Sachbuch Lieblinge in 2019 -2018 - BUCHHANDLUNG 12 2019

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Unsere Sachbuch-Lieblinge in 2019:
Alles drin

Wir kochen seit über 30 Jahren, oft vegetarisch, manchmal vegan, wie es uns und unseren Gästen passt. Was Kochbücher angeht, sind wir auch ziemlich gut ausgestattet, es gibt welche, die wir oft nutzen, und andere, besondere, die nur ab und an zum Blättern und Ideen holen auf dem Tisch liegen.

Sophia Hoffmanns „Zero Waste Küche“ gehört zu der ersten Sorte – gerade haben wir es ständig in Gebrauch. Das liegt auch daran, dass die Rezepte machbar sind und keine allzu ungewöhnlichen Zutaten verlangen, außerdem genug Hinweise für Variationen enthalten. Vor allem aber liegt es an den vierzig Lebensmittelportraits, die den Rezepten vorangestellt sind und nicht nur die bekannten Fakten liefern, sondern auch ökologische Hintergründe, Alternativen sowie pfiffige Ergänzungen zur herkömmlichen Verarbeitung. Auch wenn wir relativ fit waren: Hier lernen wir täglich dazu. Hoffmanns erklärt sehr humorvoll und ohne erhobenen Zeigefinger (auch wenn der Titel das fast vermuten lässt …) – außerdem sind allein die Bilder ein Genuss. Absolut empfehlenswert!

Sophia Hoffmann: „Zero Waste Küche“, ZS Verlag, 978-3-8988-3854-2, € 24,99
Spannend!

John Franklin kommt im nun folgenden Buch gar nicht vor – zumindest nicht mit einem eigenen Eintrag. Denn er hat ja sein Ziel nicht erreicht, die Nord-West-Passage wurde erst rund sechzig Jahre später entdeckt. Im Jahr 1906 fand der Norweger Roald Amundsen diesen so lange gesuchten schnellsten Weg nach China, er war mit Mannschaft 1903 im Oslofjord gestartet und 1906 endlich in Nome in Alaska eingetroffen. Eigentlich wollte Amundsen dann als erster Mensch zum Nordpol. Aber er bekam Kunde davon, dass Robert Peary und Frederick Cook diese Entdeckung bereits für sich beanspruchten. So machte er sich auf den Weg zum Südpol – den er als erster Mensch tatsächlich erreichte. Nach Rückkunft im nächstmöglichen Hotel (immerhin drei Monate hatte die Schaluppe Fram dafür benötigt), telegrafierte er seinem König, seinem Bruder – und dem Entdecker und Friedensnobelpreisträger Fridjof Nansen.
Dies hier ist auch ein Buch, dass man nicht am Stück lesen kann, sondern immer wieder in die Hand nehmen muss. Dabei sind es nicht nur die hochinteressanten, knappen und gut recherchierten Portraits der Entdecker*innen, die so begeistern – es ist auch das umfassende Bildmaterial! Viele der Forscher*innen waren zugleich ausgebildete Maler, die AUCH die Welt bereisten, um Bilder davon in ihre Heimatländer zu bringen und das macht dieses Buch wirklich grandios. Eigentlich wendet es sich an Erwachsene – aber auch Kinder ab 10 Jahren können ein sehr großes Interesse daran haben. Und zwar ein Interesse für viele, viele Jahre!

„Kosmos großer Entdecker“, Sieveking Verlag,  € 44,90

And now for something completely different

Sie kennen den Spruch vielleicht aus „Monty Python‘s Flying Circus“? Er muss Michael Palin, Mitglied der Künstlergruppe Monty Python, wie eine Aufgabenstellung vorgekommen sein …  Nachdem die Pythons im Jahr 2014 zehn spektakuläre Abende in der Londoner O2-Arena gestaltet hatten, fragte Palin sich, was er denn nun bitte noch tun solle. Da kam der Zufall ins Spiel: Er sah eine Pressekonferenz in Ottawa, bei der der Premierminister Kanadas der Welt mitteilte, dass ein Team von Meeresarchäologen das Wrack der Erebus gefunden hätte.
Palin, der (selbstverständlich) weder Marinehistoriker noch Seemann ist, sich aber sehr für Geschichte und das Meer interessiert, hatte sein Thema gefunden: Was ist bei der Franklin-Expedition damals Schreckliches passiert, mit der Erebus, ihrem Schwesterschiff Terror und vor allem der Mannschaft? Wie konnte die eigentlich gut vorbereitete Suche nach der Nord-West-Passage so gründlich schiefgehen? Und warum hat es 170 Jahre gedauert, bis man wenigstens das Wrack fand? Nicht alle Antworten hat er gefunden – aber sehr viele. Und, Michael Palin ist offensichtlich auch ein begabter Autor, er hat das grandios in diesem Buch dargestellt. Dabei kommt er oft genug vom Hölzchen aufs Stöckchen auf den Ast, aber genau das macht einen großen Reiz aus. Manchmal springt er in den Zeiten hin und her, das macht er so geschickt, dass wir Leser*innen es als Bereicherung erfahren und nicht als Schwierigkeit. Ach ja: Bildmaterial ist auch enthalten – Seekarten, Fotografien, Skizzen ergänzen immer wieder das geschriebene Wort. „Erebus“ ist ein sensationell tolles Buch, das zwischen Roman und Sachbuch changiert.

Michael Palin: „Erebus“, Übersetzung: Rudolf Mast, mareverlag, € 28,00

Entdeckungen!

