Belletristik Lieblinge in 2019 - 2018 - BUCHHANDLUNG 12 2019

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unsere Belletristik-Lieblinge in 2019:
Berufspraktikant Leonard empfiehlt: Um welchen Preis überleben?

In Paris mit der Liebe des Lebens sesshaft werden, und dann? Das junge Paar Louise und Ludovic möchte mehr erlebt haben, wenigstens einmal. Sie beschließen ein Sabbatjahr zu nehmen, um ihrem stets grauen und gleich erscheinenden Alltag zu entfliehen. Die geplante Traumreise: Mit einem Schiff nur zu zweit die Welt umsegeln. Sie sind schon mehrere Monate unterwegs und haben bereits viel erlebt, als sie dem Reiz des Verbotenen erliegen. Einer naturgeschützten Insel mit einer verlassenen Walfangstation, unberührter bergiger Landschaft und einem einzigartigen Eislabyrinth kann selbst die anfangs skeptische Louise nicht widerstehen – Ludovic sowieso nicht. Sie ankern mit ihrem Schiff Jason vor der Bucht und unternehmen eine Expedition. Ein Unwetter zwingt sie, die Nacht über auf der Insel Schutz zu suchen. Am nächsten Morgen stellen sie ohnmächtig fest, dass ihr Schiff verschwunden ist. Abgeschnitten von der Außenwelt auf einer Insel im Südatlantik, die nur unregelmäßig von Forschungsschiffen angefahren wird, müssen sie nun fernab vom Festland um ihr Überleben kämpfen.

Man erkennt beim Lesen den Hintergrund der Autorin: Isabelle Autissier umsegelte 1991 als erste Frau alleine bei einer Regatta die Welt, doch havarierte sie in den folgenden Jahren zwei Mal im Südpolarmeer. Sie beschreibt in „Herz auf Eis“ den unbarmherzigen Überlebenskampf von Louise und Ludovic auf fesselnde Art und Weise. Die Entwicklung der Ausgangslage ist drastisch und das Ringen um Menschlichkeit, Liebe und Hoffnung ist allgegenwärtig und wird von den Gestrandeten mit beeindruckender Authentizität ausgetragen.

Isabelle Autissier: „Herz auf Eis“, Übersetzung: Kirsten Gleinig, Mareverlag, HC 22,00 €, eBook 9,99; Goldmann, TB 10,00 €

Getrieben

John Cyrus Bellmann war 35 Jahre alt, als er den Zeitungsartikel über die Riesenknochen, die im Westen gefunden worden waren, las. Die Vorstellung von solch großen Tieren faszinierte ihn – sicherlich lebten sie noch! – und so packte er sein Bündel und zog los. Die Frage seiner 10jähren Tochter Bess, wann er wiederkommen würde, blieb nur vage beantwortet, sicher in mehr als einem Jahr. Den ersten Winter überlebte er nur knapp, im Sommer erbat er sich Begleitung durch den Indianerjungen „Alte Frau aus der Ferne“. Bellmann nutzte jede Gelegenheit, Briefe an die Tochter zu schreiben, doch keiner fand den Weg zu ihr. Den zweiten Winter in der Kälte überstand er besser, doch im Herbst des darauffolgenden Jahres kamen die Zweifel: Gab es die Riesentiere wirklich? War er einer Schimäre aufgesessen und hatte seine Tochter ohne gewichtigen Grund der Obhut ihrer Tante überlassen? Ob eine Infektion, die Mangelernährung oder die trüben Gedanken seinem Leben ein Ende setzten, das mochte der Indianerjunge nicht ergründen. Aber er machte sich auf den Weg, zumindest die letzten Briefe zu Bess zu bringen.

Kurze Sätze, ein gradliniger Erzählstil und nur eine Handvoll Personen – und doch erreicht Carys Davies mit ihrem Roman, dass wir Leser*innen geradezu mitfühlen: Mit den Ureinwohnern, die keine Chance haben, dem Land ihrer Vorfahren nahezubleiben. Mit Bellmann, der Unglaubliches auf sich nimmt und die Weite des Westens völlig unterschätzt. Mit Bess, die nahezu auf sich selbst gestellt ist. Das Buch lässt uns Leser*innen lange, sehr lange, nicht los.

Carys Davies: „West“, Übersetzung: Eva Bonné, Luchterhand Verlag, 978-3-6308-7606-1, € 20,00

Jeden Tag …

… ein Lächeln: Ludwig Thoma, Fred Endrikat, Joachim Ringelnatz, Heinrich Heine, Arno Holz, Eugen Roth, Justinus Kerner, Adolf Glaßbrenner, Hans Adler, Wilhelm Busch, Werner Finck, Peter Hammerschlag, Erich Mühsam, Fridolin Tschudi, F. K. Waechter, Ludwig Uhland, Franz Grillparzer, August Wilhelm Schlegel, Herbert Rosendorfer, Friedrich Rückert, Gotthold Ephraim Lessing, Klabund, Hermann Hesse, Erich Kästner, Mascha Kaléko, Christina Felix Weiße, Matthias Claudius, Johann Friedrich Kind, Volker Kriegel, August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, Robert Gernhardt, Peter Hacks, Kurt Tucholsky, Ernst Jandl, James Krüss, Barthold Heinrich Brockes, Axel Maria Marquardt …
Es gibt noch eine ganze Menge mehr Dichter*innen in diesem Buch – vor allem aber gibt es ihre Gedichte! Und die sind allesamt arg großartig, sehr unterhaltsam und hintersinnig. 365 Gedichte enthält das Buch, genau eines für jeden einzelnen Tag. Wobei: Es sind 366 Gedichte, denn auch das Motto, das die Herausgeberinnen Nele Holdack und Catrin Polojachtof ihrem Buch vorangestellt haben, ist ein Gedicht. Wir freuen uns schon auf 2020!

„Jeden Tag ein Lächeln – 365 komische Gedichte“, Aufbau Verlag, € 22,00

Zeitenwende

England, Anfang der fünfziger Jahre: George Harpole übernimmt vertretungsweise die Direktorenstelle der Grundschule, in der er als Lehrer gearbeitet hat. Der bisherige Direktor ist einige Wochen vom Schuldienst freigestellt, die Gründe werden nicht genannt. Im Laufe des Buches beschleicht uns Leser*innen jedoch eine leichte Ahnung …  Harpole ist ein zuverlässiger, ehrlicher Mensch, hatte bisher aber noch nie Personalverantwortung und auch Verwaltung ist ihm fremd. Er strebt einerseits an, im Sinne von Direktor Chabdam zu arbeiten, andererseits gibt es durchaus Dinge, die er verändern möchte. Sein Kollegium besteht aus fünf Lehrerinnen und Lehrern - und dann gibt es noch den Hausmeister.
Wie gesagt, Harpole ist ein zuverlässiger, ehrlicher Mensch – und gerade deshalb kann er sich oft gar nicht vorstellen, welches Haifischbecken seine Schule ist. Und wie die übergeordnete Verwaltung funktioniert, das weiß er schon gar nicht …
„Die Lehren des Schuldirektors George Harpole“ ist nicht so ganz einfach zu lesen, weil unglaublich viele Menschen vorkommen, bei denen man manchmal nachsehen muss, wer das jetzt überhaupt ist. Lehrer*innen, Schüler*innen, die Sekretärin vom Schulamt, Verwaltungsbeamte, diverse Politiker und Volksvertreterinnen – ich war kurz davor, mir eine Namensliste anzulegen. Aber das stört den Lesegenuss nur minimal! Das ganze Buch ist von feinem Humor durchzogen und zeigt einen großen Umbruch im Schulwesen anhand kleiner Vorkommnisse. Vor allem aber ist es wirklich vergnüglich!

J. L. Carr: „Das Leben des Schuldirektors George Harpole“, Übersetzung: Monika Köpfer, Dumont Buchverlag, € 20,00

Künstler*innen

Auch die nächste Empfehlung ist eine Künstlerinnenbiographie: „Hiersein ist herrlich – Das Leben der Paula Modersohn-Becker“. Dieses schmale Buch ist in vielem das genaue Gegenteil zur „Malerin“: Der Text lebt von der Verknappung und den Auslassungen, von Briefzitaten und Kurzblenden ins Leben der Autorin. Kein gehobenes Lesefutter, eher erstaunliche, gut lesbare Literatur.
Im Grunde beginnt das Buch mit der Freundschaft Paula Beckers mit Clara Westhoff im Jahr 1898, Paula ist gerade 22 geworden. Sie entstammt einer sehr großen, ziemlich bodenständigen Familie, man weiß auch deshalb recht viel von ihr, weil sie passionierte Briefe- und Tagebuchschreiberin war. Sie verbrachte im Jahr 1900 einige Monate in Paris, war begeisterte Besucherin der Weltausstellung – und sie, so heißt es im Buch, „schlitterte unaufhörlich auf Otto Modersohn“ zu. Otto Modersohn lebte in Worpswede, war ein bekannter und geachteter Künstler, war verheiratet, seine Frau schwanger. Ende 1900 ist er Witwer und Vater einer kleinen Tochter und mit Paula verlobt.
Und damit ergeben sich dann wieder Überschneidungen zur Biographie über Gabriele Münter (von der Zeit der künstlerischen Ausbildung abgesehen, die bei beiden in den Anfängen des 20. Jahrhunderts liegen) – auch dieses Buch geht in einigen Bereichen um einen Mann. Und dieser Mann ist Rainer Maria Rilke. Rilke hatte Westhoff und Becker im Jahr 1900 in Worpswede kennengelernt und fühlte sich künstlerisch und wohl auch persönlich eher zu Paula hingezogen. Nach Bekanntgabe von deren Verlobung hat er verstärkt Zeit mit Clara Westhoff verbracht – mit den bekannten Folgen der Hochzeit Rilke-Westhoff … Und so beinhaltet das Buch Paula Modersohn-Beckers Ringen um künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten, Freundschaft, Respekt, aber auch Unabhängigkeit, Freiheit und Erfüllung. In sehr kluge Sätze gepackt, mit Zitaten aus Rilke-Gedichten.

