Die wöchentlichen Bücherchecks - 2018 - BUCHHANDLUNG

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hr-iNFO Bücherchecks in 2018:  

hr-iNFO Büchercheck vom 05.07.2018 - Katja Bohnet: "Kerkerkind"

"Kerkerkind" von Katja Bohnet spielt im Berlin zur Zeit einer Hitzewelle. Im Wannseeforst ist die Leiche einer schwangeren Frau gefunden worden. Einer Türkin, die mit einem Deutschen verheiratet war. Und das ist erst der Anfang einer grausamen Mordserie.

hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Krimi gelesen.

Worum geht es?
Sevim Winter heißt die tote Frau, die schwer verletzt, aber noch lebend, mit ihrem ungeborenen Kind verbrannt wurde. Martin Winter, der Ehemann, wird verdächtigt, weil er kein Alibi hat und dazu noch Kontakte zu einer rechtsnationalen Gruppierung namens Vaterland. Doch Hauptkommissar Viktor Saizew, gerade erst nach einer Hirntumoroperation genesen, und seine hochschwangere Kollegin Rosa Lopez vom Landeskriminalamt, können ihm nichts nachweisen. Nur Stunden nach seinem Verhör ist auch Martin Winter tot - der Kopf abgeschlagen und öffentlich ausgestellt auf den Briefkästen vor seiner Wohnung.

Wie ist es geschrieben?
Auch wenn es sich so anhören mag, "Kerkerkind" von Katja Bohnet ist kein blutrünstiger Serienkiller-Krimi. Im Gegenteil, Bohnet zeigt viel Einfühlungsvermögen für ihr Personal, schildert intensiv Familienkonstellationen und -schicksale. Eine klare Sprache und präzise Dialoge treiben die Handlung voran, die am Ende eine fast unendliche Geschichte von Missbrauch und Rache ist. Und selbst die privaten Hintergründe der beiden Kommissare, bei vielen Krimis oft kitschig oder unangemessen in der Sprache, fügen sich hier stimmig ein.

"Was wissen wir nicht?", fragte er.
Lopez setzte sich, als wöge seine Frage schwer. "Eines wird mir jetzt klar."
Viktor sah sie fragend an.
"Einen Kopf abzuhacken, das ist aufwendig."
"Nicht, wenn du ein Fleischer bist", erwiderte Viktor ernst.
"Jetzt mal davon abgesehen", tat Lopez seinen Einwand ab, "das hat etwas von einem Ritual. Signalwirkung. Als wolle der Mörder damit etwas aussagen."
"Auf mich wirkt es psychisch gestört."
Lopez nickte. "Genau. Aber jemanden zu verbrennen, das ist berechnender."
"Verstehe ich nicht", erwiderte Viktor nachdrücklich.
"Jemanden zu köpfen" - Lopez schwieg, überlegte für einen Moment -, "das ist persönlich und direkt", fuhr sie fort. "Beide Tötungen wirken wie ein Signal, aber ein Streichholz zu werfen ist ein distanzierter Akt."

Wie gefällt es?
Katja Bohnet ist für mich eine neue deutsche Krimi-Stimme, die mich von der ersten Seite an begeistert hat. Bohnet schafft es, ihre Charaktere genau zu zeichnen, manchmal nur mit ein paar Sätzen. Beeindruckt hat mich der Wechsel zwischen den temporeichen, actiongeladenen Szenen und den oft sehr intensiven Betrachtungen der Ermittler. "Kerkerkind" von der im hessischen Hadamar lebenden Autorin Katja Bohnet ist ein Erlebnis, ein Ritt durch eine spannende, vielschichtige Geschichte. Unbedingt lesen - und ich warte schon auf den dritten Krimi mit diesem ungewöhnlichen Ermittler-Duo.

Katja Bohnet: "Kerkerkind", Knaur-Verlag, 14,99 EUR, ISBN: 978-3426520932

Büchercheck der Woche - hr-iNFO
hr-iNFO Büchercheck vom 28.06.2018 - Jakob Hein: „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“

Jakob Hein ist der zweite Sohn des Schriftstellers Christoph Hein, aber schon lange ein Autor eigenen Ranges. 14 Bücher hat der 1971 in Leipzig geborene Jakob Hein mittlerweile veröffentlicht. Sein jüngster Roman heißt „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“.

hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Jakob Hein erzählt in diesem Roman eine tolldreiste Episode aus dem Ersten Weltkrieg, die sich so tatsächlich zugetragen hat. Edgar Stern war ein in Frankfurt geborener deutsch-jüdischer Leutnant, der im November 1914 eine Gruppe von 14 muslimischen Kriegsgefangenen, getarnt als Zirkustruppe, quer durch Feindesland von Berlin nach Istanbul bringen sollte. Das hört sich verrückt an, geht aber auf einen Plan der deutschen Heeresführung zurück: Man hatte die Idee, Muslime der Welt unter Führung des türkischen Sultans zum Heiligen Krieg, also zum Dschihad, aufzustacheln, um so die Kolonialmächte Frankreich und England im Kampf gegen Deutschland zu schwächen. Ein Plan, der allerdings einige Schwachstellen hatte – und so heißt es im Roman:

„Der Sultan konnte oder wollte das deutsche Anliegen anfangs nicht verstehen. Die Aufgabe des Freiherrn bestand also darin, dem Sultan die Vorstellung eines Dschihad so zu suggerieren, dass der Sultan die Idee am Ende für die seine hielt.“
Um den türkischen Sultan doch noch von der Teilnahme am heiligen Krieg zu überzeugen, sollten die Kriegsgefangenen nach Istanbul gebracht und dort freigelassen werden. Das ist „Die Orientmission des Leutnant Stern“.

Wie ist es geschrieben?
Der Roman liest sich wie eine Satire, wobei Jakob Hein dem historischen Material wahrscheinlich gar nicht viel hinzufügen musste, so absurd war das ganze Unternehmen. Aber man merkt, wie viel Spaß es dem Autor gemacht hat, diese irrsinnige Geschichte zu erzählen:

„In den kommenden Wochen hatte Stern das zweifelhafte Vergnügen, den Plan, entstanden in seinem Kopf und ausgearbeitet mit einer Handvoll Pionieren bei vielen Gläsern Wein, in die knochentrockene Realität des preußischen Militärwesens übersetzen zu müssen, was sich anfühlte, als versuche man, einer Lokomotive den Walzer beizubringen.“
Jakob Hein erzählt mit hörbarer Lust an der Pointe und nimmt sich doch gleichzeitig als Autor sehr zurück. Er präsentiert diese Geschichte nicht nur aus dem Blickwinkel Sterns, sondern auch aus Sicht der anderen Beteiligten, und dieses und Mit- und Gegeneinander von kulturell ganz unterschiedlichen Perspektiven lässt das Ganze nochmal witziger werden.

Wie gefällt es?
Es ist eine tolle Geschichte, unterhaltsam und witzig erzählt, ohne dass der Sinn für die Abgründigkeit des Geschehens verloren gegangen wäre. Wenn Edgar Stern etwa in Istanbul die in Brand gesteckten Kirchen der Armenier sieht, dann wird klar, dass diese aberwitzige Orientmission vor dem Hintergrund schlimmster Tragödien geschieht. Darüber hinaus erzählt Jakob Hein aber auch eine Geschichte, die zeigt: Vor einhundert Jahren fühlte sich Deutschland durchaus dem Islam verbunden. Und das ist doch eine welthistorische Pointe, die zu denken gibt.