„Reporterstreifzüge“ heißt ein gerade erschienenes Buch im Düsseldorfer Lilienfeld-Verlag. Es ist ein Nachdruck des ausgehenden 19. Jahrhunderts – Sprachgebrauch und Orthographie entsprechen wunderbarerweise der damaligen Zeit, Ausstattung und Schrift aber zum Glück nicht!
Hugo von Kupffer, der Autor, war in St. Petersburg geboren, hatte in Berlin Medizin und Literatur (beides ohne Abschluss) studiert und arbeitete danach für vier Jahre in Amerika beim „New York Herald“. Mit seiner Wiederankunft in Berlin übernahm er den Posten des Chefredakteurs beim gerade gegründeten „Berliner Lokal-Anzeiger“ – und dort setzte er um, was er in Amerika gelernt hatte. Er verfasste Reportagen aus allen Ecken Berlins, schaute sehr genau hin, wertete nicht, beschrieb einfach „nur“. Von Kupffer ist sozusagen Begründer der modernen Doku. Immer wieder betont er, dass er »von vornherein darauf verzichtet, schöngeistige Feuilletonplaudereien« zu verfassen. Die Texte sollen »nur schlicht und wahr an der Quelle Gehörtes und Gesehenes« sein, eben keine »Feuilleton-Schwärmereien«. Und so erzählt er von Berliner Persönlichkeiten, von schweren Jungs genauso wie vom Scharfrichter, er berichtet aus dem Schlachthaus und der Metzgerei – und wir Leser*innen lernen ein  Berlin kennen, dessen Nachfolge uns über Fallada, Tucholsky und viele andere Autoren sehr geläufig ist, dessen Alltag der letzten Dekaden des 19. Jahrhunderts aber eher unbekannt.

Hugo von Kupffer: „Reporterstreifzüge“, Lilienfeld Verlag, € 22,00

Spannend!

Die Kunst-Trilogie endet mit einem völlig anderen Buch. Aber einem Thema, dass Künstlerinnen und Künstler seit Anbeginn der Zeit beschäftigt: Den Farben. Es ist noch gar nicht lange her, da war Malen nicht nur eine kreative Beschäftigung mit Pinsel, Stift und Untergrund – Malen war auch ein Gutteil Alchemie, weil die Farben nicht künstlich-chemisch gewonnen wurden, sondern irgendwie aus der Natur entnommen bzw. hergestellt werden mussten. Die Grundlagen waren zum Teil so flüchtig, dass es heute für Restaurator*innen manchmal nicht einfach ist, die Ursprungsfarbe zu ermitteln. „Die Welt der Farben“ erzählt die Geschichten zu über 70 Farbtönen, von Bleiweiß bis Pechschwarz und das ist informativ und unterhaltsam gleichermaßen. Im Grunde ist das eines der Bücher, die man immer wieder in die Hand nehmen mag (am Stück durcharbeiten scheint mir persönlich allerdings weniger reizvoll). Jeder Farbtongruppe ist eine allgemeine Erklärung zur Grundfarbe vorangestellt – vom Weiß als Farbe der Reinheit und dem Missverständnis, dass die römischen Bauten schon immer in eben diesem reinen Weiß erstrahlten, über Rosa als „kleines Rot“ und damit Farbe für Jungen (weil ja Könige und Päpste in purpur auch männlich sind) bis hin zu Schwarz, das zu Zeiten da Vincis schon einmal die absolute Modefarbe war und das in den 1920er Jahren die Kunstwelt revolutionierte. Toll!

Kassia St.Clair: „Die Welt der Farben“, Übersetzung: Marion Hertle, Atlantik Verlag, € 18,00

Sind Sie ein Mensch? Haben Sie Ohren?

„Ein Jahr voller Wunder – Klassische Musik für jeden Tag“ begleitet uns Leser*innen ein ganzes Jahr. Geschrieben hat es Clemency Burton-Hill, die in Großbritannien bekannt ist für ihre morgendliche Klassiksendung. Sie ist der festen Überzeugung, dass Musik gut für die Seele ist (sie verwendet das Wort „Selbstfürsorge“ obwohl sie es gar nicht leiden mag) und dass sie völlig unabhängig von Alter, Geschlecht und Klassenzugehörigkeit funktioniert. Sie bringt das mit dieser Kernaussage auf den Punkt: „Sind Sie ein Mensch? Haben Sie Ohren? Dann sind Sie hier richtig.“ Und so hat sie für jeden Tag des Jahres ein Musikstück ausgewählt und eine kleine Geschichte dazu erzählt. Es sind Stücke aus fast den letzten tausend Jahren und sie zeigen vor allem, dass Musik tatsächlich Jahrhunderte, Kontinente, Menschen verbindet.
Selbstverständlich sind viele Stücke dabei, die man kennt, wenn man immer mal Klassik im Radio hört oder Konzerte besucht. Aber es gibt auch viele, viele Neuentdeckungen – vor allem sind es die Frauen, die unbekannter sind und „ans Ohr geholt“ werden. Ab 1. Januar gibt es eine App mit allen Stücken, aber die Titel sind auch im Internet zu finden. Wobei es eine Nebenwirkung dieses Buches gibt: Der Bedarf an Musikmedien schnellt in die Höhe …

Clemency Burton-Hill: „Ein Jahr voller Wunder – Klassische Musik für jeden Tag“, Übersetzung: Ulrike Schimming, Barbara Neeb, Katharina Schmidt, Diogenes Verlag, € 25,00