Marie Darrieussecq: „Hiersein ist herrlich – Das Leben der Paula Modersohn-Becker“, Übersetzung: Frank Heibert, Patricia Klobusiczky, Secession, € 18,00
Saving Kandinsky

So heißt das hier vorgestellte Buch im Original – und das ist fast der etwas passendere Titel, auch wenn die Hauptperson Gabriele Münter ist. Gabriele Münter lebte von 1877 bis 1962, aber über die Hälfte des Romans handelt von der Zeit zwischen 1901 und 1914, in der Münter und Kandinsky ein Paar waren. Das hat durchaus seine Berechtigung, weil sie einerseits von ihm unterrichtet wurde und andererseits mit ihm gemeinsam neue Maltechniken, neue Motive, neue Strukturen entdeckte. Malerei zu studieren, das war für Frauen bis ins 20. Jahrhundert hinein nicht möglich, egal wie begabt sie waren. Sie mussten sich private Malschulen suchen – mal mit größerem, mal mit kleinerem Erfolg. Als Gabriele Münter in München in der „Phalanx“ von Wassiliy Kandinsky unterrichtet wurde, war das nicht ihr erster Versuch, eine professionelle Ausbildung zu erlangen. Seine Form des Unterrichts und die Forderungen, die er an die Student*innen stellte, weiteten ihre Möglichkeiten beträchtlich. Die Liebesgeschichte der beiden ist aber zweischneidig. Zum einen, weil er ihr die Ehe versprach, sie aber nie heiratete, zum anderen, weil der Alltag zweier Künstler sich sehr schwierig gestaltete – sie brauchte eher Ruhe und Rückzug, er lebte in Gesellschaft auf.
Der Roman ist sehr süffig geschrieben, sehr bildhaft, gehobenes Lesefutter mit Lerneffekt (wenn Sie mir eine solche flapsige Klassifizierung erlauben) – Gabriele Münter wird richtig lebendig in ihm. Ungewöhnlich sind übrigens die Bildbeschreibungen zwischen den Kapiteln. Sie stammen aus Johannes Eichners Feder und lassen die Bilder Gabriele Münters wunderbar vor dem inneren Auge erstehen.

Mary Basson: „Die Malerin“, Übersetzung: Gabriele Weber-Jaric, Aufbau Verlag, € 14,00
Ralf Schwob empfiehlt: Brisante Themen, virtuos erzählt

Max Wenger ist ein fast fünfzigjähriger Schriftsteller, der in der Klemme steckt: Seine Karriere versandet, seine Frau hat ihn gegen einen jungen Fitnesstrainer ausgetauscht und seine beiden jugendlichen Kinder verachten ihn. In seiner neuen Junggesellenwohnung bekommt er Briefe, die an den Vormieter gerichtet sind, sie enthalten die verstörende Geschichte einer Frau, deren Existenz vernichtet wurde. Es ist schwer zu beschreiben, was Mareike Fallwickl aus dieser Ausgangslage des Romans macht, weil die Perspektiven der Hauptprotagonisten (Vater, Tochter und Briefeschreiberin) so geschickt miteinander verflochten sind. Es ist eine aktuelle, ernste Geschichte über traumatische Erfahrungen, über Macht und Machtmissbrauch, aber sie ist auf derart unterhaltsame Weise und mit so viel grimmigem Witz erzählt, dass man nicht aufhören kann zu lesen.

Die Autorin nähert sich auch dem Thema der sexuellen Belästigung und der MeToo-Debatte wie nebenbei, dabei aber umso nachhaltiger, weil sie auf schnelle Bewertungen verzichtet. So hat man beim Lesen nie das Gefühl, dass einem eine Moral verkauft werden soll, dafür sind die Personen in diesem Buch auch zu vielschichtig und zu echt. Mareike Fallwickl ist es gelungen, brisante Themen in eine virtuos erzählte Geschichte zu packen, die einen niemals langweilt.   

Mareike Fallwickl: „Das Licht ist hier viel heller“, Frankfurter Verlagsanstalt, 978-3-627-00264-0, € 24,00, eBook € 15,99

Geschichten einer Fußpflegerin

Katja Oskamp ist Anfang vierzig, als sie umsattelt: Da ihr bisheriges Leben als Schriftstellerin nicht so gut läuft wie sie es gerne hätte, und sie irgendwie auch keine Idee hat, was sie in diesem Bereich anders machen könnte, beschließt sie, sich zur Fußpflegerin ausbilden zu lassen. Das führt im Bekanntenkreis (und auch bei den Schriftstellerkolleg*innen) zu Verwunderung – irgendwie fühlt es sich so an, als hätte die Fußpflegerin einen anderen Status als die Autorin (auch wenn die Bezahlung im Regelfall besser ist …). Oskamp lässt sich nicht beirren, besucht Lehrgänge, legt die Prüfung ab und bekommt schließlich eine Anstellung in einem Kosmetikstudio in einem der Plattenbauten von Marzahn.

Und damit beginnt ein großes Glück für uns Leser*innen. Denn in „Marzahn mon amour“ erzählt uns Oskamp von ihren Kund*innen, von deren Nöten und Freuden, vom Leben in Marzahn früher und heute. Das macht sie so zugewandt, wohlwollend und sprachlich angemessen, dass man eine Geschichte nach der anderen liest und genießt. Auch ihre eigenen Ansichten kommen klug daher, nachvollziehbar, freundlich und absolut nicht überheblich. „Marzahn mon amour“ ist ein feines, kleines Buch, das zu lesen lohnt. Mit Geschichten aus dem wirklichen Leben.

Katja Oskamp: „Marzahn mon amour – Geschichten einer Fußpflegerin“, Hanser Berlin, ISBN 978-3-446264144, € 16,00, eBook € 11,99

Vielfältig Erzählungen

King Tut ist ein Papagei, sein fester Platz ist auf den Schultern von Maurice Harbridge, dem Liebling aller Schulkinder. Denn Harbridge verkauft in dem kleinen Laden seiner Mutter Süßigkeiten an die Kinder, zwei Lakritzschnecken, fünf Brausebonbons, was gewünscht ist. Und King Tut kann alles sagen, wirklich nahezu alles, wenn Maurice es lange genug mit ihm übt. Es ist ein trauriger Tag, an dem Maurice das Leben verliert und was aus dem Papagei geworden ist, das ist lange Zeit unklar.

Vater und Sohn hingegen treffen sich an einem kalten Augustabend zum Gewichtheben. Auch wenn es an diesem Abend nicht einträchtig ist zwischen ihnen, das Gewichtheben ist festes Ritual. Aber vielleicht, vielleicht, ist dies das letzte Mal – denn es ist erstmals der Sohn, der das höhere Gewicht stemmt.

Ein anderer Sohn hingegen lauscht bei der Beerdigung des Vaters einer Geschichte, die er bisher nicht kannte. Sie handelt von einer Begebenheit vor vielen, vielen Jahren, als der Vater noch jung war und es ihm gelang, zumindest den einen kleinen Buben zu retten – und den anderen immerhin zur Mutter zu bringen. Und in vielen Jahren danach besagter Frau noch zur Hand zu gehen. Eine Geschichte, die geeignet wäre, jeden Sohn zu versöhnen …

Carl Nixons Kurzgeschichten sind sehr besonders: Immer mal blitzt das hervor, was ich mir als typisch neuseeländisch vorstelle - Schafe, verschlafene Kleinstädte, unwegbare Landschaft - aber vor allem hat er eine sehr wohlwollende Art, mit seinen Figuren umzugehen. Ein bisschen erinnert es mich an die Kurzgeschichten von Dorothy Parker, auch bei Nixon sind vor allem die "normalen Leute" im Fokus; Nixon guckt hinter die Fassade, führt aber niemanden vor. Es ist, als würden wir Leser einen kleinen Einblick bekommen und dann die Figuren in ein besseres Leben entlassen. Große Leseempfehlung!

