Lieblinge des Monats Dezember
Ursula K. Le Guin: Der Tag vor der
Revolution
„Neun Leben“ – so heißt die erste von 26
Kurzgeschichten von Ursula K. Le Guin, die in dieser neuen Sammlung bei Fischer
Tor, neu übersetzt von Karin Nölle, erschienen sind. „Neun Leben“ stammt aus
dem Jahr 1969 und spielt auf dem fernen, instabilen Planeten Libras, dessen
Uran-Vorkommen wichtig für die Erde sind. Captain Pugh und Leutnant Martin, als
einzige dauerhaft auf Libras stationiert, erhalten Hilfe von einem
Zehn-Personen-Klon. Doch bei einem Erdbeben sterben neun und nur Kaph überlebt:
Kann er ohne die anderen überhaupt leben? Ein weiteres Erdbeben erfasst den
Planeten, als Leutnant Martin weit draußen ist, mitten im Epizentrum. Dass Captian
Pugh einen Rettungsversuch unternimmt, ist für Kaph unfassbar – aber Pugh
Handeln scheint ihn von Mitmenschlichkeit zu überzeugen …
Das Buch „Der Tag vor der Revolution“ ist Ende Oktober erst erschienen und ich habe noch nicht alle Kurzgeschichten gelesen. Denn man braucht nicht nur Zeit für die Erzählungen – man braucht auch Zeit über sie nachzudenken. Ursula K. Le Guin (1929 bis 2018) gilt als Großmeisterin des Science Fiction, sie verhandelt in ihren Texten wichtige Fragen des Zusammenlebens, sie bricht mit traditionellen Geschlechterrollen und denkt fantasievoll und gleichzeitig ernsthaft über Gesellschaftsformen nach. Nicht alle Geschichten spielen auf fremden Planeten und manche sind eher (nicht mittelalterlich-geprägte) Fantasy: Alle haben gemein, dass die Welten schlüssig und durchdacht sind und in sich so stimmig, dass wir Leser:innen auch den ungewöhnlichsten Ideen folgen können. Natürlich liegt das auch an Le Guins genialer Art zu erzählen! Ein Teil der Storys liegt in dieser Sammlung übrigens zum ersten Mal in deutscher Übertragung vor. Und die Storys, die es in früheren Jahren schon auf Deutsch gab, die hat Karin Nölle alle neu übersetzt. Außerdem hat sie ein erhellendes Nachwort zu Le Guin und ihrem Gesamtwerk verfasst, das man auch gerne schon vor der Lektüre lesen kann.
Miguel Bonnefoy: Der Traum des Jaguars
Antonio verbrachte die ersten Jahre seines
Lebens bei Teresa, der stummen Bettlerin, meist gemeinsam mit ihr auf den
Stufen der Kirche. Sie hatte den Waisenjungen nicht ganz freiwillig aufgenommen
und brachte ihm eher Härte als Liebe entgegen, gepaart mit der Gewissheit, dass
er sein Leben machen würde. Er war keine zwölf Jahre alt und noch keine Stunde
seines Lebens in der Schule gewesen, als er eine Stelle im bekanntesten
Bordells Maracaibos annahm. Und noch keine vierzehn, als er die Stelle aufgab,
in Don Victors Heim einzog und seine Schullaufbahn begann. In der Schule
begegnete er Ana Maria, die ihn faszinierte – und die einige Jahre später nicht
nur eine bekannte Ärztin war, sondern tatsächlich Antonios Frau …
Fast hundert Jahre venezolanische Geschichte verpackt in einen bildgewaltig und
doch sparsam erzählten Familienroman: Das ist „Der Traum des Jaguars“ von
Miguel Bonnefoy. Das 20. Jahrhundert ist noch sehr jung, als Antonio geboren
wird und das Leben in der Region um Maracaibo ist geprägt von Kolonialismus und
Armut. Immer wieder sind es die großen Veränderungen im Land – von der
Entdeckung eines großen Ölvorkommens 1914 bis zur Wahl Hugo Chavez 1999 – die auch
Antonios und Ana Marias Leben verändern; und später und in eigenen Kapiteln
auch das von Tochter Venezuela und Enkel Christobal. Ich habe das mit einigem
Erkenntnisgewinn und großer Leselust „verspeist“.
Antje Huhs: Zuhause ist vorübergehend
geschlossen.
Hätte sich Annett in den letzten Tagen die
Nachrichten angesehen, wäre sie besser vorbereitet gewesen. So ist sie
vollkommen überrascht, als ihr ein junger Fahrer Herrn Jankowski bringt, einen
älteren Herrn, der sofort dem Fernseher zustrebt. Wobei – wie soll man sich
denn darauf vorbereiten, dass von einem auf den anderen Tag jemand Wildfremdes
ins Haus mit einzieht? Weil deutschlandweit das Pflegepersonal streikt, werden
alle Senior:innen mit weniger als Pflegegrad 3 auf Privathaushalte verteilt und
Annett will sich dieser Pflicht gar nicht entziehen. Allerdings gibt es großen
Ärger mit Teenagersohn Bela, der sein Zimmer abtreten muss. Und auch Stefan,
ihr Mann, stellt sich quer. Margit von der Stadtverwaltung hingegen hat ständig
mit Menschen zu tun, die „ihre“ Person nicht versorgen wollen. Und Lennart,
Pfleger und Social-Media-Star, soll in einer Talkshow die Krise erklären. Nur
sind die anderen Talkshow-Gäste mit allen Wassern gewaschen und Lennart
argumentativ haushoch überlegen. Obwohl er viel besser Bescheid weiß und sogar
Lösungen parat hätte!