Jakob Hein: „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“, Galiani, 18 EUR, ISBN: 9783869711720

Büchercheck der Woche - hr-iNFO
hr-iNFO Büchercheck vom 28.06.2018 - Jakob Hein: „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“

Jakob Hein ist der zweite Sohn des Schriftstellers Christoph Hein, aber schon lange ein Autor eigenen Ranges. 14 Bücher hat der 1971 in Leipzig geborene Jakob Hein mittlerweile veröffentlicht. Sein jüngster Roman heißt „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“.

hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Jakob Hein erzählt in diesem Roman eine tolldreiste Episode aus dem Ersten Weltkrieg, die sich so tatsächlich zugetragen hat. Edgar Stern war ein in Frankfurt geborener deutsch-jüdischer Leutnant, der im November 1914 eine Gruppe von 14 muslimischen Kriegsgefangenen, getarnt als Zirkustruppe, quer durch Feindesland von Berlin nach Istanbul bringen sollte. Das hört sich verrückt an, geht aber auf einen Plan der deutschen Heeresführung zurück: Man hatte die Idee, Muslime der Welt unter Führung des türkischen Sultans zum Heiligen Krieg, also zum Dschihad, aufzustacheln, um so die Kolonialmächte Frankreich und England im Kampf gegen Deutschland zu schwächen. Ein Plan, der allerdings einige Schwachstellen hatte – und so heißt es im Roman:

„Der Sultan konnte oder wollte das deutsche Anliegen anfangs nicht verstehen. Die Aufgabe des Freiherrn bestand also darin, dem Sultan die Vorstellung eines Dschihad so zu suggerieren, dass der Sultan die Idee am Ende für die seine hielt.“
Um den türkischen Sultan doch noch von der Teilnahme am heiligen Krieg zu überzeugen, sollten die Kriegsgefangenen nach Istanbul gebracht und dort freigelassen werden. Das ist „Die Orientmission des Leutnant Stern“.

Wie ist es geschrieben?
Der Roman liest sich wie eine Satire, wobei Jakob Hein dem historischen Material wahrscheinlich gar nicht viel hinzufügen musste, so absurd war das ganze Unternehmen. Aber man merkt, wie viel Spaß es dem Autor gemacht hat, diese irrsinnige Geschichte zu erzählen:

„In den kommenden Wochen hatte Stern das zweifelhafte Vergnügen, den Plan, entstanden in seinem Kopf und ausgearbeitet mit einer Handvoll Pionieren bei vielen Gläsern Wein, in die knochentrockene Realität des preußischen Militärwesens übersetzen zu müssen, was sich anfühlte, als versuche man, einer Lokomotive den Walzer beizubringen.“
Jakob Hein erzählt mit hörbarer Lust an der Pointe und nimmt sich doch gleichzeitig als Autor sehr zurück. Er präsentiert diese Geschichte nicht nur aus dem Blickwinkel Sterns, sondern auch aus Sicht der anderen Beteiligten, und dieses und Mit- und Gegeneinander von kulturell ganz unterschiedlichen Perspektiven lässt das Ganze nochmal witziger werden.

Wie gefällt es?
Es ist eine tolle Geschichte, unterhaltsam und witzig erzählt, ohne dass der Sinn für die Abgründigkeit des Geschehens verloren gegangen wäre. Wenn Edgar Stern etwa in Istanbul die in Brand gesteckten Kirchen der Armenier sieht, dann wird klar, dass diese aberwitzige Orientmission vor dem Hintergrund schlimmster Tragödien geschieht. Darüber hinaus erzählt Jakob Hein aber auch eine Geschichte, die zeigt: Vor einhundert Jahren fühlte sich Deutschland durchaus dem Islam verbunden. Und das ist doch eine welthistorische Pointe, die zu denken gibt.

Jakob Hein: „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“, Galiani, 18 EUR, ISBN: 9783869711720

hr-iNFO Büchercheck vom 21.06.2018

Ian McGuire: „Nordwasser“
Nordwasser – das ist der zweite Roman des englischen Schriftstellers Ian McGuire – und der Roman, mit dem er 2016 für den Britischen Booker Prize nominiert war. Ian McGuire ist Jahrgang 1964 lebt in Manchester, lehrt kreatives Schreiben an der Universität von Manchester.

hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Dieser Roman beginnt in der nordostenglischen Hafenstadt Hull, Mitte des 19. Jahrhunderts: an Bord des Walfangschiffes „Volunteer“ treffen zwei Menschen aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der eine – der Harpunier Henry Drax – ist ein Mann wie eine Naturgewalt und gleichzeitig das personifizierte Böse. Der andere - der Schiffsarzt Patrick Sumner – schleppt eine traumatische Vergangenheit mit sich herum, versucht aber, auf den Schiff die Standards von Recht und Menschlichkeit aufrecht zu halten – und wird dadurch zum erbitterten Gegenspieler des rücksichtslosen Drax. Die Auseinandersetzung der beiden nimmt dramatische Ausmaße an, als eines Tages an Bord ein Schiffsjunge erst missbraucht und dann ermordet wird. Schiffsarzt  Sumner kann Drax der Tat überführen  – was ihm aber erst einmal wenig bringt, denn die „Volunteer“ bleibt plötzlich im Packeis stecken – und der verzweifelte Kampf der Crew mit den Naturelementen, mit Eis, Sturm und Hunger überlagert alles andere.

Wie ist es geschrieben?
Ian McGuire beherzigt beim Schreiben das, was Billy Wilder mal als perfekte Filmdramaturgie empfohlen hat: „Mit einem Erbeben beginnen und dann das Ganze langsam steigern.“ „Nordwasser“ packt den Leser von der ersten Seite an und lässt ihn nicht mehr los: Das liegt zum einen an der spannenden und immer dramatischer werdenden Handlung; das liegt aber auch an der Sprache McGuires, die alle Sinn anspricht, und zwar von der ersten Zeile an! Mit diesen Sätzen beginnt der Roman :

„Sehet den Menschen. Er schlurft aus Clappison’s Courtyard heraus auf die Sykes Street und schnüffelt die vielschichtige Luft – Terpentin, Fischmehl, Senf, Grafit, der übliche durchdringende morgendliche Pissegestank geleerter Nachttöpfe. Er schnaubt einmal, streicht sich über den borstigen Kopf und rückt sich den Schritt zurecht. Er riecht an den Fingern, dann lutscht er langsam jeden einzelnen und leckt die letzten Reste ab, um auch wirklich alles für sein Geld zu bekommen.“

In diesem Roman riecht, schmeckt und spürt man die Welt der Seeleute und Walfänger hautnah – das ist nicht immer angenehm – aber fesselnd von Anfang an.

Wie gefällt es?
Ich muss zugeben, ich habe ein Faible für Romane, die vom Meer und von den Urgewalten der Natur handeln - und ich mag Kriminalgeschichten, also Geschichten, die von den Abgründen der menschlichen Natur handeln. Beides bringt dieser Roman auf spannende Weise zusammen. Das ist mitunter drastisch, das ist manchmal auch schwer zu verdaulich, aber in letzter Konsequenz mitreißend geschrieben und mitreißend erzählt – ein fantastischer Roman.

Ian McGuire: „Nordwasser“, übers. von Joachim Körber, mare, 22 EUR, ISBN: 9783866482678

Büchercheck der Woche - hr-iNFO
hr-iNFO Büchercheck vom 14.06.2018

Jesmyn Ward: „Singt ihr Lebenden und ihr Toten, singt“  
Der 13jährige Jojo und seine kleine Schwester Kayla leben im Haus der Großeltern in Mississippi. Der Großvater züchtet Ziegen, ist eine Art Selbstversorger. Die Großmutter dämmert krebskrank dem Tod entgegen. Die Mutter jobbt in einer Kneipe, schluckt Drogen, wenn sie sie kriegen kann und hat keine Empathie für ihre Kinder. Der Vater, ein Weißer, sitzt im Knast. Seine Eltern lehnen ihre Enkel und deren Mutter ab, es sind ja Schwarze. Und der Cousin des Vaters hat einst den Bruder der Mutter erschossen, weil der eine Wette gegen ihn gewonnen hatte. Die Tat wurde als Jagdunfall vertuscht.

hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner den Roman gelesen.