Carl Nixon: „Fish’n’Chip Shop Song“, Culturbooks, 978-3-95988-107-4, € 20,00

Beste Freundinnen

Betty ist in Rom, als ihr Telefon klingelt und Martha am anderen Ende hörbar nicht reden kann. Weil sie einander sehr gut kennen und zutiefst mögen, ändert Betty ihre Pläne und fährt statt ans Grab ihres Stiefvaters zurück nach Berlin. Es stellt sich heraus, dass Marthas Vater Kurt, unheilbar an Krebs erkrankt und Mitglied eines Sterbehilfevereins in der Schweiz, von Martha deswegen nach Chur gefahren werden will. Und weil sie das alleine nicht schafft – Martha fährt seit einem tragischen Autounfall nicht mehr selbst – muss Betty mitkommen. Der zweite Tag nimmt eine unerwartete Wendung und so finden sich Martha und Betty schließlich alleine auf dem Weg; und nun ist das Ziel eben jenes Grab, dessen Besuch Betty schon zehn Jahre vor sich herschiebt. Während der Fahrt gibt es nicht nur Alltägliches zu bereden – auch die ganz großen Themen kommen zu Sprache …

Lucy Fricke hat ein sehr kluges Buch übers Erwachsenwerden geschrieben: Auch wenn die beiden Freundinnen schon in den 40ern sind, und ihre Kindheit scheinbar aufgearbeitet haben – wirklich erwachsen wird man wohl erst, wenn eben diese Kindheit mit Abstand betrachtet werden kann und auch die Eltern weder zu groß noch zu klein gemacht werden. Wobei das gar nicht der Vorzug dieses Romans ist; Fricke unterhält richtig gut, kein jammervoller Ton ist zu lesen und reichlich zu schmunzeln gibt es auch. Bei ihr geht das in bester Form zusammen!

Lucy Fricke: „Töchter“, Rowohlt Verlag, 978-3-499-29015-2, Rowohlt Verlag, € 12,00

Eine andere Zeit

Wie war es in den 40er Jahren? Was haben die Menschen da gemacht? Womit haben die Kinder gespielt? Und wie wurde man satt? „Wir Kinder von früher“ beantwortet diese Fragen. Nicht anhand wirklicher Personen, eher als allgemeingültige Geschichten; und weil der Autor Herbert Günther selbst in dieser Zeit großgeworden ist, sind es wahrhaftige Geschichten: In jedem Ort gab es Kinder wie Toni, der irgendwie immer zu warten schien, wie Angelika, die Lachkatze, und ihre Zwillingsschwester Bettina, die immer genau hinsah und alles so schwer nahm. Kinder wie den stürmischen Volker, bei dem man nie genau wusste, ob er sich nicht wieder einmal in Gefahr gebracht hatte und den sensiblen Manfred, dem sogar der Räuber im Kasperl-Theater leidtat.

Für „Wir Kinder von früher“ hat Herbert Günther den Fundus des Leipziger Fotografen Karl Heinz Mai gesichtet und 113 Bilder für dieses Buch ausgewählt. Karl Heinz Mai war im Krieg so schwer verwundet worden, dass er beide Beine verlor und ab da im „Selbstfahrer“ unterwegs war, immer mit der Kamera an Bord. Sein Lieblingsmotiv waren Kinder in allen Lebenslagen – und aus diesem Schatz an Bildern hat Herbert Günther dann Kinderleben nacherzählt. Herausgekommen ist ein (wirklich begeisterndes) Familienbuch, mit dem das Erleben der Großelterngeneration richtig nachvollziehbar wird. Und bei dem es völlig egal ist, ob man es als Basis für Gespräche mit Kindern, Großeltern oder der eigenen Generation nutzt. Oder einfach nur anschaut und liest …

Karl Heinz Mai / Herbert Günther: „Wir Kinder von früher“, Klett Kinderbuch, 978-3-941411-39-5, 19,90 €

Mehr Lyrik

„Es ist schon etwas, so zu liegen,
im Aug der Allnacht buntem Plan,
so durch den Weltraum hinzufliegen
auf seiner Erde dunklem Kahn!“

(Die erste Strophe von Christian Morgensterns „Hochsommernacht“ weckt das Gefühl einer solchen Nacht, zwischen Wachen und Schlaf liegt man da und weiß nicht recht, wohin es geht. Die nächsten beiden sind konkreter, Grillenklang und Kinderhaar, nur um sich in der vierten wieder der Unendlichkeit gegenüber zu sehen.)

Man kann Gedichte analysieren. Man kann sie aber auch einfach nur auf sich wirken lassen – und dazu eignen sich Anthologien gut, da die Auswahl (wenn sie denn klug getroffen ist) sich gegenseitig ergänzt und stärkt. In Reclams „Sommergedichte“ finden sich Texte der letzten dreihundert Jahre, einer fast schöner als der andere. Im Winter wecken sie Sommergefühle, im Sommer mahnen sie, ganz bei der Sache zu sein. Wir empfehlen: Mehr Lyrik im Alltag.

„Sommergedichte“, Reclam Verlag, 978-3-15-010692-1, € 8,80

Gradlinig

Eine Bitte, die man auch ablehnen kann – das hat Sally noch nicht erlebt. Bisher haben die Erwachsenen gebeten oder gefragt und es kam einem Befehl gleich, Nein sagen ging nicht. Bei Liss klang es jedoch wirklich so, als könne Sally einfach weitergehen und sie mit dem Anhänger stehen lassen; gerade das lässt Sally zupacken. Und genau darum setzt sie sich auch auf den Anhänger und fährt mit der komischen Frau nach Hause. Sie zieht in das Zimmer im ersten Stock, eigentlich weiß sie selbst nicht warum. Doch die traktorfahrende Liss, die sich nicht verstellt, sie in Ruhe lässt aber auch fordern kann, diese Liss fasziniert Sally. Und so bleibt sie tatsächlich länger bei ihr, so lange, bis die Polizei der 16jährigen auf die Spur kommt …

Ewald Arenz hat einen großartigen Roman mit zwei starken Frauen geschrieben, die sich zur Seite stehen, obwohl sie sich erst sehr kurz kennen. Die sich verständigen, obwohl das Miteinanderreden immer auch gefährlich ist, weil man nie weiß, ob alte Verletzungen wieder aufreißen. Und die letztendlich beide über ihren Schatten springen, obwohl es erst mal gar nicht um sie selbst geht. Für alle, die immer mal nicht wissen, was im Leben zählt – also eigentlich für uns alle.

Ewald Arenz: „Alte Sorten“, Dumont Verlag, ISBN 978-3-8321-8381-3, € 20,00, eBook € 14,99
Auf dem Weg nach Spanien

Ein Leben in New York, fernab der Familie, ist für Nours Mutter nach dem Krebstod des Vaters nicht vorstellbar – und so übersiedelt sie mit den drei Töchtern in die alte Heimat Homs. Der Familienverband ist hier dicht und hilfreich, doch das ist das einzig Gute im Syrien des Jahres 2011. Und für Nour ist es nur bedingt gut, denn sie findet sich nur schwer zu recht innerhalb der Regeln, die der Islam und die Familie setzen. Als im bisher ruhigen Viertel von Homs Bomben fallen und Lebensmittel immer schwieriger zu besorgen sind, entschließt sich die Mutter zur Flucht nach Spanien; dort lebt ein Onkel, bei dem sie alle unterzukommen hoffen. Es beginnt eine alptraumhafte Reise durch Jordanien, Ägypten, Libyen, Algerien und Marokko, eine Reise die Nour nur mithilfe der Geschichte übersteht, die ihr Vater immer erzählt hat: Im 12. Jahrhundert schließt sich Rawiya als Junge verkleidet dem Kartografen al-Idrisi an, der Weg dieser beiden entspricht genau der Route, die im jetzigen Leben Nour mit ihrer Familie nimmt …

Jennifer Zeynab Joukhadars Debutroman ist eine gelungene Mischung aus Realität und Märchen, geschrieben in einer sehr passenden Sprache. Einerseits findet Joukhadar für alle schrecklichen Geschehnisse die richtigen Worte, sie rüttelt auf und beschreibt bildhaft ohne reißerisch zu werden. Andererseits ist die Geschichte von Rawiya märchenhaft und schön geschrieben, tatsächlich Mut machend im Hier und Jetzt. Ein sehr lesenswertes Buch!

