anderer Arzt hatte die Praxis von Dr. Aaron übernommen, beide haben jüdische Wurzeln. Vor allem aber unternimmt die Polizei nichts gegen Taten von SA-Leuten, ganz egal, wie schwerwiegend diese sind. Bauer verschweigt seinen jüdischen Urgroßvater und versucht, unauffällig zu bleiben, merkt aber schnell, dass er sich dann gemein machen muss mit Nazis und SA. Eine sehr gefährliche Zeit beginnt, die er letztendlich nur knapp überlebt.

Felix Joachimson, 1902 in Hamburg geboren, arbeitete einige Jahre als Journalist in Berlin, emigrierte 1933 nach Österreich und Ungarn und 1936 schließlich in die Vereinigten Staaten. Dort verfasste er unter dem Namen Felix Jackson Drehbücher und Romane – „Berlin, April 1933“ ist sein dritter Roman, den er mit fast achtzig Jahren erst veröffentlichte. Es ist ein zutiefst beeindruckender Text, der sehr anschaulich, auf einer sehr nachvollziehbaren, menschlichen Ebene, aufzeigt, wie schnell Hitler sein Regime etablierte und welche perfiden Machtsysteme er dafür nutzte. Ich möchte dieses Buch jedem Erwachsenen in die Hand drücken und sagen: „Lies!“

Felix Jackson: „Berlin, April 1933“, Weidle Verlag, Übersetzung: Stefan Weidle, 978-3-938803-88-2, € 23,00

Unbekannt

Alfred Russel Wallace war Engländer und in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts in Südamerika und Malaysia als Sammler tätig. Während längerer Aufenthalte dort hat er Tausende von Käfern und Schmetterlingen eingefangen und katalogisiert – und dabei ist er immer wieder auf die Schwierigkeit gestoßen, ob etwas eine eigene Art, eine Unterart oder „nur“ eine Variation ist. Über diese Frage kam er der Entstehung der Arten auf die Spur, und zwar vor Charles Darwin, den er in einem Brief über seine These unterrichtete. Trotzdem ist Wallace kaum bekannt, Darwin hingegen kennt jedes Schulkind.

Der Autor Anselm Oelze nähert sich Wallace auf zwei Ebenen: Da ist Wallace selbst, „der Bärtige“, der aus seinem Leben und von seinem Tun berichtet. Und da ist Albrecht Bromberg, der Museumswärter in der Jetztzeit. Durch Zufall wird Bromberg an einem Tag gleich zweimal mit einem Bild von Wallace konfrontiert – das irritiert ihn so, dass er diesem Menschen auf die Spur kommen will.

Oelzes Debutroman über den unbekannten Außenseiter Alfred Russel Wallace ist mit 250 Seiten eher schmal, vor allem aber ist er sprachlich beeindruckende, historisch interessante und überaus kluge Unterhaltung.

Anselm Oelze: „Wallace“, Schöffling & Co., 978-3-89561-132-2, € 22,00, eBook € 17,99, Hörbuch € 22,00

Zurück zum Seiteninhalt