Worum geht es?
Das Setting macht schon klar, es geht um soziales Elend, um tief verwurzelten Rassismus, um Gewalt und Unrecht. Das ist aber nur ein Teil der Geschichte. Es gibt noch Hoffnung für eine bessere Zukunft. Dafür stehen die fürsorglichen Großeltern, die für die beiden Kinder die eigentlichen Eltern sind, dafür steht auch die symbiotische Beziehung der beiden Kinder zueinander. Sie kleben wie Kletten aneinander, stützen sich gegenseitig. Und: diese Menschen verfügen über Kräfte, die ihnen helfen, dem Alltag stand zu halten und nach vorne zu gucken. In ihrer Wahrnehmung tauchen immer wieder Geister von Verstorbenen auf. Jojo, Kayla und ihre Mutter erkennen sie und reden mit ihnen. Es sind der ermordete Bruder der Mutter und ein Junge, der einst im Gefängnis zu Tode kam, weil der Großvater, der dort auch Zwangsarbeit leisten musste,  ihn nicht retten konnte. Diese Figuren heben Raum und Zeit auf, verknüpfen die Vergangenheit mit der Gegenwart. Die Großmutter wiederum, eine Art Heilerin, glaubt nach wie vor an die Götter ihrer nigerianischen Vorfahren. Sie kann erst sterben, wenn diese Götter ihr in einem Ritual den Weg ins friedliche Jenseits weisen. Reale Welt und magische Parallelwelt vermischen sich so ständig. Es ist das Panorama einer schwarzen Südstaatenfamilie.

Wie ist es geschrieben?
Erzählt wird abwechselnd aus der Perspektive Jojos und seiner Mutter. Diese Perspektiven prallen hart aufeinander. Hier der empathische Sohn, dort die egoistische Mutter. Schon daraus ergeben sich dramatische Situationen. Ward erzählt sie mit großer sprachlicher Ausdruckskraft, mit Bildern in fetten und leuchtenden Farben. Ein intensives Erzählen. Das Drama spitzt sich zu, als der Geist des Jungen aus dem Gefängnis darauf drängt, seinen Tod aufzuklären. Der Großvater offenbart schließlich seine tragische Schuld. Er hatte den Jungen aufgespürt, als ein Trupp gewaltbereiter Weißer ihn nach einem Ausbruch suchte.
Er tötete ihn, weil ihn sonst die weißen Häscher brutal zu Tode gefoltert hätten.

Wie gefällt es?
Ich finde, Jesmyn Ward hat ein gleichermaßen zeitkritisches wie phantastisches und vor allem hochemotionales Buch geschrieben. Man muss sich nur darauf einlassen, die magische Einheit von Vergangenheit und Gegenwart als subjektive Realität zuzulassen. Dann wird man dieses Buch als tolle Entdeckung empfinden.

Jesmyn Ward: „Singt ihr Lebenden und ihr Toten, singt“, Verlag Antje Kunstmann, 22 EUR, ISBN: 9783956142246

Büchercheck der Woche - hr-iNFO
hr-iNFO Büchercheck vom 07.06.2018 - Jan Weiler: „Kühn hat Ärger“

Jan Weiler ist ein bekannter und sehr erfolgreicher deutscher Autor. So wurden z.B. seine Romane „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ und „Und ewig schläft das Pubertier“ verfilmt. Nun hat sich Jan Weiler auch auf das Krimi-Schreiben verlegt.

hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Krimi gelesen.

Worum geht es?
An einer Münchener Straßenbahnhaltestelle wird Amir Bilal, Sohn libanesischer Einwanderer, tot aufgefunden. Brutal zusammengeschlagen und –getreten, abgelegt wie Abfall. Kriminalhauptkommissar Martin Kühn, nach einem burn-out wieder im Dienst, ermittelt. Und erfährt, dass Amir bei der Polizei als Intensivtäter bekannt war, aber in den letzten Monaten eine Verwandlung durchlebt hatte: er war freundlich und fleißig geworden, wollte etwas aus seinem Leben machen. Der Grund: Julia van Hauten, die Tochter einer sehr reichen Familie. Zwei Welten haben sich getroffen, so erfährt es Kühn bei einer Befragung im Haus der van Hautens:

„Dann erzählte van Hauten, wie Bilal in ihrem Leben aufgetaucht war. Wie sie ihn gemocht hatten, wie glücklich sie über die bereichernde Beziehung ihrer Tochter mit Amir waren. Wie gern sie ihn um sich hatten. Dass Amir auch mit Julias Bruder Florin eine gute Beziehung hatte. Man habe miteinander Urlaub gemacht, Amir habe ihn auch mal um  Rat gefragt und sei in den paar Monaten unglaublich aufgeblüht. Ein netter, kluger und reflektierter Junge sei er gewesen. Dazu wissbegierig und liebevoll mit seiner Tochter. Himmelherrgott noch mal, ist das alles dufte hier. Das war ein Heiliger unter lauter Heiligen. Aber warum nicht? Was ist daran verkehrt? Sie haben dem Jungen offenbar gutgetan. Und sie haben es gern gemacht. Wenn es mehr Menschen wie diesen Mann gäbe, wäre die Welt ein besserer Ort.“

Wie ist es geschrieben?
Jan Weiler hat einen neuen, eigenen, für einen Krimi ungewöhnlichen Ton. Da ist der Polizist Martin Kühn, der oft am Leben und den Ungerechtigkeiten verzweifelt, der grübelt, nachdenkt und sich fremd fühlt in Gegenwart der wohlhabenden, aber äußerste zuvorkommenden van Hautens. Weiler schildert das mal skeptisch, mal amüsiert, oft aber auch bissig. Nur manchmal schimmert das eher humoristische Potential des  Autors durch, das man aus seinen anderen Büchern kennt. Weiler hat „Kühn hat Ärger“ mit viel Einfühlungsvermögen für sein Personal und mit Interesse für deren Schicksale geschrieben und entwickelt dabei auch einen Roman über den Zustand in unseren Städten.

Wie gefällt es?
Jan Weiler hat mich als Krimi-Autor restlos überzeugt. „Kühn hat Ärger“ ist ein politisches, ein spannendes, ein aufrührendes und überzeugendes Buch. Jan Weiler geht tief hinein in die gesellschaftlichen Probleme, in die Welt der Migranten und der Super-Reichen. Diesen Kontrast hält Polizist Kühn kaum aus – und Weiler schildert dabei auch eine moralische Wohlstandsverwahrlosung, die mich fast sprachlos gemacht hat. Wer aber denkt, diese Geschichte gehe nur um den Konflikt zwischen arm und reich, und dies sei auch der  Grund für den Mord, der hat zu kurz gedacht. Das Buch ist deutlich vielschichtiger, als man auf den ersten Blick denkt…

Jan Weiler: „Kühn hat Ärger“, Verlag Piper, 20 EUR, ISBN: 9783492057578

Büchercheck der Woche - hr-iNFO
hr-iNFO Büchercheck vom 24.05.2018 - Wolfgang Schorlau: "Der große Plan"

Der als akribische Rechercheur bekannte Autor Wolfgang Schorlau hat sich diesmal auf die Spur des Geldes der Griechenland-Rettung gemacht.

hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Krimi gelesen.