Jennifer Zeynab Joukhadar: „Die Karte der zerbrochenen Träume“, Heyne Verlag, 978-3-453-27151-7; € 20,00, e-Book € 17,99   
Wiedersehensfreude

Es ist ein kalter Abend im März, an dem Veronika das kleine Haus am Ende des Feldwegs bezieht. Sie hat nur die nötigsten Sachen mitgenommen, sehr spontan hat sie entschieden, dass sie Stille und Einsamkeit benötigt, um das Buch zu schreiben, das ihr Verleger schon erwartet. Doch eigentlich ist es eher eine Flucht vor der Trauer und dem Alltag als Witwe, gepaart mit der zarten Hoffnung, sich hier alles in Erinnerung rufen zu können, was ihr Leben schön machte. Im Nachbarhaus lebt, auch wenn es völlig unbewohnt zu sein scheint, Astrid, eine alte Dame, von ihren Mitdörflern nur die Dorfhexe genannt. Auch wenn beide die Einsamkeit mögen und bevorzugen, irgendwie kommen sie sich allein über die täglichen Routinen näher. Und als sich dann zwei Tage lang nichts im kleinen Haus von Veronika rührt, nimmt Astrid ihren ganzen Mut zusammen und schaut nach dem Rechten. Es entspinnt sich ein zartes Miteinander, in dem jede der beiden so unterschiedlichen Frauen sein kann, wie sie ist – und sie doch hineinwachsen kann in ein schöneres Leben.

Viele Jahre gab es dieses herzerwärmende Buch nicht, die Taschenbuchausgabe war restlos vergriffen. Umso mehr freue ich mich, dass es seit April in der kleinen, leinengebundenen Ausgabe vorliegt, die in jede (Jacken-)Tasche passt. Die Autorin Linda Olsson setzt das Erleben der beiden Frauen einander gegenüber, und sie beschreibt das Tun der beiden mit solchem Wohlwollen, dass die beiden uns LeserInnen sehr ans Herz wachsen. Auch wenn eigentlich keine der beiden wirkliche Lieblingsfiguren sind …

Linda Olsson: „Die Dorfhexe“, btb, 978-3-442-71844-3, € 10,00
Science Fiction trifft Geschichte …

Fernando Colon weiß sich nicht anders zu helfen: Er entführt in einer spektakulären Aktion den Bürgermeister von Nürnberg. Colon ist sich sicher, dass in dessen Archiv seine Urkunde aus dem 16. Jahrhundert ist – und man weiß ja, dass Archivare nichts freiwillig einsehen lassen, geschweige denn hergeben. Ohne die Urkunde wird er aber seinen Anspruch nicht geltend machen können (auf was, sei hier nicht verraten, nur so viel: Es geht um extrem viel Geld!). Zeitgleich sucht Gilead nach einer Möglichkeit, endlich auf seinen Heimatplaneten Siron zurückzukommen; er wurde für ein paar Jahre auf die Erde verbannt und daraus sind schon viele hundert Jahre geworden, man hat ihn offensichtlich vergessen. Zum Glück kommen neben den Freunden Christoph und Bébé auch ein paar aztekische Erfinder ins Spiel …

Ewald Arenz Posse, in der Langlebigkeit ein durchgehendes Thema ist, ist witzig, anarchisch, politisch leicht daneben und genial konstruiert. Da sitzt jedes Detail, und alles findet zum fulminanten Ende hin seinen Platz in der Reihenfolge des Geschehens. Falls Sie mich die letzten Tage laut haben lachen hören – vermutlich saß ich da gerade mit diesem Buch auf meiner Couch.

Ewald Arenz: „Don Fernando erbt Amerika“, Verlag Ars Vivendi, 978-3-8691-3177-1, € 17,90
Wow.

Giulia und Camilla waren beste Freundinnen. Schon immer. Als Camilla Witwe geworden war, ist Giulia einfach zu ihr gezogen in den gut gesicherten florentinischen Palast. Und mit der Zeit sind sie fast gar nicht mehr aus dem Haus gegangen, das Essen lieferte Emilio, der Metzger, zwar zu reichlich unverschämten Preisen und vollkommen rücksichtslos im Service, aber zu Hause war es einfach am schönsten. Besonders, weil am Nachmittag immer ihr "Zaubertrank" auf sie wartete, den Pietro für sie besorgte. Alles änderte sich, als Pietro viel zu früh verstarb und sie nun irgendwie selbst aktiv werden mussten. Denn der "Zaubertrank" fand nun mal den Weg nicht von alleine zu ihnen. Und so ein wenig berauschend war es ja schon da draußen. Allerdings war es auch gefährlich - der junge Mann, dessen Hilfe sie in Anspruch hatten nehmen wollen, entpuppte sich als gefährlicher als erwartet. Noch gefährlicher waren nur seine Mutter und die beiden Schlägertypen, die sich alsbald an Giulias und Camillas Fersen hefteten ...

Es ist eine irrwitzige Kriminalkomödie, die uns Enzo Fileno Carabba präsentiert: Giulia und Camilla sind einerseits durchaus die feinen, hilflosen Damen, als die sie sich vor allem zeigen. Aber andererseits haben sie die unglaublichsten Ideen, keinerlei Skrupel und das Glück auf ihrer Seite. Ein einziger Lesespaß!

Enzo Fileno Carabba: "Wie zwei alte Schachteln einmal versehentlich die Welt retteten.", btb, 978-3-442-74743-6, € 8,99,
Ein Leben mit Emilie

Lukas Zbinden ist unterwegs, sein ganzes Leben lang schon ist er unterwegs. Zu Fuß, spazierengehend, und er findet, das ist eine lebensnotwendige Art, sich fortzubewegen. Am liebsten mit jemandem zusammen, mit dem man sich austauschen kann. Schon in jüngeren Jahren war er so überzeugter Spaziergänger, dass seine Schüler ihn manchmal nicht richtig ernst nahmen. Wenn er ihnen wieder einmal erzählen wollte, wie wichtig die Erkundung der Welt in dieser Form ist. Seine Emilie hingegen hat das Spazierengehen genauso geliebt wie er. Auch wenn sie aus jeder Tour eine Entdeckungsreise machte und lieber schwieg als zu reden.

All das erfahren wir Leser, weil Lukas Zbinden es dem Zivildienstleistenden Kazim erzählt, an dessen Arm er die Treppe im Altenwohnheim hinabwandert. Immer wieder begegnen die beiden anderen Bewohnern, mit denen Zbinden ein paar Worte wechselt - auch dadurch lernen wir Lukas Zbinden und seine lebensbejahende und trotzdem realistische Sicht auf die Welt gut kennen. Er wächst uns Lesern genauso ans Herz, wie er wohl seiner Emilie ans Herz gewachsen ist, seiner Emilie, die jetzt nicht mehr bei ihm sein kann, deren zupackende, fröhliche Art ihm sehr fehlt. Sein Leben mit und seine Liebe zu Emilie ist noch immer der bestimmende Schrittmacher durch den Alltag. Einem Alltag, der ärmer geworden ist mit den Jahren - aber reich genug, um zufrieden zu sein. Mit "Spaziergänger Zbinden" hat Christoph Simon einen kleinen, feinen, wohltuenden Roman übers Älter werden geschrieben. Schön!

Christoph Simon: "Spaziergänger Zbinden", Unionsverlag, € 12,95, 978-3-293-20827-8
 
Alleinerziehend mit Oma

Es ist der Sommer 2014 als bei Martina Bergmann das Telefon klingelt: Sie hätten hier einen älteren Herrn, der mit dem Fahrrad gestürzt sei und sie als nächste Angehörige angegeben habe. Ob sie vorbeikommen könne? Und vielleicht auch Kleidung mitbringen? Bergmann ist mit Heinrich befreundet seit er zum ersten Mal in ihrer Buchhandlung stand, aber Angehörige? Das wäre Martha, mit der Heinrich seit über 40 Jahren zusammenlebt. Heinrich kommt bald wieder auf die Füße, doch ab dann geht Martina Bergmann im Haushalt der beiden aus und ein, füllt den Kühlschrank, genießt Heinrichs Wortfülle und seinen messerscharfen Verstand. Und fühlt sich immer mehr zu den beiden hingezogen. So sehr, dass sie zwei Jahre später, als Heinrich an Krebs erkrankt und im Sterben liegt, eine Art Wohngemeinschaft bilden - und sie sich ein Leben mit Martha, die "verschaltet ist" oder "in einer poetischen Verfassung", gut vorstellen kann.

Martina Bergmanns "Mein Leben mit Martha" ist ein großartiges Buch. Roman steht drauf - aber tatsächlich ist es in weiten Teilen biografisch, Heinrich war und Martha ist zentraler Bestandteil von Bergmanns Alltag. Wobei beide Frauen sehr geradlinig, selbstbewusst und eigenwillig sind (Heinrich nannte das widerborstig), das macht das Zusammenleben in dieser Form überhaupt möglich. Und es macht es schön, nicht immer, aber sehr, sehr oft. Man wünscht sich nach der Lektüre mehr von diesem selbstverständlichen Umgang mit Defiziten - und mehr von Martina Bergmann.

Martina Bergmann: "Mein Leben mit Martha", Eisele Verlag, 978-3-961610-53-2, € 18,00

Beeindruckend

Alba ist im Krankenhaus, in einem Zweibettzimmer mit einem alten Herrn. Ihr einziger Freund ist Hugo, so nennt sie den Infusionsflaschenhalter. Und dann kommt Jack ins Spiel, Jack mit dem coolen Auto, den coolen Klamotten, Jack, der Aussteiger, Student und Sohn reicher Eltern. Dass er sich in sie verguckt, weil sie aussieht wie seine gerade verstorbene Schwester ist vielleicht kein allzu gutes Vorzeichen. Aber wenn man nichts zu verlieren hat, ist das auch egal. Und so erzählt uns Alba von ihrem Alltag als Jugendliche, später als erwachsene Frau – und sie erzählt von ihrem Absturz, von einem Fall aus der unteren Mittelschicht bis ganz nach unten ...