Antworten auf absolut lebenswichtige Fragen in Popsongs

Dass bei uns abends vorgelesen wird, das ist nicht so ganz üblich. Es kommt schon mal vor, wenn ich Texte übe, oder einer von uns eine Anekdote oder etwas Wichtiges findet – aber seit die Kinder keine Vorlesestunde mehr mögen (und das ist seit geraumer Zeit, sie sind beide längst erwachsen) nur sporadisch. Gestern Abend hingegen war das Vergnügen ein langanhaltendes: James Balls „Isn’t it ironic?“ ist so klug (ja, wirklich klug!), unterhaltsam, pfiffig und vorlesefreundlich, dass irgendwie ein Kapitel aufs nächste folgte, unterbrochen von lautem Gelächter. Auch bei mir als Vorleserin, das passiert nicht allzu oft, ich hab‘ ja Übung …

„Isn’t it ironic“ von Alanis Morissette, „Does your mother know“ von Abba, „How soon is now“ von The Smiths – das sind nur drei von 88 Fragen, die James Ball untersucht hat. Sie entstammen Rock- und Popliedern der vergangenen 60 Jahre und bis zu diesem Buch hab‘ ich sie einfach hingenommen. Ein Fehler? Der titelgebende Song „Isn’t it ironic“ zum Beispiel enthält, nach der schlüssigen Analyse von Herrn Ball, eigentlich nur einen Fall von Ironie. „Does your mother know“ wäre heute sehr viel wahrscheinlicher als bei Entstehung des Songs, „How soon is now“ lässt sich eigentlich ganz einfach mit der Planck-Entfernung erklären. Balls Erklärungen entstammen der Mathematik, der Sprachwissenschaft, Physik, Geschichte und vielen anderen Bereichen mehr – und genau das macht das Buch nicht nur vergnüglich sondern auch klug.

James Ball: „Isn’t it ironic?“, Übersetzung: Benjamin Schilling, Verlag Droemer, ISBN 978-3-426-27795-9, € 14,99

Restbestand

Gillian, Linsey und Nichola sind drei Schwestern, die ein Teil ihrer Kindheit im Süßwarenladen der Großeltern verbrachten. Drei Schwestern, die während Schulzeit und Studium immer in Cafés und Restaurants jobbten, dann Uni-Abschlüsse machten (Englisch und Naturwissenschaften) – nur um wieder in Cafés, Hotels, Bars und Restaurants zu arbeiten, aber diesmal auf der ganzen Welt. Bei den schwesterlichen Treffen alle paar Monate spinnen sie sich ein gemeinsames Leben zusammen. Und irgendwann wird es Wirklichkeit in Form des „Three Sisters Bake“ im schottischen Quarriers Village.

Warum ich das so ausführlich beschreibe? Wo bei einem Kochbuch doch eigentlich vor allem die Rezepte stimmen müssen? Weil dieses Kochbuch eine großartige Mischung aus Bodenständigkeit, Finesse und Weltläufigkeit ist und ich glaube, dass der Grund in der Biographie der drei Schwestern zu suchen ist. Da gibt es Rezepte aus den unterschiedlichsten Gegenden der Welt und doch zweifelt die Köchin in mir überhaupt nicht daran, dass sie wunderbar zum schottischen (und zu meinem!) Alltag passen.
(Wir haben übrigens, nachdem wir das Buch ausgiebig geprüft haben, den kleinen Restbestand eingekauft, den der Großhändler noch hatte. Der Verlag ist ausverkauft.)

Gillian, Nichola und Linsey Reith: „Café Schwesterherz“, Knesebeck Verlag, € 24,95

Herzlichen Glückwunsch!

Am 23. Mai 1949 hatte der Parlamentarische Rat in öffentlicher Sitzung festgestellt, dass das vom ihm beschlossene Grundgesetz von den Volksvertretungen zu mehr als Zweidritteln angenommen worden war. Damit war es gültig für alle westlichen Bundesländer (ab 1990 dann auch für die Bundesländer auf dem Gebiet der ehemaligen DDR). Entstanden war es in monatelangen Beratungen und Diskussionen, schließlich haben 61 Männer und 4 Frauen darüber entschieden, was es beinhalten soll – und genau das ist in diesem Magazin abgedruckt. Übersichtlich, interessant gestaltet, ergänzt durch ein wenig Entstehungsgeschichte und Wissenswertes über Deutschland. Außerdem wunderbar bebildert mit Aufnahmen aus dem All (besonders beeindruckend ist die Nachtaufnahme auf Seite 101!), die Alexander Gerst in 2017 bei seinem Flug mit der Sojus und dem Aufenthalt auf der Internationalen Raumstation von Deutschland und Europa machte, und die er für das Projekt „Das Grundgesetz als Magazin“ zur Verfügung stellte.

Besser kann man sich kaum darüber informieren, was wir Wichtiges feiern! Denn genau dieses Grundgesetz mit seinen 146 Artikeln, die alles von der Würde des Menschen über die Grundlagen der Gesetzgebung und Steuergesetzgebung bis hin zur Gültigkeit in den Bundesländern regeln, genau dieses Grundgesetz ist die Basis unseres Zusammenlebens …

„GG – Das Grundgesetz als Magazin – Die Würde des Menschen ist unantastbar.“, Verlag Wurm & Volleritsch, ISBN 978-3-00-061785-0, € 10,00
Kosmos Kleingartenverein

Weil die Schwarzwurzeln im letzten Jahr gerade mal für ein halbes Essen ausgereicht haben, pflanzen Stefan Schwarz und seine Frau in diesem Jahr Zucchini. Fünf Pflanzen. Ohne zu wissen, dass fünf Pflanzen eine ganze Kleinstadt ernähren – allerdings lernt er, dass ausgewachsene Zucchini das beste Wurfgeschoss überhaupt sind (man darf ja auch bei zu vielen Zucchini das Gute sehen). Die „Jungfer im Grünen“ hingegen zählt er nach den gemachten Erfahrungen zu den Flashmobpflanzen, genau wie Giersch oder Margeriten. Außerdem gibt es überhaupt keinen Grund, den Lavendel zu vereinzeln, auch wenn er, in Reihe gepflanzt ein undurchdringliches, bienenumsummtes Gestrüppt bildet: damit würde man ja seinen Stand beim Schwiegervater schwächen. Wobei Lavendel vom VauVau (Vereinsvorsitzenden) immerhin geduldet wird, anders als die vermaledeite kleingartensortenfremde Blautanne!