Worum geht es?
Privatdetektiv Georg Dengler bekommt einen richtig großen Auftrag: das Auswärtige Amt engagiert ihn, um die EU-Beamtin Anna Hartmann zu finden. Augenscheinlich ist sie mitten in der Nacht in Berlin auf offener Straße entführt worden, ein privates Handy-Video lässt dies vermuten. Mithilfe seiner technisch versierten Freundin gelingt es Dengler, vier verdächtige Männer zu identifizieren. Doch bevor er sie befragen kann, werden sie ermordet. Dengler ist verunsichert, seine Ermittlungen stocken. Er weiß nur: die gesuchte Anna Hartmann war kurz davor, in der EU einen höheren Posten zu belegen. Sie war eine strikte Befürworterin der harten Maßnahmen gegen Griechenland, hat allerdings womöglich kurz vor ihrem Verschwinden ihre Meinung geändert. Als Dengler einen USB-Stick in ihrem Keller findet, glaubt er, die möglichen Entführer aus der Reserve locken zu können.

"Am nächsten Tag traf Dengler sich mit Leopold Harder im Bistro Brenner.
"Ich habe einen Plan - und ich bitte dich, mir zu helfen", sagte Dengler zu ihm.
"Wenn ich kann, gerne".
"Du hast mich auf eine wichtige Spur gebracht. Nehmen wir an, Anna Hartmann hat ein Konzept erarbeitet, das beinhaltet, dass ein großer Teil der griechischen Schulden illegitim ist."
"Sie wird dann einen Schuldenschnitt verlangt haben".
"Ja. Wir werden einen Text in diesem Sinn verfassen. Wichtig ist, dass die Entführer glauben, wir hätten das, was sie suchen".
"Dazu müssten wir irgendwie mit den Entführern Kontakt aufnehmen. Dummerweise wissen wir nicht, wer sie sind."

Wie ist es geschrieben?
Wolfgang Schorlau ist kein Literat, kein Meister des feinen Stils. Seine Bücher leben vielmehr von der Recherche, von den Fakten, die er mithilfe einer spannenden Erzählung präsentiert. Und das kann er, und zwar gut. Die Sprache ist dabei klar, präzise, nur bei den privaten Randfiguren mitunter etwas geschwätzig.

Wie gefällt es?
Wolfgang Schorlau erzählt in seinem Krimi "Der große Plan" über die Hintergründe der Griechenland-Rettung, davon, warum gerade Griechenland in diese Krise geraten ist und wer daran ein Interesse hatte. Diese Recherche geht allerdings kaum über bereits bekannte Fakten hinaus, auch wenn diese bislang nur wenig öffentlich debattiert wurden. Von daher finde ich es gut, dass dies in Form eines Krimis dargestellt wird und damit auch Menschen erreicht, die nicht die Hintergrund-Recherchen in Radio, Fernsehen oder Tageszeitungen verfolgen. Zu viel Platz bekommen haben in diesem Krimi für mich aber die Verbrechen der Nationalsozialisten in Griechenland während des 2. Weltkrieges und die Folgen bis in heutige Generationen. Da hätte ich lieber mehr von den Kungeleien mit den Griechenland-Milliarden gelesen.

Wolfgang Schorlau: "Der große Plan", Kiepenheuer & Witsch, 14,99 EUR, ISBN: 9783462046670

Büchercheck der Woche - hr-iNFO
hr-iNFO Büchercheck vom 17.05.2018 - Serhij Zhadan: „Internat“

Der 43 jährige Schriftsteller und Musiker Serhij Zhadan ist eine Größe in der Ukraine. Er kennt aus eigenem Erleben, die Gewalt, die Angst, die Willkür, den täglichen Überlebenskampf, die Entmenschlichung, die täglichen Absurditäten. Aber auch die Kraft, den Überlebenswillen, die Zuversicht und das kulturelle Bewusstsein, an dem sich Menschen im Grauen orientieren und sich so weder selbst noch ihre Menschlichkeit preisgeben. In seinem neuen Roman bringt Zhadan beides zusammen.

hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Pascha ist Ukrainisch-Lehrer, spricht selbst aber russisch. Den Krieg versucht er zu ignorieren. Sein Vater reißt ihn aus dieser Realitätsverweigerung. Pascha soll seinen Neffen aus einem Internat nach Hause holen, das in der Kampfzone liegt. Er muss sich durchschlagen: zerstörte Landschaften, ruinöse Städte, wirre Frontlinien. Zu Fuß, mit Taxis oder Bussen. Er trifft auf panische Flüchtlinge, undurchsichtige Typen, Gewalttäter. Ständig steht er vor der Frage: Freund oder Feind? Die Angst ist der ständige Begleiter. Das Überleben: ein Glücksfall. Zum Beispiel als er seinen Neffen gefunden hat und sie in einem Bus auf dem Weg nach Hause sind. Da werden sie von Soldaten angehalten. Die Situation wird bedrohlich, aber ein junger Soldat, der ihm zunickt, sorgt dafür, dass sie passieren können.

„Erst da spürt Pascha, dass er Angst hat. Ein Gefühl klebriger, kalter Angst. Als wäre jemand zu ihm gekommen, hätte seinen Tod aus einem Sack genommen, ihn ihm gezeigt und dann wieder zurückgelegt, in den Sack. Er hat ihn aber schon gesehen. Und weiß, dass man ihn jederzeit und überall wieder hervorholen kann. Woher kennt er ihn bloß, diesen jungen Soldaten? Wer ist das? Wer war das?“
Es war ein früherer Schüler. Glück gehabt. Die beiden kommen schließlich entkräftet aber lebend nach Hause. Der Weg hat sie geprägt. Pascha hat seine Passivität überwunden, übernimmt Verantwortung und Initiative. Der Neffe ist in zwei Tagen erwachsen geworden.

Wie ist es geschrieben?
Zhadan erzählt chronologisch aus einer Beobachter-Perspektive, unterbrochen durch Rückblenden in die Vergangenheit Paschas und durch Einblicke in seine Gedanken- und Traumwelten. Erst zum Ende hin ändert sich die Perspektive. Dann tritt ein Ich-Erzähler auf. Es ist der Neffe. Aus Erzähltem wird Erlebtes, eine Quelle. In einem Krieg, in dem die Wahrheit auf der Strecke blieb, ist das eine Kampfansage der Kunst an die Politik. Und Kunst ist dieses Buch in geradezu atemberaubender Weise. Zhadan findet Bilder für alle Varianten des Leidens, der Hoffnung, der Sehnsucht. Und es gelingt ihm, mit seiner Sprache in der apokalyptischen Handlung Ästhetik und Poesie zu manifestieren. In Handlung und Stil bringt er zusammen, was eigentlich nicht zusammen passt.

Wie gefällt es?
„Internat“ ist ein ganz starkes Buch. Eine packende Handlung mit reflektierendem Tiefgang, geschrieben in einer feinen und zugleich kräftigen Sprache. Für mich ist es das stärkste Buch dieses Halbjahres.

Serhij Zhadan: „Internat“, Suhrkamp Verlag, 22 EUR, ISBN: 978-3518428054

Büchercheck der Woche - hr-iNFO
hr-iNFO Büchercheck vom 10.05.2018 - Anne Reinecke: „Leinsee“

„Leinsee“ heißt ein neuer Roman aus diesem Frühjahr. Seine Autorin Anne Reinecke wurde 1978 geboren, „Leinsee“ ist ihr Debüt. Ein Grund, mal wieder gespannt zu sein auf eine neue Erzählerstimme.

hr-iNFO Büchercheckerin Sylvia Schwab hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Karl ist Ende zwanzig und ein erfolgreicher Künstler in Berlin. Am Beginn des Romans erfährt er per Telefon, dass sein Vater sich das Leben genommen hat, weil seine Mutter eine sehr schwierige Hirnoperation hatte, die sie möglicherweise nicht überleben wird. Karls Eltern waren das Glamourpaar der deutschen Kunstszene. Sie zelebrierten ihr Künstlertum international, was der Sohn immer lächerlich fand. Als Karl jetzt vom Selbstmord des Vaters erfährt, reist er nach Leinsee am Leinsee, wo seine Eltern in einem Riesenanwesen wohnen, um sich um die Beerdigung und seine frisch operierte Mutter zu kümmern.