Ich habe selten ein Buch gelesen, bei dem der Titel so passend war wie bei diesem hier: Vor der Ich-Erzählerin hätte tatsächlich jede Mutter gewarnt, und nahezu jeder andere Erwachsene auch. Dabei ist Alba, trotz mieser Voraussetzungen in ihrem Leben, keine, die andere in den Abgrund ziehen will. Aber ein Opfer ist sie genauso wenig, auch nicht, als sie ganz unten ankommt und nur von Stunde zu Stunde lebt. Demian Lienhard gibt seiner Erzählerin einen trotzig-klugen Ton – und eine Geschichte, die unglaublich nachvollziehbar ist und unter die Haut geht. Absolute Leseempfehlung.

Demian Lienhard: „Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat“, Frankfurter Verlagsanstalt, 978-3-627-00260-2, € 24,00, eBook € 16,99
 
Vom Lieben und Sehnen

So unterschiedlich die Menschen in Terézia Moras Erzählungen auch sind, sie alle sind erfüllt von einer ungestillten und manchmal auch unstillbaren Sehnsucht. Das junge Paar in der titelgebenden Geschichte „Die Liebe unter Aliens“ weiß im Grunde schon, dass es keine Zukunft haben wird. Die Austauschstudentin, die ihre Zeit in London mit stundenlangen Spaziergängen verbringt statt zu studieren, weil sie nur so den Schmerz über den Verlust ihres Freundes in schab halten kann. Der alternde Marathonläufer, der bei der Verfolgung eines Diebs merkt, wie sinnentleert sein Leben eigentlich ist. Das alles erzählt die Autorin mit leichter Hand und großer Sympathie für ihre Figuren, die das Leben ins Straucheln und manche auch zu Fall bringt. Trotz der existentiellen Themen sind diese Erzählungen nicht schwermütig, sie berichten im Gegenteil von der Schönheit und Einzigartigkeit menschlichen Strebens, auch wenn es zuweilen vergeblich bleibt. Terézia Mora entwirft mit jeder Geschichte einen eigenen kleinen Erzähl-Kosmos, in dem die Figuren schnell für den Leser lebendig werden, weil die großen Themen und Gefühle immer im normalen, fast schon banalen Alltag der Protagonisten aufscheinen.

Terézia Mora: „Die Liebe unter Aliens“, BtB, 978-3-442-71758-3, € 10,00, eBook € 9,99

Europa, wie es nie war

Mark Twain war Mitte Vierzig, als er zum zweiten Mal den „alten Kontinent“ bereiste, 1878 war das und er fühlte sich als gesetzter, älterer Herr. Abenteuerlustig war er allerdings trotzdem – und einen Hang zur aberwitzigen Beschreibung hatte er da schon regelrecht kultiviert. Eine gelungene Pointe war ihm wichtiger als korrekte Angaben, auch wenn oder gerade weil ihm unzählige Kleinigkeiten ins Auge fielen, die er in seinem „Bummel durch Europa“ aufzeichnete. Seine Texte sind berückend, gerade, wenn man die Orte kennt, die er beschreibt: Frankfurt, Heidelberg (wo er gerne war und worüber er viel schrieb), Heilbronn, Neckar- und Rheinfahrten sind da zu nennen.

Warum sollte man, 140 Jahre nach dieser Reise und in einem völlig anderen Europa lebend, die Texte goutieren? Weil Mark Twain durch eben diesen genauen Blick gepaart mit seinem Hang zur Übertreibung und Ironisierung auch heute die Sinne schärft. Für Sprache, fürs Miteinander, für die Gegend, in der wir leben. Für ein Europa der Gemeinsamkeiten, der Kunst und Kultur. Aber vor allem: Weil es ein großer Genuss ist!

Mark Twain: „Bummel durch Europa“, Anaconda Verlag, 978-3-8647-430-7, € 7,95

Angekommen

Seit Lily sich öfter mit Kara trifft, ist alles schwieriger geworden für Josie. Mit ihrer geradlinigen, manchmal unüberlegten Art eckt sie sowieso schon in der Schule an, und nun kann sie sich noch nicht mal sicher sein, mit Lily darüber lachen zu können. Als Nadima den Platz neben Josie bekommt, ist das erst einmal schön – aber: Nadima kann kein Wort Englisch, sie ist aus Syrien geflüchtet und gerade erst hier angekommen. Weil Geschenke ohne Worte auskommen, gibt ihr Josie von ihrer Pausenschokolade ab und bald haben sie die Idee, mittels Emojis miteinander zu „reden“. Und während Nadima sich die neue Sprache aneignet, lernt Josie viel über Freundschaften …

Die Geschichte von Josie, Nadima und der ganzen Schulklasse ist leicht zu lesen und hat reichlich Ungewöhnliches zu bieten. Cas Lester gelingt es, uns Leser mit hineinzuziehen in einen Schulalltag, der gleichermaßen geprägt ist von den Anforderungen der Lehrer und dem Miteinander der Schüler*innen. Ihre
Erzählung um Nadima weckt großes Verständnis für Flucht und ihre Ursachen und kommt dabei völlig ohne erhobenen Zeigefinger aus.

Cas Lester: „Sprichst du Schokolade?“, arsEdition, 978-3-8458-2735-3, € 12,99, eBook € 10,99

Zeit des Umbruchs …

Franco ist tot und in Spanien gibt es die ersten Wahlen. Am Wahltag feiern die Menschen auf den Straßen – doch eine gewisse Unsicherheit bleibt: Wird Spanien den „Sprung“ in eine Demokratie schaffen? Darüber macht sich auch Aurora Gedanken. Allerdings gibt es noch genug andere Dinge, die sie gerade umtreiben … Kann sie ihrem drogenabhängigen Bruder grundlegende Hilfestellung leisten? Will sie ihren Beruf, der tatsächlich Berufung ist, so weiterführen? Aurora ist Radiosprecherin, als Señorita Leo beantwortet sie jeden Abend Hörerbriefe. Dass sie niemandem sagen darf, was sie tut, ist die eine Schwierigkeit – Señorita Leo soll eine Art übermenschlicher Instanz bleiben, fordert der Sender – dass sie nur auf eine kleine Auswahl antworten darf, die andere. Und was ist mit der Liebe? Hat sie, alte Jungfer, die sie ist, genug Kraft und Vertrauen, sich darauf einzulassen?

Ángeles Doñate hat uns schon mit „Der schönste Grund Briefe zu schreiben“ verzaubert – und das gelingt ihr mit ihrem neuen Roman ganz genauso. Wieder kommen ganz unterschiedliche Menschen zu Wort, wieder gibt es einen roten Faden, der alle zusammenhält, eine hochinteressante Geschichte (diese Radiosendung gab es wirklich!) und eine spannende historische Grundlage. Auf eine zarte Liebesgeschichte dürfen die Leser sich darüber hinaus auch freuen. Doñates Art zu erzählen ist einfach wunderbar!

Ángeles Doñate: „Die Stunde der Señorita Leo“, Thiele Verlag, € 20,00, 978-3-8517-9411-3


Vom Erwachsenwerden

Pietro Sieff führt ein Leben zwischen Tischlerei und Gastwirtschaft. Wann sein Leben diese Wendung genommen hat, weiß er gar nicht genau, aber zu den traurigen Verlierern zählt er nicht erst seit dem Tod seiner geliebten Frau. Und Domenico, der gemeinsame Sohn, ist für ihn auch eher Mahnung an ein Leben vor dem großen Unglück. Als die 200-Seelen-Gemeinde und die gesamte Region dazu sich vor einem gewalttätigen Riesenbären fürchtet, ergreift Sieff seine Chance: Er wettet mit dem reichsten Mann um eine Million Lira, dass er den Bären erlegt. Schon am nächsten Morgen sind Domenico und er unterwegs in die Berge …

Erzählt wird die Geschichte von Pietro, Domenico und dem Bären aus der Sicht des 12-jähren Domenico, der ihre Tour eigentlich nicht wirklich begreift. Aber letztendlich ist alles besser als die Ohrfeigen des Vaters, sein Jähzorn, die Trauer um die Mutter und seine Außenseiter-Position in der Schule. Im Laufe des großartigen und zutiefst gefährlichen Abenteuers kommen sich Vater und Sohn so nahe, wie sie beide es nicht für möglich gehalten haben. Und doch endet das Buch in einer Mischung aus Hoffnung und Trauer – der Autor Matteo Righetto schreibt schnörkel- und kompromisslos, jede Szene ist wahrhaftig und nachvollziehbar. Sehr lesenswert!

Matteo Righetto: „Das Fell des Bären“, Heyne Verlag, 978-3-453-42287-2, € 9,99, eBook € 9,99
"Zum Heulen gut!"