Stefan Schwarz hat 18 Miniaturen über das Leben im, die Liebe zum und die Arbeit am Kleingarten verfasst, Miniaturen, die man sich gegenseitig ständig vorlesen will, das aber gar nicht richtig kann, weil Lachen und Vorlesen nicht so gut zusammenpassen. Lachen und Garten aber sehr wohl! Der Untertitel dieses feinen Büchleins (das im Übrigen auch reichlich Wissen enthält) bringt es sehr schön auf den Punkt: Vom Glück und Scheitern im Grünen. Stefan Schwarz‘ Buch jedenfalls ist sehr viel Glück.

Stefan Schwarz: „Der kleine Gartenversager“, Aufbau Taschenbuch, 978-3-351-03770-3, € 18,00, eBook € 13,99
Ab nach draußen!

"52 kleine & große Eskapaden" ist eine ziemlich neue Reihe im Dumont-Verlag, eine Reihe, die sich gezielt an wirkliche Bewohner richtet und nicht an Touristen. (Obwohl man sie, mit genug Vorlauf und Zeit, auch für Reisen gut verwenden kann. Haben wir in Hamburg ausprobiert ...). 18 Bücher gibt es bereits, drei sind in Vorbereitung, die Ausgabe für die Region Rhein-Main ist gerade erschienen. Die haben wir natürlich genauestens geprüft - wir leben sehr gerne hier und kennen uns gar nicht schlecht aus, aber unbekannte Abenteuer sind immer gerne gesehen. Und tatsächlich haben wir davon reichlich in diesem übersichtlichen Buch entdeckt!

Die Touren sind auf Grund der zeitlichen Vorgaben sortiert, es gibt welche für 4 Stunden, 12 und 36 Stunden. Einer Fotoseite mit Schlagworten folgt jeweils eine Doppelseite mit genug Informationen, um die Eskapade gut zu bestehen, inklusive einem kurzen Fazit, Verkehrsanbindung (ein Plus: genaue Angabe des ÖNV), bestem Zeitpunkt, Dauer und benötigter Ausrüstung. Die Routen stehen jeweils zum Download bereit und eine Übersichtskarte mit allen Möglichkeiten zur räumlichen Verortung ist selbstverständlich abgedruckt. Ein Register mit Ortsverweis rundet es ab: "52 kleine & große Eskapaden in der Region Rhein-Main" ist ein sehr empfehlenswertes Buch, noch dazu schön gestaltet - was will man mehr.

Sarah Waltinger: "52 kleine & große Eskapaden in der Region Rhein-Main", Dumont Reiseverlag, 978-3-7701-8091-2, € 16,95
  
Weinselig

Jon Bonné sagt über sich, dass er gar nicht so viel über Wein weiß. Dabei ist er seit Jahren journalistisch mit diesem Thema unterwegs, wurde mehrfach für seine Beiträge und sein Wissen ausgezeichnet, mittlerweile ist er Herausgeber des amerikanischen Weinmagazins „PUNCH“ – sicher weiß er also ziemlich viel über Wein. Allerdings ist es gerade das Sammeln von neuen Erkenntnissen, das Probieren unbekannter Weine, das Hinterfragen gängigen Wissens, das ihn ausmacht: Und das ist ein Segen, denn so hat er einen Weinführer geschrieben, der ganz anders als die üblichen Weinführer ist, sondern ein Buch, das Grundlagen vermittelt, Hintergründe aufzeigt, vor allem aber Lust macht, selbst auszuprobieren und sich nicht einlullen zu lassen von großen Namen und starken Beschreibungen.

Die „Regeln“ die Bonné aufstellt sind ausgesprochen griffig: Von Nr. 1 (Trinken Sie den Regenbogen) über Nr. 16 (Wein ist ein Naturprodukt. Aber nicht jeder Wein ist ein Naturwein) und Regel 70 (Wenn alles andere nicht funktioniert, helfen Bläschen) bis zum letzten Eintrag Regel 89 (Heben Sie eine richtig gute Flasche nicht zu lange auf) ist alles sehr nachvollziehbar, locker geschrieben und oft auch unterhaltsam. „Endlich Schluss mit Brombeere im Abgang“ ist ein Buch für Weinliebhaber und -kenner sowie alle, die es werden wollen.

Jon Bonné „Endlich Schluss mit Brombeere im Abgang“, Verlag BusseSeewald, 978-3-7724-7481-1, € 14,95
 
Besprechung von Ralf Schwob:
Warum Hass und Missachtung uns nicht weiterbringen

Carolin Emcke analysiert in diesem Buch wissenschaftlich genau und gleichzeitig gut verständlich, wie es zu gruppenbezogenem Hass kommt, wie er sich ausbreitet und schließlich, was man gegen den Hass tun kann. Im Vordergrund stehen zwar zunächst der Hass und die Menschenfeindlichkeit, wie sie dem Fremden, etwa Geflüchteten und Einwanderern, entgegenschlagen. Allerdings betont die Autorin, dass im Grunde jede Gruppe (die Frauen, die Juden, die Polizei usw.) zum Hassobjekt werden kann. Immer dann, wenn Menschen nur noch als Gruppe wahrgenommen werden, begünstigt das den Hass, da alles Individuelle und Besondere eines Menschen ausgeschaltet werde. „Präzise lässt sich nicht gut hassen“, sagt Carolin Emcke im Vorwort und belegt anhand aktueller Beispiele, wie sehr Hass und Menschenfeindlichkeit durch Gruppenklischees und stereotype Zuschreibungen vorbereitet werden. Dem Hass begegnen kann man demnach nur, indem man genau beobachtet, differenziert und Selbstzweifel zulässt. Die Autorin versteht es vortrefflich, auch schwierige Sachverhalte mit klarer Sprache und adäquaten Beispielen darzustellen, das erleichtert den Zugang zu einem wichtigen Thema, das uns alle betrifft.