„Mara. Als der Anruf gekommen war, war sie ans Telefon gegangen. Sie hatte die Stirn gerunzelt und gesagt: „Ja. Einen Moment.“ Sie hatte ihm den Hörer gereicht und ihn nicht mehr aus den Augen gelassen, die Hand auf der Brust in Ahnungspose, zu allem Überfluss auch noch umleuchtet von der Sonne, die hinter ihr durchs Fenster fiel. Mara Dolorosa.“

Wie ist es geschrieben?
Anne Reinecke versteht es, zwei sehr unterschiedliche Geschichten miteinander auszubalancieren. Da ist der Künstlerroman, der frech und ironisch daherkommt. Eine sehr pointierte Satire auf den Kunstbetrieb, auf die leere Aufgeblasenheit von Künstlern und Galeristen, Rezensenten und Interviewern. Da gibt es Situationen und Typen, die sind echt zum Lachen! Dazu kommt aber noch eine ganz besondere Freundschafts- und Liebesgeschichte, die Anne Reinecke heiter, leicht und sehr liebevoll in Szene setzt. Aber nie kitschig oder sentimental.

Wie gefällt es?
Sehr gut!! Denn Anne Reinecke ist es gelungen, die zarte Freundschaft zwischen Karl und einem kleinen Mädchen – Tanja – so zauberhaft zu entwickeln, dass dieses Thema keinen Moment lang schräg rüberkommt. Es ist eine ganz zarte Begegnung und später Verbindung zwischen dem Kind und dem Mann, und dann eine ganz langsam wachsende Liebe. Anne Reinecke bürstet beide Genres, den Künstlerroman wie die Liebesgeschichte, gegen den Strich. Das ist mutig und originell vom Konzept her und sensibel und spielerisch umgesetzt. Ich habe diesen Roman sehr gerne gelesen!!  

Anne Reinecke: „Leinsee“,  Diogenes Verlag, 24 EUR, ISBN: 978-3257070149

Büchercheck der Woche - hr-iNFO
hr-iNFO Büchercheck vom 03.05.2018 - Maile Meloy: „Bewahren Sie Ruhe“

„Bewahren Sie Ruhe“ heißt der Thriller der US-Amerikanerin Maile Meloy – die 1972 in Montana geborene Autorin ist schon vielfach für ihre Romane und Kurzgeschichten ausgezeichnet worden. In ihrem neuen Roman verbindet sie einen nervenkitzelnden Entführungsfall mit einer Familien-  und Beziehungsgeschichte.

hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Krimi gelesen.

Worum geht es?
Liv und Nora sind Cousinen, seit ihrer Kindheit dick befreundet und genießen mit ihren Männern die ersten Tage auf dem luxuriösen Kreuzfahrtschiff. Die Kinder wissen sie gut untergebracht im Kids Club. Sie freunden sich mit einem argentinischen Paar an, das ebenfalls zwei, allerdings ältere Kinder hat. Bei einem Stopp im Regenwald gehen sie erstmals an Land – die Männer wollen golfen, die Frauen und Kinder planen einen Ausflug ins Landesinnere. Doch ihr Auto hat eine Panne.  Fremdenführer Pedro improvisiert und führt sie an einen idyllischen Strand an einer Flussmündung. Alle sind zufrieden, die Kinder planschen im Wasser, Nora begibt sich mit Pedro auf die Suche nach einem seltenen Vogel ein Stück in den Wald, und Liv nickt ein. Als sie aufwacht, sind die Kinder weg. Die Flut hat sie auf ihrem Floß aus alten Autoreifen den Fluss hochgetrieben – doch sie sind nirgends zu finden. Als die Polizei Autospuren und eine vergrabene männliche Leiche entdeckt, steigert sich die Angst der Eltern ins Unermessliche.

Wie ist es geschrieben?
„Bewahren Sie Ruhe“ von Maile Meloy ist ein klassischer Thriller: kurze Kapitel, knappe Dialoge, immer wieder neue dramatische Ereignisse: das alles macht das Buch ungeheuer spannend. Dabei wird in abwechselnden Kapiteln von der Suche der Eltern und der Polizei nach den Kindern und aus der Perspektive der entführten Kinder  berichtet. Immer im Mittelpunkt der Gedanken der Eltern:  Wer hat Schuld daran, dass die Kinder verschwunden sind?

„Liv hatte erzählt, wie der Tourguide so getan hatte, als würde er unter Wasser gezogen. Spätestens da hätte sich Raymond seine Familie geschnappt und wäre abgehauen. Egal, ob man ihm vorgeworfen hätte, keinen  Spaß zu verstehen. Egal, ob seine Kinder ihn uncool gefunden hätten. Er wäre mit ihnen zurück zur Straße gelaufen und hätte da auf ein Taxi gewartet.“

Wie gefällt es?
„Bewahren Sie Ruhe“ ist ein klassischer page-turner, ein Buch, das ich kaum aus der Hand legen konnte, so voller Spannung, so rasant die Geschichte. Besonders stark fand ich auch die Schilderungen über das Innenleben der Ehepaare, die Veränderung in den Beziehungen, die die Angst bei ihnen auslöst. Ähnliches bei den Kindern: es gibt Annäherungen und Sympathien, es gibt ängstliche und schlaue, starke und schwache. Und immer die Frage: werden sie überleben, werden sie gerettet? Und was ist danach? Kann es nach so einem Trauma wieder einen Alltag geben? „Bewahren Sie Ruhe“ von Maile Meloy erzählt eine Geschichte, wie eine Sekunde, ein unachtsamer Moment, eine Kette furchtbarer und tödlicher Folgen nach sich ziehen kann. Ein starkes Buch.

Maile Meloy : „Bewahren Sie Ruhe“, Verlag Kein & Aber, 23 EUR, ISBN: 9783036957760

Büchercheck der Woche - hr-iNFO
hr-iNFO Büchercheck vom 26.04.2018 - Torsten Schulz: „Skandinavisches Viertel“

Drei Mal Deutschland bietet der neue Roman von Torsten Schulz. Die DDR, das wiedervereinigte Land und Nazideutschland.  Im Mittelpunkt steht Matthias, ein Kind der 60er Jahre, mauererfahren, gleichermaßen sozialismus- und kapitalismusgeschult. Daneben seine Eltern und ein Onkel, Gewächse der DDR. Außerdem die Großeltern, verstrickt in den Nationalsozialismus. Und natürlich ihr Milieu, kleine Leute, Mietwohnung, im Skandinavischen Viertel, einem Kiez am Prenzlauer Berg.

hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Matthias ist ein gewitzter Typ. Als Kind reizt er die Grenzsoldaten mit Fragen nach den skandinavischen Namen der Straßen im Schatten der Mauer. So testet er die Grenzen seiner Freiheit, wenn er schon nicht ins echte Skandinavien kann. Das kennt er nur aus Erzählungen seines versoffenen Onkels, der mal als Hilfsarbeiter eines DDR-Zirkus dort war. Als junger Mann sucht er nach einem Journalismus-Studium in Leipzig die Freiheit in Los Angeles. Auch dort überschreitet er die Grenzen, als er anfängt Stories zu erfinden. Irgendwann fliegt er auf und kommt zurück. Er wird Makler in der aufstrebenden Hauptstadt. Spezialisiert auf sein Viertel. Er verkauft nur an Leute, die für ihn in das Soziotop des Skandinavischen Viertels passen. Ein widerständiger, ja anarchischer Typ. Aber auch ein melancholischer. Am Ende trickst ihn ein Immobilienhai aus. Und auch bei den Frauen scheitert er. Aus dem Existenzialismus Albert Camus hat er seine Lebenshaltung entwickelt. Immer weiter machen, um das Scheitern wissen, daher nicht zu viel geben, die Dinge nicht so ernst nehmen, eher verdrängen und ein wenig Spaß dabei haben.