So hat die Kollegin Karin Schmidt ihre Kurzinfo zu diesem Buch überschrieben. "Ich fand’s unglaublich beeindruckend: Gewalt gegen Frauen, Missbrauch, Naturkatastrophen, Rassismus, Wirtschaftskrise. Aber auch viele Lichtblicke: die liebevolle Ehe, die Oretta und Odell führen, ihre tiefe Gläubigkeit und das glaubhafte Happy End nach diesem langen Kampf der drei so unterschiedlichen Frauen, die sich auch sehr unterschiedlich wehren. Super!"

Das Buch heißt übrigens "Alligatoren" und ist der Debutroman der amerikanischen Filmemacherin Deb Spera - und jede Zeile entspringt den amerikanischen Südstaaten! Der Roman beginnt schon mit einer außergewöhnlichen - und außergewöhnlich prall geschilderten - Situation: Da sitzt eine verzweifelte Mutter einem Alligatorenweibchen gegenüber, sie weiß, dass sie nur einen Schuss hat, denn Alligatoren sind schlau ... Aber es geht nicht nur um Gertrude und ihre Töchter, es geht auch um Oretta und Miss Annie, eine ehemalige Sklavin und ihre Missus und das alles vor dem Hintergrund der sich stark verändernden Gesellschaft im Amerika des beginnenden 20sten Jahrhunderts. Ein ganz großer Roman!

Deb Spera: "Alligatoren", HarperCollins, € 22,00, 978-3-95967-220-7

Ein neues Gesicht.

Fumihiro Kuki ist elf, als sein Vater ihn zu sich ruft; nahezu regungslos, angetrunken und dabei ziemlich einschüchternd entwirft der Vater ein Zukunftsszenario, das Fumihiro nur ansatzweise begreift - er wäre nur geboren, um ein "Geschwür" zu werden, ein Mensch, der nichts als Gewalt und Mordlust über die Welt bringt. Knapp drei Jahre später, Jahre, in denen Fumihiro eine tiefe Liebe zur Adoptivschwester Kaori entwickelt hat, steht er vor der Entscheidung: Lässt er den Vater am Leben, wird er zusehen müssen, wie dieser Kaori zerstört. Bringt er ihn um, erfüllt er des Vaters Forderung, ein böser Mensch zu werden. Auch Jahre später hadert Fumihiro mit seiner damaligen Entscheidung, er nimmt eine neue Identität an, ein neues Aussehen gleich mit dazu. Und doch lässt der Kuki-Clan mit seinem gnadenlosen Gewinnstreben ihn nicht los. Einmal Geschwür, immer Geschwür?

Fuminori Nakamura legt mit "Die Maske" einen grandiosen Roman vor, der mehr Fragen aufwirft, als er beantwortet: Ist das Böse Erziehungssache? Eine Frage der Gene? Kann man mit einer großen Schuld ein halbwegs gutes Leben führen? Gibt es wichtigere Dinge als Macht und Geld? Dabei fasziniert Nakamuras Ich-Erzähler in jeder Zeile, sein hin- und hergerissen-Sein ist nie überzeichnet, die Szenen stimmig - auch wenn selbst die Bettszenen sehr genau beschrieben sind. Letztendlich steht immer die Frage im Raum, welche Verantwortung übernehmen wir für uns und andere. Eine Frage, die im ganzen Leben wichtig ist.

Fuminori Nakamura: "Die Maske", Diogenes Verlag, € 24,00, 978-3-257-07021-7

unsere Belletristik-Lieblinge in 2018:
Herzensschön und tieftraurig

Fred Wiener ist Sterbebegleiter. Zumindest ist er dafür ausgebildet – und so lässt er sich auch nicht abweisen, als seine erste „Kandidatin“, Karla, von einer Begleitung eigentlich gar nichts wissen will. Dabei hat sie Krebs im Endstadium und sie muss sich doch einfach helfen lassen! Tatsächlich braucht Karla keinen Gesprächspartner, aber sie braucht jemanden, der ihre zahlreichen Fotos einscannt. Und zufällig ist Freds Sohn da ziemlich gut geeignet. Auch wenn ein Vierzehnjähriger, der heimlich Gedichte schreibt (ziemlich gute und gerade keine Liebesgedichte) vielleicht nicht die richtige Gesellschaft für eine Sterbende ist. Oder doch? Jedenfalls bilden diese drei bald mit Rona, der Kellnerin, und Klaffki, dem Nachbarn, eine ungewöhnliche Gemeinschaft, die sich vollkommen aufeinander verlassen kann, auch wenn keiner so recht weiß warum …

„Dieses Buch ist so großartig! Es wird in diesem Herbst mein Bestseller. Meine Kunden wissen das nur noch nicht.“ Silke Gutowski aus Bremerhaven (Buchhandlung Memminger) war so begeistert von „Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster“, dass ich es mir sofort bestellt habe. Was soll ich sagen – sie hatte recht, dieses Buch ist wirklich sehr besonders, es ist tieftraurig und doch von unglaublicher warmer Schönheit.

Susann Pásztor: „Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster“, Verlag Kiepenheuer und Witsch, 978-3-462-05186-5

Wieder aufgelegt!

Vor dem stimmungsvoll gezeichneten Hintergrund einer südhessischen Kleinstadt in den siebziger Jahren schildert Ralf Schwob eine berührende Familiengeschichte. Erzählt wird von der depressiven Erkrankung der Mutter, von der Sprachlosigkeit des Vaters und dem allmählichen Aufbruch des Sohnes, der sich von seinen Eltern lösen muss, um erwachsen werden zu können. In der Kunst findet der Junge schließlich eine Möglichkeit, das Ausgeschwiegene und Unsagbare zu gestalten.

Für Leser aus dem Kreis Groß-Gerau ist das Buch zudem von großem regionalem Interesse, denn Orten wie der „Zuckerfabrik“, dem „Safariland“ oder dem „Wunderland der Märchen“ wird in der Erzählung ein kleines literarisches Denkmal gesetzt.

„Ralf Schwob besticht durch eine klare, einfach einfache Sprache, die mit wenigen Worten viel erzählt.“ SWR
Das ist übrigens tatsächlich der Klappentext, im Gegensatz zu den sonstigen Buchbesprechungen. Denn Ralf Schwobs literarisches Kleinod durften wir im Bornhofen Verlag neu auflegen, es ist überarbeitet und hat ein unglaublich passendes, beeindruckendes Cover bekommen – Christine-Katharina Krämers Gemälde „Silencio“ ist eine Reaktion auf die Lektüre von „Der stillste Tag im Jahr“.

Ralf Schwob: „Der stillste Tag im Jahr“, Bornhofen Verlag, 978-3-981495-58-4, € 14,00

Eine Bettszene

Eigentlich besteht dieser Roman von Graham Swift zur Hälfte aus nicht viel mehr als einer Bettszene zwischen einem jungen, selbstbewussten Dienstmädchen und einem jungen Herrn der höheren Kreise, der in wenigen Wochen heiraten soll. Es wird ihr letztes Zusammensein sein, es ist Frühjahr, Veränderungen liegen in der Luft in diesem Jahr 1924. Niemals zuvor und niemals später werden sie in seinem Bett zusammenkommen, und dass er sie dazu einlädt ist ein besonderes Abschiedsgeschenk. Dafür hat er seine Familie belügen müssen, seine Verlobte auch und sie selbst ist sich unsicher, welche Erwartungen er für diese Stunden an sie hat. Nicht bezüglich des eigentlichen Aktes, da vertrauen sie aufeinander und auf ihre Körper, die sich in ihrer Nacktheit ergänzen und irgendwie gegenseitig schützen. Aber was ist danach? Soll sie einfach liegenbleiben, während er sich ankleidet? Soll sie danach das Bett frisch beziehen? Es hat diesen verdächtigen Fleck. In welchem Verhältnis stehen sie eigentlich? Dass dieser Tag noch viel Unglück beinhalten wird, dass weiß sie erst später ...

Graham Swifts Hauptdarstellerin reflektiert diesen so besonderen Tag mit fast siebzig Jahren Abstand, sie lotet die eigenen Gefühle aus, die Gesellschaft damals und heute. Wir Leser werden dabei gerade nicht zum Voyeur - auch wenn die Darstellungen durchaus explizit sind -, denn im Vordergrund stehen tatsächlich Gedanken und Gefühle. „Ein Festtag“ ist ein kleiner, feiner Roman, dessen Inhalt weit übers eigentliche Thema hinausweist.