Carolin Emcke: „Gegen den Hass“, Fischer Verlag, 978-3-596-29687-3, € 11.00, eBook € 9,99

Ein Festmahl!

Eine Supra ist sehr viel mehr als „nur“ ein gemeinsames Essen. Es ist ein Festmahl mit zahlreichen Gästen, großen und kleinen, einem Tamada, der für die Trinksprüche zuständig ist (je besser der Tamada, desto besser das Fest), Wein, denn Georgien ist die Wiege des Weins, und mit Musik. Allerdings ist es auch ein Festmahl, zu dem ziemlich spontan eingeladen werden kann, eines, das unvermutet stattfindet, weil gerade jemand in der Nähe ist. Es ist eine großartige, freundliche und freudvolle Tradition, diese Supra, eine, die Georgien zu einem der gastfreundlichsten Länder macht.

Tiko Tuskadze führt ein georgisches Restaurant in London. Mit den Gerichten ihrer Großmutter in diesem wunderbaren Buch bleiben die Erinnerungen an ihre Heimat lebendig, an die Menschen, die Landschaft, die Freunde. Wir „Nachkocher“ haben diese Erinnerungen nicht – und doch kommt schon bei der Zubereitung Freude auf, denn die Gerichte sind ziemlich unkompliziert. Sehr schmackhaft sind sie auch! Außerdem spickt Tuskadze dieses Kochbuch mit kleinen Geschichten, Zeichnungen und Fotografien (nicht nur der Speisen!), Georgien wird zum Sehnsuchtsort. Nicht nur für die kochende Autorin.

Tiko Tuskadze: „Supra – Ein Fest der georgischen Küche“, ars vivendi, € 24,00 978-3-86913-978-4

Erhellend

Bücher, die wir bei unseren (schriftlichen) Empfehlungen dabei haben, haben wir immer gelesen. Von Anfang bis Ende, sonst kommen sie gar nicht auf die Empfehlungsliste. Dieses Buch macht eine Ausnahme – es ist zu wichtig um mit der Rezension zu warten. Außerdem ist es ein Buch, das man sowieso nicht am Stück lesen kann, sondern das man immer wieder in die Hand nehmen muss.

Theodore Abel war ab den 1930 Jahren Professor für Soziologie in den USA, zuletzt am Hunters College in New York. Er war in Lodz geboren, sprach fließend deutsch – und sein Lebensthema war der deutsche Nationalsozialismus. Im Jahr 1934, die NSDAP war ein Jahr an der Macht und hatte die Weimarer Republik schon in eine Parteidiktatur „umgebaut“, schrieb Abel einen Wettbewerb aus: Deutsche Bürger sollten aufschreiben, warum sie Mitglied der NSDAP sind. Unter den Einsendungen sollten die detailliertesten und vertrauenswürdigsten Beiträge ausgezeichnet werden; über 600 Beiträge quer durch alle Altersstrukturen und Klassen wurden eingereicht und ausgewertet.

Wieland Giebel hat die Entstehungsgeschichte dieser einzigartigen Sammlung dokumentiert, vor allem aber macht er uns die Einsendungen von damals zugänglich. Das ist interessant aus historischem Blickwinkel – und hochinteressant für jetzt, für Zeiten, in denen die rechten Parteien und Gemeinschaften wieder hohen Zulauf haben.

Wieland Giebel (Hg.): „Warum ich Nazi wurde“, Berlin Story Verlag, 978-3-957231-29-1, € 49,95

Fakten?

Seit fast zwei Jahren ist Donald Trump im Amt - Monate, in denen wir uns daran gewöhnt zu haben scheinen, seine Aussagen hinterfragen zu müssen. Von 168 Aussagen, die Trump im Wahlkampf gemacht hatte, wurden rund 70 % als falsch, überwiegend falsch oder haarsträubend falsch eingestuft und doch wurde er gewählt. Und sorgt weiterhin für "alternative Fakten", die nichts anderes als Unwahrheiten sind.

Allerdings ist das "nur" der Aufhänger für Peter Köhler, ein ganzes Buch mit Unwahrheiten zusammenzustellen, bzw. mit der Richtigstellung derselben. Ob das Churchills angebliches Zitat über Statistiken ist, die "Rede des Häuptling Seattle", Luthers Aussage zu Worms: Köhler belegt die korrekten Aussagen, oft gelingt ihm sogar eine Erklärung, wie es zu den falschen Informationen kam. Das ist sehr spannend und unterhaltsam zu lesen, informativ sowieso. Und wir Leser sind nach der Lektüre mit einer gesunden Portion Skepsis ausgestattet, gerade den besonders laut geäußerten "Wahrheiten" gegenüber.