Wie ist es geschrieben?
Torsten Schulz ist ein leiser Erzähler. Aber was er erzählt, ist das Ergebnis genauer Milieubeobachtung und präzise und liebevoll nachempfunden, in meist kurzen Sätzen und anziehenden Bildern. Die Einsichten ins Leben kommen hier unaufgeregt, fast lapidar und oft überraschend um die Ecke. Manchmal in Form von Redensarten. Zum Beispiel als Matthias nach dem Krebstod seiner Mutter der Oma die Einkaufstaschen nach Hause trägt.

„Auf dem Weg zur Wohnung reden sie kein Wort miteinander. Erst in der Küche, als er die beiden Taschen abstellt, sagt die Großmutter, ohne den Gedanken irgendwie einzuleiten: „Eigentlich wäre ich an der Reihe gewesen. Stattdessen… Das Schicksal spielt verrückt, anders kann man das nicht ausdrücken.“ Kaum hat sie den Satz beendet, korrigiert sie sich: „Wahrscheinlich ist es ganz einfach: Was an der Reihe ist, muss gehen. Das ist die Bestimmung. Daran glaube ich. Das hab ich  mir von den Nazis nicht verbieten lassen und von den Kommunisten auch nicht.“

Wie gefällt es?
Ich habe auf einer Zugfahrt begonnen, das Buch zu lesen und konnte es nicht mehr weglegen. Ich war ungehalten, als ich ankam und meinen Lesetrip ins Skandinavische Viertel unterbrechen musste. Von der ersten Seite an hat mich dieses Buch gefesselt. Es steckt so viel Leben darin, Wahrheit und Witz. Schade, dass es irgendwann vorbei war. Ich hätte gerne erfahren, ob Matthias doch noch sein Glück findet.

Torsten Schulz: „Skandinavisches Viertel“, Verlag Klett-Cotta, 20 EUR, ISBN: 9783608981377


Büchercheck der Woche - hr-iNFO
hr-iNFO Büchercheck vom 19.04.2018

Janet Lewis: "Die Frau, die liebte"
Es geht um einen Kriminalfall aus dem 16. Jahrhundert. In Südfrankreich war der Bauer und Familienvater Martin Guerre plötzlich verschwunden. Jahre später tauchte er scheinbar wieder auf. Tatsächlich jedoch war es ein Betrüger, der sich da als Martin Guerre ausgab. Dieser historische Kriminalfall hat schon den Stoff für einige Bücher und Filme geliefert. Auch die Amerikanerin Janet Lewis hat sich in ihrem Roman „The wife of Martin Guerre“ mit diesem Thema beschäftigt, der jetzt auf Deutsch erschienen ist unter dem Titel „Die Frau, die liebte“.

hr-iNFO Büchercheckerin Sylvia Schwab hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Andere Erzähler hätten aus diesem gut dokumentierten juristischen Fall sicherlich einen dicken Schmöker gemacht. Janet Lewis aber erzählt auf nur knapp 150 Seiten sozusagen die „Rückseite“ der dramatischen Geschichte. Sie stellt Martin Guerres Frau Bertrande in den Mittelpunkt. Aus ihrer Sicht berichtet sie von Martins Verschwinden, seinem überraschenden Wiederauftauchen nach 8 Jahren, von glücklichen Jahren und aufkommendem Misstrauen dem Hochstapler gegenüber. Und dann von dem nervenaufreibenden Prozess mit unzähligen Zeugen, der auch noch in die Berufung ging, bis der echte Martin Guerre plötzlich auftauchte und der Falsche zum Tode verurteilt wurde.

Wie ist es geschrieben?
Janet Lewis erzählt sehr genau und einfühlsam von Bertrandes tiefer Verunsicherung dem zurückgekehrten Mann gegenüber– aber niemals rührselig. Wie dieser Roman überhaupt nie pathetisch wird, sondern in einer klaren, konturierten Sprache geschrieben ist. Mit liebevoll-detailreichen Schilderungen von Menschen oder der kargen südfranzösischen Landschaft, aber nie überschwänglich. Hier wird eine große historische Betrugs- und Gerichtsgeschichte in ihrer ganzen psychologischen Tiefe und Komplexität begreifbar. Wie in der folgenden Szene, Bertrande betritt das Gerichtsgebäude:

„Kann ich mich denn irren?“ fragte sie sich abermals, als sie die Steinstufen erklomm. Vor dieses Tribunal von Toulouse zu treten besaß für sie Endgültigkeit. Es gäbe keine Möglichkeit, gegen die Entscheidung Einspruch zu erheben. Der richterliche Entschluss erwartete sie dort, hinter den geschlossenen Türen, und hatte etwas von Untergang an sich. Mit einem Mal wich alles Selbstvertrauen von ihr, und Entsetzen überflutete sie.“

Wie gefällt es?
Ich habe diesen Roman fasziniert gelesen! Wegen seiner so sensiblen, eindringlichen Sprache, und wegen eines Themas, das überholt zu sein scheint und doch so aktuell ist. Denn gibt es nicht auch heute wieder unter den Immigranten zigtausende von Menschen, deren Identität wir nicht kennen? Die sich vielleicht fälschlicherweise ausgeben als Brüder oder Ehemänner? Oder umgekehrt wirklich Brüder oder Ehemänner sind, aber nicht mehr erkannt werden nach acht Jahren Krieg? Und: Sind die Fragen, inwieweit wir lieber unserem Gefühl vertrauen oder unserem Verstand, welchen Betrug wir verzeihen können oder nicht und ob es nicht auch gute Betrüger gibt, nicht eine ganz existentielle? Ich finde: Ja!!

Janet Lewis: "Die Frau, die liebte", dtv, 18 EUR, ISBN: 9783423281553

Büchercheck der Woche - hr-iNFO
hr-iNFO Büchercheck vom 12.04.2018

Andreas Maier: „Die Universität“
Die Kreise weiten sich. Andreas verlässt die Wetterau, das vertraute Gelände. Er zieht in die Großstadt, versucht sich an der Universität zu orientieren. Ein doppelter Sprung also. Alles ist anders. Der Erstsemester-Student fühlt sich als Würstchen unter den wichtig und wissend erscheinenden älteren Kommilitonen.

hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Maiers Held beobachtet die anderen und sich selbst, setzt sich zu den unterschiedlichsten Typen an der Uni in Beziehung, definiert seinen Standort in dieser Welt und mögliche Rollen für sich. Er sucht nach seiner Identität. Und so kommt es, dass der Philosophiestudent darüber philosophiert, ob er denn nun Subjekt oder doch vielleicht nur Objekt ist. Ob er eine Person ist oder aus mehreren nebeneinander existierenden Personen besteht. Und er entdeckt für sich, dass das Wort  „ich“ der Mittelteil des Wortes „nichts“ ist. Oder dass das Individuum nur sich selbst also solches sieht, während es für die anderen in der Regel nur als Teil der Masse sichtbar wird. Zum Beispiel in der Rush-Hour bei der Heimfahrt von der Uni in die Wetterau.