Graham Swift: „Ein Festtag“, dtv, 978-3423-14677-7, € 10,90, eBook € 9,99
Eine Freundschaft

Ganz freiwillig ist diese Freundschaft nicht: Lazy wäre viel lieber mit Elsie zusammen, Elsie, die so gut duftet und so entspannt und lustig ist. Aber Elsie hat sich von Lazy getrennt – schwer zu verkraften für den 20-Jährigen, der noch dazu schwer erkrankt ist. In Vitas Leben hingegen ist es aus ganz anderen Gründen ruhig geworden, der Sohn lebt in Australien, der Mann ist verstorben und von den Nachbarn ist eigentlich auch keiner mehr da. Außer Lazy, den kennt sie schon als Kind und hat ihn damals überhaupt nicht gemocht. Auch jetzt hat sie eher das Gefühl, eine Hilfeleistung zu unterlassen, wenn sie ihn nicht durchfüttert – und darum füttert sie ihn durch. Auch wenn er isst wie ein Spatz. Irgendwann sind die beiden miteinander so vertraut, dass sie einander auch auf dem letzten Weg begleiten wollen …

Wie diese beiden so unterschiedlichen Charaktere sich annähern, wie sie langsam ihr Mitgefühl füreinander entdecken, ein Gefühl neben dem puren Verantwortungsbewusstsein, das beschreibt die Schweizerin Angelika Waldis ganz großartig, eher unterkühlt und mit wechselnden Erzählern. Wir finden, der Klappentext stimmt ganz genau: „Ein Roman, der mit Wucht und Herzensgüte vom Leben erzählt.“

Angelika Waldis: „Ich komme mit“, Verlag Wunderraum, 978-3-336-54797-5, HC €20,00; eBook € 14,99

Vielfältig

Wissen Sie noch, was Sie mit Ihrer besten Freundin gemacht haben, damals, in Grundschulzeiten? Oder auch, was ein anderes Ich für Ideen gehabt hätte mit einer erträumten Freundin? Könnten Sie sich vorstellen, im Alter ein Zimmer mit einer Freundin zu teilen, die nicht nur hilfsbereit sondern manchmal auch richtig boshaft ist? Was würden Sie machen, wenn Ihre Freundin einem Mann hinterherweint, der sich gerade in Sie verliebt hat – und Sie sich in ihn?

Die zwölf Autorinnen der spannend-unterhaltsamen Anthologie „Freundinnen“ haben sich Geschichten ausgedacht, die vor allem durch ihre Wahrhaftigkeit bestechen. Genauso und nicht anders ist es oder könnte es sein mit der Freundin, genauso war das damals – zumindest erkennt man als Leserin das Gefühl, das in den Geschichten steckt. Dabei hat jede Erzählung einen anderen Ton, sie sind nicht nur stilistisch unterschiedlich, sondern auch die Ideen dahinter sehr vielfältig. Ein paar Romanauszüge ergänzen die Kurzgeschichten, hier sind Beginn und Ende so sorgfältig gewählt, dass auch diese Auszüge „rund“ sind. Und so liest man Text nach Text und freut sich über jede Frau im eigenen Leben.

„Freundinnen“, Diogenes Verlag, € 10,00, 978-3-257-24425-0

Familiengeschichte

Simon Havlicek steht mit beiden Beinen im Familienleben. Nach Tochter Leas Geburt hatte er das Familieneinkommen verdient, seit Lilly auf der Welt ist, kümmert er sich um Kinder und Haushalt. An einem dieser Tage, an dem noch das Frühstücksgeschirr auf der Spüle steht, wenn fürs Abendessen eingedeckt werden muss, einem dieser Tage, die einen vollkommen erschöpft zurücklassen, kommt ein Brief vom Sozialamt – von ihm werden fast 700 € Zuschuss zur Pflege des Vaters verlangt. Dabei hat Simon diesen „Vater“ nur dreimal gesehen, bisher kein Wort mit ihm gewechselt und seine Kleinfamilie hat sowieso kein Geld übrig, wo doch das Haus abbezahlt werden muss. Nach einem irritierenden Gespräch mit dem Sachbearbeiter des Sozialamts macht Simon sich auf den Weg ins Pflegeheim …

Das Cover wirkt ein wenig altbacken und auch mit dem Klappentext gewinnt man nur bedingt Leser (finden wir). Dabei ist das wirklich, wirklich schade! Stephan Bartels schreibt überaus lebhaft und ausgesprochen witzig  - und sein Buch ist trotzdem alles andere als belanglos. Verpackt in Simon Havliceks Geschichte (lesen Sie unbedingt auch „Dicke Freunde“!) schreibt er über große Themen der Zeit, über Familie, Sterbehilfe, Pflege, Zusammenhalt und Freundschaft. Und eine kleine, beeindruckende Rahmengeschichte über den Prager Frühling gibt’s obenauf.

Stephan Bartels: „Vatertage“, Heyne Verlag, € 12,99, eBook € 9,99, 978-3-453-43898-9   

Georgien

Im Oktober ist wieder Frankfurter Buchmesse und in diesem Jahr ist Georgien das Gastland. Wir nutzen das immer gerne, um mehr über Land, Leute und Literatur zu erfahren; rund ums Gastland gibt es immer eine Vielzahl Neuübersetzungen und damit Originalstimmen. Da schreiben keine Reisenden über ein Land, in dem sie ein wenig Zeit verbrachten, sondern Menschen, die dort leben (oder lebten) schildern ihren Alltag. Zum Teil mystisch verbrämt, zum Teil sehr realistisch, oft mit viel Humor und Liebe, meist mit großem Feingefühl für die Mitmenschen.

Einen guten Einblick in georgische Literatur von Frauen gibt die edition fünf mit „Bittere Bonbons – Georgische Geschichten“. Ein Großteil der Texte ist extra für dieses Buch ins Deutsche übertragen worden, es sind jeweils Ausschnitte aus Romanen – aber sie lassen sich auf Grund ihrer Eigenständigkeit auch als Kurzgeschichten lesen. Man merkt ihnen an, wie schwierig das Leben in Georgien sein kann, aber auch mit welcher Freude viele Menschen in diesem Land an der Schnittstelle zwischen Europa und Asien leben. Gehen wir gemeinsam auf Entdeckungsreise!

„Bittere Bonbons – Georgische Geschichten“, edition fünf, 978-3-942374-93-4, € 22,00

Das Falsche tun, um das Richtige zu erreichen?

Hans ist noch in der Grundschule, als sein Vater ihn zum Boxtraining anmeldet – als Außenseiter muss er sowohl lernen, seine Energie zu bündeln, als auch, sich rechtzeitig zu wehren. Nach dem frühen Tod der Eltern schickt ihn seine einzige Verwandte ins Internat, sie schreibt ihm fast keine Briefe und so verbringt er seine Zeit mit Büchern und heimlichem Boxtraining mit Pater Gerald. Umso überraschter ist Hans, als sie kurz vor dem Abitur zu ihm kommt und ihm vorschlägt, anschließend in Cambridge zu studieren. Nicht um einen besonders guten Start ins Arbeitsleben zu haben, sondern um Ermittlungen im Pitt-Club, einem besonderen Club für boxende, elitäre Studenten anzustellen. Es überrascht ihn selbst, dass er sich wirklich auf den Weg nach England macht …

Takis Würger hat ein grandioses Buch über Machtstrukturen und Wahrnehmung geschrieben, über Gut und Böse und alle Grautöne dazwischen. Sein schmaler Roman hallt noch lange nach, auch weil sich erst sehr langsam abzeichnet, für was der Club steht.

Takis Würger: „Der Club“, Kein & Aber, 978-3-03-695972-6, € 12,00, eBook

Skurril und schwarzhumorig

Torvald und Gunnar Vega betreiben in einem Fjord in Nordnorwegen eine Lachszucht, großer Gewinn und maximale Umweltverschmutzung inklusive. Als eines der Netze gesprengt wird und 200 000 Zuchtlachse entwischen können, haben sie Probleme – „ihr“ Invester Alex Platou befürchtet schlechte Publicity und schickt darum einen Schnüffler. Bruder Einar hingegen, der Polizeichef des Ortes, tut sein Möglichstes, alles als Unfall darzustellen. Leo Vangen, der eigentlich Rechtsreferendar ist, weil er nie die letzte Prüfung zum Rechtsanwalt abgelegt hat, Leo Vangen weiß auch nicht wirklich, wie er seine Rolle als Schnüffler erfüllen soll. Und Jokke, der Ökoterrorist, der das Netz gesprengt hat, ist heilfroh, Rino kennenzulernen, der sich in der Natur doch sehr viel besser auskennt. Erna die Naturschützerin hingegen gerät in Gefahr, obwohl sie nichts getan hat …

Lars Lenth hat eine höchst unterhaltsame und reichlich spannende Geschichte ersonnen, deren Personal herrlich skurril ist. Dabei ist der Hintergrund (Lachszucht und Umweltzerstörung) durchaus relevant – und so in die Handlung eingebettet, dass wir Leser viel lernen und dabei kein bisschen belehrt werden. Ein absolutes Highlight des Frühjahrs!