Peter Köhler: "Leonardos Fahrrad", C. H. Beck Verlag, € 12,95, 978-3-406-72814-3

Unsere Sachbuch-Lieblinge in 2016:
Fotografierkunst

Manche Fotos sind unterhaltsam. Und manche werden es erst, wenn sie im entsprechenden Kontext stehen: Genau darum ist der kleinformatige Bildband von Sasha Gusov (Fotografie) und Amanda Renshaw (Zusammenstellung und Texte) eine rundum gelungene und unterhaltsame Sache. Wobei das Buch keineswegs belanglos ist! Der Klappentext beschreibt es so: „Menschen kommen in unterschiedlichen Formen und Größen vor, sprechen unterschiedliche Sprachen und werden in unterschiedlichen Kulturen als Kinder unterschiedlicher Eltern geboren, aber im Prinzip sind alle gleich. (…) Dieses Buch versammelt einige der lustigen, merkwürdigen und befremdlichen Dinge, die wir so machen und die uns als Angehörige der menschlichen Rasse ausweisen.“

Es sind Bilder, die in der ganzen Welt aufgenommen wurden (der Ort steht immer dabei) und darum sind auch Menschen aller Größen und Farben, allen Alters und aller Stärke abgebildet – und es ist doch immer klar: Es sind „Menschen wie wir“.

Sasha Gusov und Amanda Renshaw: „Menschen wie wir“, Laurence King Verlag, 978-3-96244-014-5, € 14,90   

Messefund II

Mir ging es ein bisschen so wie dem Herausgeber: Ich wusste eigentlich nicht, was mich erwartet, aber der allererste kleine Eindruck war vielversprechend. Nicht nur, weil das Buch optisch und haptisch ausgesprochen schön ist, sondern auch, weil die Kombination Alltag und Lebenskunst spannend klingt. Dabei war mir Frank Berzbach, der Autor, schon ein Begriff, „Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen“ ist ein wunderbares Buch, das wir in der Buchhandlung immer vorrätig haben.

„Die Ästhetik des Alltags“ hat mich trotzdem überrascht. Denn Berzbachs Texte (die erstmals als Buch vorliegen, aber für zwei christliche Zeitschriften verfasst wurden) sind nicht nur klug und vielfältig im Thema – sie sind meist auch in sehr berührendem Maße spirituell. Egal ob es um Peter Zumthors Architekturkunst geht, die Nutzung des Smartphones oder Schlafläuse, die Sätze sind dicht am Alltag von uns Lesern und weisen doch darüber hinaus, öffnen quasi ein Fenster in andere Lebensmuster. Eigentlich sind es Nachdenkstücke, jedes einzelne, und als solche können sie immer wieder gelesen werden.

Frank Berzbach: „Die Ästhetik des Alltags – Betrachtungen zur Lebenskunst“, Midas Verlag, 978-3-03876-128-0, € 20,00

Mit Essen spielt man nicht.

Tut man nicht? Doch, manchmal schon. Letztendlich sind auch die Anleitungen für „kindgerechte Gerichte“ – Gesichter in Wurst, als Boote drapiertes Obst, Sie wissen was ich meine – Spielereien. Was die Autoren mit den Nahrungsmitteln gemacht haben, nachdem die fantastischen Fotos entstanden waren, ist nicht bekannt, aber vermutlich gab es reichlich Möglichkeiten, sie zu verzehren.

Allerdings ist das ja auch eigentlich nicht das Thema … Vielmehr war eine kleine Gruppe von Menschen auf der Suche nach einem ungewöhnlichen Geschenk für einen Architektenfreund – und so kamen sie auf die Idee, Bauwerke nachzustellen und daraus einen Rätsel-Bildband zu machen. Und dieser ist wirklich sehr rätselhaft und lustig dazu! Es sind überwiegend neuere Gebäude, die die fünf sich ausgesucht haben, aber ein paar „alte Bekannte“ sind auch dabei. Oft erkennt man erst auf den zweiten oder dritten Blick, welches Bauwerk gemeint ist und trotzdem ist die Umsetzung immer ganz dicht an diesem Gebäude. (Meine Lieblinge sind übrigens das Hundertwasserhaus in Wien, die Elbphilharmonie und das Tor des himmlischen Friedens in Peking.)

„Bauschmaus“, Verlag DVA, 978-3-421-04110-4, € 15,00
  
„Eigentlich wollte ich Ihnen einige Ratschläge erteilen,

aber dann fiel mir ein, wie sehr es mich als Jugendlicher genervt hat, dass die Erwachsenen mir unbedingt Ratschläge erteilen wollten, bloß weil sie älter waren.“ So beginnt Illja Trojanows Rede an die saarländischen Abiturienten aus dem Juni 2018. Diese Abiturreden sind seit 1999 Kult im Saarland, an unterschiedlichen Orten versammeln sich Schüler, Lehrer, Eltern, Studierende, um sie gemeinsam zu hören. Das Besondere an diesen Reden ist, dass sie jeweils von einer interessanten, wichtigen öffentlichen Person gehalten werden, aber es sonst keine Vorgaben gibt. Ilija Trojanow nutzte in diesem Jahr die Gelegenheit, verschiedene Texte ineinander zu verweben und dadurch den Fokus immer wieder anders zu setzen. Ein Großteil des Textes wendet sich tatsächlich direkt an die Zuhörer, er resümiert, wie Schule funktioniert und welche Fertigkeiten sie derzeit nicht oder nur in kleinem Maße vermittelt. Und er wirft einen Blick in die Zukunft: „Es braucht einige Anstrengung, die nächsten Jahre so zu leben, dass Sie am Ende nicht mit leeren Händen dastehen. Nicht materiell gemeint, sondern existentiell.“ Dazwischen streut Trojanow Aktienkurse und Dialoge, die einem Science-Fiction-Roman entsprungen sein könnten. So erstaunlich das klingt – diese Rede ist eine wirklich gelungene Mischung aus Unterstützung, Weckruf und Blick in die Zukunft. Nicht nur für Abiturienten.