„Zeitlich fahren sie acht Stunden später dann von Millionen Parkplätzen wieder los, durch alle Straßen zurück, an allen Häusern, allen Menschen, allen Plätzen, an allem vorbei, und sammeln sich, Abend für Abend, zu jenem finalen Bild am Nordwestkreuz, dem ewig wiederholten Stillstand unserer Zielhaftigkeit, in dem wir aufgelöst werden und aufgehen in der Masse der vollkommen Gleichheit ohne Namen, Rang, Geschichte, Herkunft, Person, Eigenschaft, Wille, Geschlecht. Und sitzen in den Autos mit unserer uns nach wie vor unauslöschlich erscheinenden Individualität.“

Wie ist es geschrieben?
Andreas Maier erzählt diese Reifung eines intellektuellen Ichs im Wesentlichen chronologisch und episodisch. Es gibt irritierende Begegnungen und Beobachtungen an der Uni, verzweifelte Selbstbespiegelungen, kleine Fluchten in die Sicherheit der provinziellen Heimat und Versuche in Frankfurt ein neues Zuhause einzurichten, räumlich und sozial.  Maier registriert das alles, verbindet es aber analytisch. Immer wieder tritt der Autor daher aus seinem gleichnamigen, mehr oder weniger autobiografischen Helden heraus. Das wird dann zum Beispiel durch Komik markiert. So wird der Held etwa im Zustand der größten Verwirrung allergisch gegen sich selbst, kriegt Pickel und Magenkrämpfe. Oder er hat einen Job als Pfleger der spinnerten Witwe des Philosophen Adorno. Diese Aufgabe bringt ihn in seiner Persönlichkeitsentwicklung weiter. Darüber hinaus birgt diese Episode in ihren erzählerischen Details aber auch ein Feuerwerk an komischen Einfällen.

Wie gefällt es?
Ich finde, Maier bringt zwei Dinge gut zusammen. Er analysiert, wie aus einem provinziellen Pennäler eine intellektuelle Persönlichkeit reift. Und er erzählt das in prägnanten Beobachtungen, Ereignissen und Handlungen. Dass dieses Erzählen auch immer wieder überraschend und sogar lustig wirkt, das macht für mich die besondere Qualität des Romans aus.

Andreas Maier: „Die Universität“, Suhrkamp Verlag, 20 EUR, ISBN: 9783518427859

Büchercheck der Woche - hr-iNFO
hr-iNFO Büchercheck vom 05.04.2018 - Wolfgang Schorlau: "Der große Plan"

Der als akribische Rechercheur bekannte Autor Wolfgang Schorlau hat sich diesmal auf die Spur des Geldes der Griechenland-Rettung gemacht.

hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Krimi gelesen.
Worum geht es?

Privatdetektiv Georg Dengler bekommt einen richtig großen Auftrag: das Auswärtige Amt engagiert ihn, um die EU-Beamtin Anna Hartmann zu finden. Augenscheinlich ist sie mitten in der Nacht in Berlin auf offener Straße entführt worden, ein privates Handy-Video lässt dies vermuten. Mithilfe seiner technisch versierten Freundin gelingt es Dengler, vier verdächtige Männer zu identifizieren. Doch bevor er sie befragen kann, werden sie ermordet. Dengler ist verunsichert, seine Ermittlungen stocken. Er weiß nur: die gesuchte Anna Hartmann war kurz davor, in der EU einen höheren Posten zu belegen. Sie war eine strikte Befürworterin der harten Maßnahmen gegen Griechenland, hat allerdings womöglich kurz vor ihrem Verschwinden ihre Meinung geändert. Als Dengler einen USB-Stick in ihrem Keller findet, glaubt er, die möglichen Entführer aus der Reserve locken zu können.

"Am nächsten Tag traf Dengler sich mit Leopold Harder im Bistro Brenner.
"Ich habe einen Plan - und ich bitte dich, mir zu helfen", sagte Dengler zu ihm.
"Wenn ich kann, gerne".
"Du hast mich auf eine wichtige Spur gebracht. Nehmen wir an, Anna Hartmann hat ein Konzept erarbeitet, das beinhaltet, dass ein großer Teil der griechischen Schulden illegitim ist."
"Sie wird dann einen Schuldenschnitt verlangt haben".
"Ja. Wir werden einen Text in diesem Sinn verfassen. Wichtig ist, dass die Entführer glauben, wir hätten das, was sie suchen".
"Dazu müssten wir irgendwie mit den Entführern Kontakt aufnehmen. Dummerweise wissen wir nicht, wer sie sind."

Wie ist es geschrieben?
Wolfgang Schorlau ist kein Literat, kein Meister des feinen Stils. Seine Bücher leben vielmehr von der Recherche, von den Fakten, die er mithilfe einer spannenden Erzählung präsentiert. Und das kann er, und zwar gut. Die Sprache ist dabei klar, präzise, nur bei den privaten Randfiguren mitunter etwas geschwätzig.

Wie gefällt es?
Wolfgang Schorlau erzählt in seinem Krimi "Der große Plan" über die Hintergründe der Griechenland-Rettung, davon, warum gerade Griechenland in diese Krise geraten ist und wer daran ein Interesse hatte. Diese Recherche geht allerdings kaum über bereits bekannte Fakten hinaus, auch wenn diese bislang nur wenig öffentlich debattiert wurden. Von daher finde ich es gut, dass dies in Form eines Krimis dargestellt wird und damit auch Menschen erreicht, die nicht die Hintergrund-Recherchen in Radio, Fernsehen oder Tageszeitungen verfolgen. Zu viel Platz bekommen haben in diesem Krimi für mich aber die Verbrechen der Nationalsozialisten in Griechenland während des 2. Weltkrieges und die Folgen bis in heutige Generationen. Da hätte ich lieber mehr von den Kungeleien mit den Griechenland-Milliarden gelesen.

Wolfgang Schorlau: "Der große Plan", Kiepenheuer & Witsch, 14,99 EUR, ISBN: 9783462046670

Büchercheck der Woche - hr-iNFO
hr-iNFO Büchercheck vom 29.03.2018 - Szczepan Twardoch: "Der Boxer"

Szczepan Twardoch ist Jahrgang 1979 und ein Star der polnischen Literaturszene. Sein neuster Roman "Der Boxer" hat das Zeug dazu, die konservativen, nationalistischen Kreise in Polen in Rage zu versetzen.

hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Der Roman spielt im Warschau des Jahres 1937. Der titelgebende Boxer ist Jakob Shapiro - er ist Schwergewichtsmeister, er ist der Inbegriff eines wehrhaften Juden, und er ist ein Killer, der gleichzeitig Auftragsmorde für die Warschauer Mafia erledigt - eine Mafia, die zwar ein skrupelloses Verbrechersyndikat ist, die aber gleichzeitig Stellung bezieht gegen den faschistischen Nationalismus, der sich anschickt, mit einem blutigen Putsch die Macht zu übernehmen. Das alles ergibt ein komplexes Bild der polnischen Vorkriegsgesellschaft, einer zerrissenen Gesellschaft, in der Straßenschlachten, Erpressungen, politische Intrigen und ein grassierender Antisemitismus an der Tagesordnung sind.

Wie ist es geschrieben?
Szczepan Twardoch erzählt die Geschichte von Aufstieg und Fall des Jakob Shapiro in Stil eines noir-Krimis: düster, direkt und harten schwarz-weiß-Kontrasten. Gewalt ist allgegenwärtig in der Welt Shapiros: Ob auf der Straße, in den Kneipen und Bordellen oder im Fond seines Buick:

"Shapiro drehte sich langsam auf seinem Sitz um, und Munja hatte, ehe er sich versah, den Lauf einer Pistole an der Stirn, eines kleinen Colt 1903 mit perlenbesetztem Kolben, der zwischen Shapiros Fingern glitzerte. "Reiß die Fresse noch einmal ungebeten auf, dann landest du im Kofferraum neben diesem Scheißkerl", flüsterte Jakub."