Lars Lenth: „Der Lärm der Fische beim Fliegen“, Limes Verlag, ISBN 978-3-8090-2691-4, € 18,00, eBook € 13,99   

Großvater sein …

Willem ist mit ganzem Herzen Bauer. Erst eine Krankheit nötigt ihn, die Tiere weg- und den Hof aufzugeben. Und was jetzt tun mit der vielen Zeit? Sohn und Tochter führen ein gänzlich anderes Leben und er hatte schon lange nichts mehr wirklich mit ihnen zu tun. Seine schlechte Laune bessert sich auch nicht, als die Tochter ihren Sohn regelmäßig für ein paar Stunden zu Willem bringt – sie hat gerade keine andere Betreuungsmöglichkeit. Erst als Großvater und Enkel ihre gemeinsame Neigung zu alten Lanz-Traktoren entdecken und einen solchen gemeinsam aufarbeiten, finden sie zusammen. Willem merkt, wie wichtig ihm Finn wird und so macht er ein Versprechen, das er nur schwer wird einhalten können: Er wird mit ihm nach Speyer zum Lanz-Bulldog-Treffen fahren. Willem setzt alles daran, dieses Versprechen einzulösen, doch es kommt anders als erwartet …

Kein bisschen kitschig ist diese Familiengeschichte von Jan Steinbach – auch wenn sie durchaus gefühlvoll ist. Der kauzige Willem wird nicht plötzlich zum Paulus, die verdrängte Familientragödie nicht plötzlich völlig unwichtig, sondern es ist die so glaubhafte Entwicklung der Personen, die dieses Buch – auch – so lesenswert macht. Dass Willem bei seiner Reise durch Gernsheim kommt, das sei hier nur am Rande erwähnt.

Jan Steinbach: „Willems letzte Reise“, Rütten & Loening, 978-3-352-00909-0, € 14,00, eBook € 10,99  

Neubeginn

Kein Gespräch, kein Kontakt, jahrelang. Und nun muss Karl sich doch auf den Weg ins Haus seiner Kindheit machen – die Mutter liegt nach einer Operation auf der Intensivstation und der Vater, der sein gesamtes Erwachsenenleben in einer Art Symbiose mit der Mutter lebte, der Vater hat Suizid begangen, weil er nicht ans Überleben seiner Frau glaubte. Im Haus erwartet ihn der Assistent der Eltern, für Karl eine überraschende Situation: Er hat zwar damit gerechnet, den Künstlerhaushalt auflösen zu müssen, aber mit einer Art „Nachfolger“ konfrontiert zu werden, das bringt ihn aus dem Konzept. Und gleichzeitig muss er sich mit der eigenen Kindheit und Jugend auseinandersetzen, damit, nie wirklich angekommen zu sein im Leben der Eltern. Karl stellt alles in Frage – auch sein eigenes Künstlerleben …
 
Was eine weinerliche Abrechnung mit den Eltern hätte werden können, ist stattdessen ein kraftvoller, sprachlich ansprechender Roman über Verantwortlichkeiten und Verantwortung. Anne Reinecke zeichnet Karl nachvollziehbar und durchaus bodenständig, sie gibt ihm mit der jungen Tanja eine Gegenspielerin an die Seite, die frisch und liebenswert ist und kein bisschen naiv wirkt. Anne Reinecke werden wir jedenfalls gut im Auge behalten!

Anne Reinecke: „Leinsee“, Diogenes Verlag, HC € 24,00, eBook € 20,99

Köstlich

Nicht mehr jung und noch nicht alt – zwischen 45 und 55 ist man irgendwie, ob man will oder nicht, in einer Phase der Neuorientierung. Was gefällt mir? Wie will ich leben? Und wo, verdammt noch mal, ist meine Lesebrille? Die einen trifft es mehr, die anderen weniger, aber alle müssen den Tatsachen ins Gesicht sehen: Wir sind nicht mehr jung.
 
Maxim Leo und Jochen Gutsch sind genau in diesem „Zeitalter“ angekommen. Vor allem aber sind die beiden wirklich cool und halbwegs gelassen: Ihr „Trostbuch für Alterspubertierende“ ist eine zutiefst unterhaltsame Bestandsaufnahme des Ist-Zustandes. Sie nehmen sich selbst und die Welt um sie herum überhaupt nicht ernst, weder beim Headbangen der Kahlköpfe noch beim Einkaufen für die neue Lieblingssportart … Jedenfalls haben wir eine neue Redewendung gefunden, die plötzlich überall passt: Es ist nur eine Phase, Hase.

Maxim Leo & Jochen Gutsch: „Es ist nur eine Phase, Hase“, Ullstein Verlag, HC € 12,00, eBook € 10,99

Sehr cool

Man kann sich der Literatur auf die verschiedensten Arten annähern – durch Buchempfehlungslisten, Literatursendungen, Besuche in Buchhandlungen und Bibliotheken. Oder man steckt die Nase in eines der Bücher über Bücher, manche heißen Kanon und beanspruchen für sich, alles gelistet zu haben, was man gelesen haben muss.

Martin Thomas Pesls Buch der Schurken ist anders. Es ist, so sagt der Autor, eine subjektive – wir finden, auch höchst unterhaltsame – Zusammenstellung von 100 SchurkInnen quer durch die ganze Weltliteratur, eingeteilt in verschiedene Kategorien von „Die Gierigen“ bis „Die Könige des Verbrechens“ - ich mag ja „Die Ungreifbaren“ am liebsten. Es ist eine Zusammenstellung, die man nicht am Stück genießen kann, dann ergibt das vermutlich ein einziges Durcheinander. Aber für ein paar Minuten Anregung und Lesevergnügen immer wieder zwischendurch, dafür ist das Buch wie geschaffen! Und die Illustrationen sind nahezu genial …

Martin Thomas Pesl: „Das Buch der Schurken – die 100 genialsten Bösewichter der Weltliteratur“, btb, € 12,00, eBook € 14,99

Die Kraft der Musik

Rami ist mit nichts als seinem kleinen Koffer unterwegs, alles andere musste er bei seinem überstürzten Aufbruch zurücklassen. Auch wie es seiner Familie geht, weiß er nicht. Und nun sitzt er, zusammen mit ein paar anderen ihm völlig unbekannten Menschen in einem maroden Schlauchboot, ohne Steuer, ohne Ruder und sie alle versuchen, sich dem Unglück der Nacht entgegen zu stellen. Die kleine Gemeinschaft teilt Essen und Getränke – nur Rami hat nichts, was er zurückgeben kann, darum lehnt er alle Angebote ab. Bis er gefragt wird, was denn in seinem Koffer ist …

Selten hat mich ein so kurzes Buch so berührt. Es erzählt über die Menschen im Boot nicht viel mehr, als ich kurz umrissen habe – aber dann fängt Rami an, mit Hilfe der Geige aus seinem Koffer eine Geschichte von Mut und Freiheit und Liebe zu erzählen, die sie alle durch die Nacht trägt. Am Ende wie am Anfang ist nichts gut für die acht im Boot, die wie viele tausend Menschen derzeit auf der Suche nach einem besseren Leben sind und dafür alles, wirklich alles riskieren. Aber am Ende des Buches, nach Ramis Geschichte, wohnt in ihnen allen der Funken Hoffnung, der aus einem Dahinvegetieren wirkliches Leben macht. Dieses schmale, kunstvoll illustrierte Buch ist eine begeisternde Rede für Menschlichkeit und Freiheit.

Gill Lewis: „Der Klang der Freiheit“, arsEdition, € 10,00, ISBN 978-3-8458-2601-1

Der Fahrstuhl zum Glück ....

Wirklich glücklich sind sie nicht. Nicht die Linn mit ihrem Übersetzerjob, dem kleinen Haus, das viel zu viel kostet und der pubertierenden Julie. Und schon gar nicht der Franz, der statt als Rockstar sein Geld nur mit Gitarrenunterricht verdienen muss. Richtig unglücklich werden sie, als Franz auf dem Nachhauseweg fast in einen tödlichen Unfall verwickelt wird und er ausgerechnet beim ungeliebten Seminar "Fahrstuhl zum Glück" - die Linn hat ihn ausgetrickst, so dass er teilnehmen muss - dem Geist des Toten begegnet. Die Linn glaubt nicht an Geister, sondern nur an die Unwilligkeit von Franz. Und Franz muss jetzt zusehen, dass er Egon wieder loswird. Wobei: Wer will hier eigentlich wen loswerden? Und warum?
In feinstem Wiener Schmäh erzählt Ingrid Kaltenegger in ihrem Debutroman die Geschichte zweier Menschen, die miteinander nicht können und ohne einander auch nicht. Und die Geschichte einer großen Liebe, die sechs Jahrzehnte überdauert, auch wenn die beiden Liebenden sich nicht sehen. Die Geschichte kippt nicht ins Kitschige, nicht ins Überdrehte und auch nicht in schenkelklopfenden Witz - ganz im Gegenteil, Kaltenegger hält ganz fein und sehr gekonnt die Balance zwischen Unterhaltung und Ernst. Auch wenn man den Haupterzähler, den Franz, manchmal ein bisschen schütteln möchte ...

Ingrid Kaltenegger: "Das Glück ist ein Vogerl", Hoffmann und Campe, HC € 20,00, eBook € 15,99, Hörbuch € 19,99, ISBN 978-3-455-00149-5

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