Ilija Trojanow: „Freie Fahrt voraus“, Conte Verlag, 978-3-956021-37-4 € 9,00

Kein klassisches Kochbuch …

… aber eigentlich absolut unverzichtbar ist „Salz Fett Säure Hitze“ aus dem Kunstmann-Verlag. Gerade erst ist es in deutscher Übersetzung erschienen und ist völlig zu Recht in aller Munde – es vermittelt, hervorragend recherchiert und sehr fundiert, locker zu lesen und durchaus unterhaltsam, alles, was wichtig ist beim Kochen. Samin Nosrat, die Autorin, ist eine begnadete Köchin, sie ist darüber hinaus in der Lage, Wissen leicht und gleichzeitig sachlich zu vermitteln. Und die Illustratorin Wendy MacNaughton versteht es mit wenigen Pinselstrichen sehr deutliche und faszinierende Bilder danebenzustellen. Auf rund 250 Seiten werden die Grundlagen des Kochens so erklärt, dass man das am Stück lesen kann, aber auch in vielen Etappen ist dieses Buch ein Genuss.

Den Rezepten ist erst einmal Grundsätzliches vorangestellt: Eine Salat-Matrix zeigt verschiedene Bestandteile klassischer Salate, der Salat-Kompass zeigt die besten Kombinationen mit Soßen und dazwischen finden sich viele, sehr gut erklärte Rezepte, die dann auch noch eingeteilt sind in verschiedene Kategorien. Und das ist nur der Beitrag für den Salat! Es folgen noch 10 andere Kapitel. Und es folgen natürlich auch Buchhinweise, Sachregister, Rezeptverzeichnis, Platz für Notizen, sprich: „Salz Fett Säure Hitze“ ist unverzichtbar. Auch in Haushalten, die gut mit Kochbüchern bestückt sind!

Samin Nosrat: „Salz Fett Säure Hitze“, Kunstmann Verlag, 978-3-956142-62-8 € 36,00

Anschaulich

„Widerstand! Handbuch für Aktivisten“ – das klingt nicht unbedingt friedlich. Und friedlich im Sinne von ruhig sein, dass soll in diesem Buch auch nicht vermittelt werden. Vielmehr bietet es detaillierte Anleitungen, Dinge, die man für wichtig hält, in Fluss zu bringen. Von der genauen Zusammenstellung der Machtstrukturen, die hinter dem Problem stehen (Kapital 1) bis hin zur Frage, wann ein Ziel erreicht ist bzw. wie man sich immer wieder motiviert (Kapitel 10) wird sehr anschaulich und pragmatisch aufgezeigt, wie man vorgehen kann. Im Anschluss an jedes Kapitel gibt es ein Fallbeispiel, also ein Beispiel von zielführender Aktivität: Zehn beeindruckende Fälle von der Änderung der Abtreibungsgesetze in England in 2017 bis hin zur Bewegung „Black Lives Matter“, die sich seit 2011 auf die ganze Welt ausdehnte, werden vorgestellt. Immer wieder wird auf Menschen verwiesen, die durch ihren Widerspruchsgeist große Veränderungen anstießen, Helen Keller und Rosa Parks seien hier als Namen genannt.

Wichtig sind aber auch grundsätzliche Dinge, die in diesem Buch stehen: „Stoße niemals Drohungen aus und wende Gewalt an.“ ist eines davon. Und ein weiteres „Selbstfürsorge beginnt und endet mit dir …“

Huck / Michael Segalov: „Widerstand! Handbuch für Aktivisten“, Laurence King Verlag, € 18,00, 978-3-96244-023-7

Ein kluges Buch zur rechten Zeit.

Zur rechten Zeit kommt das Buch, weil Begriffe wie Heimat, Leitkultur und Nation in Deutschland derzeit wieder kontrovers diskutiert werden. Ein kluges Buch ist es, weil die Autorin sich klar zwischen den rechten und linken Einlassungen zu diesen Themen positioniert. Sie wendet sich gegen die Ansicht, dass eine deutsche Kultur jenseits der Sprache nicht identifizierbar sei (Aydan Özoguz) und gleichermaßen gegen die Aufforderung Alexander Gaulands, Menschen mit dieser Ansicht in Anatolien zu entsorgen. Sie benennt die grotesken Auswüchse der linken Political Correctness genauso wie die dummdreisten Parolen der Identitären Bewegung.

Viel wichtiger aber ist, dass sie durch die Darstellung der deutschen Geschichte seit 1800 verständlich macht, warum wir uns mit Begriffen wie Nation, Heimat und (Leit-)Kultur bis heute so schwertun. Warum es in keinem anderen Land als Deutschland eine Kluft zwischen Kultur und Politik gibt, die seit über 200 Jahren immer wieder aufbricht, ist für Leser mit Interesse an der deutschen und europäischen Geistesgeschichte spannend und zuweilen auch witzig zu lesen.

Thea Dorns Buch ist ein scharfsinniges und flammendes Plädoyer dafür, Themenbereiche wie Heimat, Nation und Kultur nicht den Rechten zu überlassen. Und ebenso ein Plädoyer gegen die zeitgenössische Verwässerung dieser Begriffe.

Thea Dorn: „deutsch, nicht dumpf. Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten“, Verlag Knaus, 978-3-8135-0810-9, HC €24,00. Ebook €19,99.

Immer wieder!

Sachbücher wie dieses liest man nicht am Stück. Man nimmt sie immer wieder in die Hand, schlägt eine Seite auf (vielleicht sogar die mit dem Lesezeichen) und lässt sich inspirieren von dem was zu sehen und zu lesen ist. Und zu sehen und zu lesen gibt es reichlich in Tim Haywards Buch über Messer, das völlig zu Recht den Untertitel „Handwerk und Kultur des Küchenmessers“ führt. Hayward entführt uns sowohl in fremde Länder als auch in alle Küchen der Welt, er erzählt über geschichtliche Hintergründe und besondere Hersteller und Herstellungsmethoden. Das ist hochinteressant und faszinierend.