Antje Huhs Buch ist ein großer Spaß mit reichlich Situationskomik und Turbulenzen. Dabei ist es überhaupt nicht seicht, die Themen – von Familiendynamik bis Pflegekrise – bieten genug zum Nachdenken, wenn man denn möchte. Natürlich spielt auch die Zeit mit hinein ins Chaos, denn das Buch spielt in der letzten Woche vor den Weihnachtstagen, die Nerven liegen eh‘ ein bisschen blank. Genau für die nächsten Wochen empfehle ich diesen Roman auch: Danach ist man gut gewappnet für alles, was an den Feiertagen auf einen zukommt!
Dtv, 978-3-423-22147-4, € 13,00
Heidrun Deborah Kämper: Die Sprache der
Rechten
„Wer spricht?“ – so ist die Einleitung
überschrieben. Das zu klären ist wichtig, um eine Abgrenzung von konservativ zu
„rechts“ oder sogar „rechtsextrem“ vornehmen zu können. Kämper ordnet die
Begriffe „rechts“ bzw. „Rechte“ einer politischen Überzeugung zu, die sich so
beschreiben lässt: Ungleichheit der Menschen, autoritäres Denken,
Vergangenheitsbezogenheit, ethnische Homogenität des Staates, antidemokratische
Tendenzen sowie deutliche Bezüge zu Vokabular und Denkmodellen der NS-Zeit (s.
9). Im folgenden Kapitel untersucht sie die Sprachmilieus und ergänzt diese
Erläuterungen durch eine Vielzahl von Beispielen von Wahlplakaten,
Facebook-Posts, Liedtexten oder persönlichen Äußerungen. Im dritten Kapitel
arbeitet Prof. Kämper heraus, wozu rechte Sprache verwendet wird und in Kapitel
vier vergleicht sie die Debatten- und Entscheidungskultur im
baden-württembergischen Landtag nach Einzug der AfD mit der Zeit davor. Bevor
sie ihr Fazit („Würde der Sprache“) zieht, gibt es noch eine kurze Darstellung
über Political Correctness, die sehr wichtig ist, da dieser Begriff zum Buzzword
geworden ist und ähnlich wie „woke“ mittlerweile oft negativ belegt ist.
„Möge es doch helfen!“ – so hat Prof. Kämper bei der Lesung mein Exemplar
signiert. Sie war am 10. November auf Einladung des Vereins Memor und
verschiedener Kooperationspartner im Gymnasium Gernsheim zu Gast und hatte
Auszüge aus ihrem Buch präsentiert. Das war als Einstieg sicher hilfreich, doch
in ihrem Buch erläutert sie alles ausführlicher und zusammenhängender. Nach der
Lektüre von „Die Sprache der Rechten“ ist man jedenfalls deutlich aufmerksamer
gegenüber Aussagen, die auf den ersten Blick fast neutral erscheinen. Und
deutlich besser im Argumentieren dagegen.
Pieter Gaudesaboos / Bart Rossel: Wie macht
man das?
„Hast du schon mal eine Fabrik von innen
gesehen? Wahrscheinlich nicht. Wie wäre es, wenn du mit einer Seilbahn direkt
durch zehn außergewöhnliche Fabriken der Welt reisen würdest?“ Natürlich wollen
wir mitreisen! Natürlich wollen wir sehen, wie Tennisbälle, Feuerwerk,
Cornflakes, Schokolade, Christbaumkugeln, Kaugummi, Seife, Plastikpuppen und
Farbe hergestellt werden!
Für jedes Thema gibt es sechs großformatige Doppelseiten. Es beginnt mit einer Einführung ins Thema – bei der ersten Fabrik, der Tennisballfabrik, erfahren wir, warum es so schwierig war, das passende Material und das richtige Herstellungsverfahren zu finden. Die nächste Doppelseite ist ein Querschnitt durch die Fabrik, alle Fertigungsschritte werden erläutert und die entsprechenden Maschinen dargestellt. Auf den anschließenden Doppelseiten dann gibt’s noch dies und das Drumherum zu lesen, zum Beispiel, wer zuerst Tennis spielte oder warum Tennisbälle signalgelb sind.
Das ist kein Buch, das man in einem Rutsch durchliest. Dafür sind die Themen
viel zu interessant und bodenständig. Vor allem ist es wirklich gut gemacht,
mit den unterschiedlichsten Herangehensweisen an die Themen und ganz vielen
Details im Bildmaterial. Das bereitet nicht nur wissbegierigen Kindern ab 8
Jahren großes Vergnügen!
Gerstenberg Verlag, Übersetzung: Birgit
Erdmann, 978-3-8369-6368-8, € 28,00