Und es ist gleichzeitig in genau der Art alltagstauglich, die der Titel verspricht – denn Messer haben wir letztendlich alle und einen kleinen Lehrgang in Halte- und Schneidetechniken kann ein Großteil von uns auch gebrauchen. „Messer“ ist eine wirklich tolle Ergänzung für jedes Kochbuchregal oder ein wunderbares Buch für den Wohnzimmertisch: Es ist jedenfalls ein Buch, das man schön griffbereit haben möchte!

Tim Hayward: „Messer – Handwerk und Kultur des Küchenmessers“, Dumont-Verlag, ISBN 978-3-8321-9928-9, € 28,00   

 
Von Kirschendieben und Blümchenkleidern- Eine Erzählung aus der Nachkriegszeit des Zweiten Weltkrieges
Rezension von unserer Praktikantin Julia Melchior
 
 

,,Es ist das größte Glück der Welt, dass wir hier gelandet sind. Auch wenn es das größte Unglück der Welt ist, das uns hergebracht hat.‘‘ Die Rede ist vom Zweiten Weltkrieg. Denn der ist der Grund, dass Lotte mit ihrer Familie in einem Forsthaus wohnt, obwohl ihr Vater gar kein Förster ist. Und es ist auch der Grund, warum Lehrer Fettig nur noch ein Auge hat und ihr Vetter und ihre Kusine keinen Vater mehr haben. Während dem Krieg zieht Lottes Familie gemeinsam mit Muttis großer Schwester und deren Kindern in das Forsthaus, wo ihr Onkel vor dem Krieg Förster war. Das Leben im Forsthaus ist sehr angenehm, alle verstehen sich gut und das Dorf wurde vom Krieg verschont.
 

Nachdem der Krieg vorbei ist, zieht in die untere Etage des Forsthauses eine neue Försterfamilie und ab sofort ist alles verboten was Lotte und ihren Spielgefährten Spaß macht. Doch die Kinder wissen sich zu wehren und verbringen trotz der grässlichen Försterfamilie einige wundervolle Jahre im Forsthaus, welche ganz besondere Abenteuer beinhalten.
 
 
Verziert mit hochwertigen Illustrationen und in einer leichten Sprache erzählt die Autorin Anke Bär die Geschichte von einer Kindheit in der Nachkriegszeit, inspiriert von Erzählungen ihrer eigenen Familie und Bekannten, die nicht nur für die heutige Generation interessant ist, sondern auch Großeltern und Urgroßeltern dazu anregen kann, sich noch einmal mit der Zeit damals auseinanderzusetzen und ihre eigenen Erinnerungen und Erlebnisse zu teilen. Eine Empfehlung für Groß und Klein.
 

Anke Bär: ,,Kirschendiebe oder als der Krieg vorbei war‘‘, Gerstenberg Verlag

Dieses Buch hat einen eigensinnigen Charakter

Katzen sind die einzigen Haustiere, die selbst entscheiden können, wo sie sich aufhalten wollen. Sie sind eigensinnig bezüglich ihrer Futterwahl - und kraulen lassen sie sich auch nur, wenn sie wollen. Maler aus verschiedenen Jahrhunderten haben Katzen auf die Leinwand gebracht, mal als Nebendarsteller, mal als Hauptperson, detailgenau oder abstrakt, in Öl oder Aquarell: immer ist es eine Freude die Bilder zu betrachten. Nicht nur, wenn man Katzen mag.
Überhaupt wird an das Thema auf eine Art und Weise herangegangen, die den Blick anders einstellt und darum vielleicht in anderer Weise Vergnügen bereitet, als der "übliche" Museumsbesuch oder das Betrachten eines Kunstbildbandes (beiden ist übrigens gemein, dass wir Leser selbstverständlich erfahren, wie Maler und Bild heißen und wo auf der Welt es in natura zu finden ist).
"Katzen in der Kunst" ist ein feines, kleines Buch mit ausgewählten Bildern und erheiternden Zitaten - ein Buch zum Genießen. Immer wieder mal.

Angus Hyland / Caroline Roberts: "Katzen in der Kunst", Dumont Verlag, € 18,00, ISBN 978-3-8321-9916-6   

Eine Welt voller Sprache und Kunst

„Für mich sind Zeichnen und Schreiben eng miteinander verbunden. Ein Wort kann wie ein Bild komplexe Gedanken und Emotionen ganz einfach ausdrücken. Man denke nur an das Wort ‚Liebe‘ oder an die Zeichnung eines lächelnden Gesichts. Die Fähigkeit, Bilder und Wörter zu verstehen, ist das Tor zu Wissen und Kommunikation und kann uns mit Menschen auf der ganzen Welt verbinden.“

So steht es im Vorwort dieses wunderbaren Buches, das Sprache und Zeichnungen für große und kleine Menschen aufs Feinste zusammenbringt. Christoph Niemann, mit seinen Illustrationen und Graphiken auf der ganzen Welt bekannt und über viel Jahre Mitarbeiter beim „New Yorker“, versteht es, mit wenigen Strichen sehr aussagekräftige Bilder zu zeichnen und auch die Wörter sind sehr sparsam gewählt. Meine Lieblinge ist übrigens „neu“, „Schein“, „oft“, „später“ und „das“ – sie zeigen sein Können und seinen verschmitzten Humor besonders deutlich, finde ich.

Christoph Niemann: „Wörter“, Diogenes Verlag, 978-3-257-02158-5, € 22,00


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