Die Brutalität dieses Romans ist teilweise verstörend, nicht zuletzt deshalb, weil Twardoch mit Bildern von Gewalt und Demütigungen arbeitet, die wir eher aus Beschreibungen des Holocaust kennen. Und dann ist da auch noch der Erzähler des Romans, Mosche Bernstein, dessen Vater von Shapiro auf grausame Weise ermordet wird, und der sich trotzdem dessen Syndikat anschließt - aus Bewunderung für dessen Wehrhaftigkeit. Und so lautet der erste Satz des Romans:

"Meinen Vater hat ein großer gutaussehender Jude mit breiten Schultern und dem mächtigen Rücken eines makkabäischen Kämpfers getötet."

Wie gefällt es?
"Der Boxer" ist ein mitreißendes Gangsterepos, schonungslos, packend und schwindelerregend in seiner Auflösung der Grenzen zwischen Opfern und Tätern. Vieles von dem, was hier über die Warschauer Vorkriegszeit, über die gesellschaftliche Spaltung und politische Radikalisierung erzählt wird, war mir vollkommen unbekannt. Es sollte mich nicht wundern, wenn dieser Roman so gar nicht ins Geschichtsbild der aktuellen national-konservativen Regierung passt - um so wichtiger, dass Szczepan Twardoch dieses dunkel Kapitel der polnischen Vergangenheit so effektvoll und überzeugend in Szene gesetzt hat.

Szczepan Twardoch: "Der Boxer", aus den Polnischen von Olaf Kühl, Rowohlt Berlin, 22,95 EUR, ISBN: 9783737100083

Büchercheck der Woche - hr-iNFO
hr-iNFO Büchercheck vom 22.03.2018

Liv Strömquist: „Der Ursprung der Liebe“
Liv Strömquist zeigt uns in ihrem Comic „Der Ursprung der Liebe“, dass fast nichts, was wir als „natürlich“ in Bezug auf Liebe und Partnerschaft empfinden, auch wirklich ganz natürlich ist.

hr-iNFO Büchercheckerin Tanja Küchler hat den Comic gelesen.

Worum geht es?
Strömquist verbindet nordische Göttinnen, soziologische Theorien und die Psychoanalyse und lässt die Essenz daraus lebendig werden - in alltäglichen Situationen von Durchschnittspärchen genauso wie in den großen Liebestragödien der Popkultur. Unmissverständlich, scharfsinnig und überzeugend macht sie klar: in Sachen Liebe und Beziehungen sind eine ganze Reihe von unbewussten Annahmen, von Missverständnissen und sogar psychologischen Störungen im Spiel. Wenn sie z. B. der Frage nachgeht, warum Frauen sich so häufig von Männern angezogen fühlen, die sie emotional am langen Arm verhungern lassen. Oder warum ausgerechnet der Übergang zur Heirat aus Liebe mit einer prüderen Einstellung zum Sex einhergegangen ist.

Wie ist es geschrieben?
Liv Strömquist serviert uns eine sehr lesenswerte Sammlung kurzer Comics voller Theorie-Highlights, umgesetzt als rasante, schwarz-weiße Bildergeschichten mit Fun-Comic-Ästhetik. Teils witzig und bissig, teils berührend gefühlvoll in poetische Bilder gefasst. Sie nimmt das Thema ernst – behält sich dabei aber eine Leichtigkeit und Selbstreflexivität, die Spaß und Lust macht, ihr bei ihren Gedankengängen zu folgen. Sie dreht und wendet alles, was wir im Allgemeinen als normal in Bezug auf die Liebe empfinden, – und überzeichnet es bis ins Absurde:

„(Sie:) „Wir lieben einander.“
(Er:) „Das bedeutet, dass ich bestimmen darf, was du mit deinem Körper machst.“
(Sie:) „Ok. Darf ich einen Schweden schminken?“
(Er:) „Ja!“
(Sie:) „Darf ich einen Magier martern?“
(Er:) „Ja!“
(Sie:) „Darf ich den Kaschmirpullover eines Kollegen kraulen?“
(Er:) „Ja! - Aber wenn deine Genitalien auf irgendeine Weise in Kontakt mit einem anderen menschlichen Körper kommen, krachen meine Psyche und mein Selbstwertgefühl zusammen wie ein Kartenhaus und ich brauche Jahre, um mich davon zu erholen.““

Wie gefällt es?
Ihre Comics haben mir nicht nur zu vielen neuen Einsichten verholfen, sondern mich auch ganz oft zum Schmunzeln und zum Lachen gebracht. Auch wenn ich dabei oft gleichzeitig ziemlich schlucken musste. Denn die größte Stärke des Buchs ist das vorwegnehmende Entkräften von allen „Ja-aber-Einwänden“, die Einem beim Lesen gegen ihre Entzauberung der „Liebe“ einfallen könnten. Ein tolles, schlaues, witziges Buch – das ich jedem empfehlen möchte: verblendeten Romantikern, Desillusionierten, Verschmähten und unbedingt auch frisch Verliebten!

Liv Strömquist: „Der Ursprung der Liebe“, Übersetzung aus dem Schwedischen von Katharina Erben Comic, avant Verlag, 20 EUR, ISBN: 9783945034897

Büchercheck der Woche - hr-iNFO
hr-iNFO Büchercheck vom 15.03.2018

Kristine Bilkau: „Eine Liebe, in Gedanken“
Antonia und Edgar lernen sich 1964 in Hamburg kennen. Beide sind Kriegskinder,  kennen die Entbehrung, die Enge in Familie und Gesellschaft. Sie verlieben sich ineinander,  glauben, super zueinander zu passen. Dann bewirbt sich Edgar für einen Job in Honkong. Antonia soll nachkommen. Sie schreiben sich, versichern sich ihrer Liebe und irgendwann kommt dann per Telegramm die Ankündigung, Antonia möge sich für den Umzug vorbereiten. Das Flugticket folge. Antonia kündigt Job und Wohnung. Aber das Ticket kommt nicht. Sie versucht mit anderen Männern Edgar zu vergessen, bekommt eine Tochter, stirbt irgendwann ziemlich einsam an Herzschwäche.

hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Warum hat Edgar sein Versprechen nicht gehalten? Was ist passiert? Diese Frage bleibt für Antonia unbeantwortet. In dem Roman sucht Antonias Tochter nach einer Antwort. Sie rekonstruiert anhand von Briefen, Fotos und Erinnerungen. Im Verlauf der Rekonstruktion kommen Zweifel auf, ob die Beiden wirklich so gut zueinander passten. Ob sie sich das nicht nur vormachten, weil sie es sich wünschten. Mehr Projektion als Realität? Es gibt zum Beispiel diesen Dialog ein paar Tage vor der Abreise Edgars nach Honkong:

„“Die Gegenwart ist das Rohmaterial, aus dem die Zukunft geformt wird“, sagt er auf einmal. Sie blickt ihn erstaunt an. „Ja?“, sie fühlt sich noch immer nicht richtig wach. „Dann ist das hier Rohmaterial?“ „Nein, ich habe nur gerade an die ersten Wochen in Hongkong gedacht. Die sind das Rohmaterial.“ „Ach so“, sagt sie. „Und das hier, was ist das hier?“ „Eine kleine Traumwelt.““

Schon hier, etwa in der Mitte des Buchs, scheint im glücklichsten Moment eine Ahnung des Scheiterns durch.

Wie ist es geschrieben?
Kristine Bilkau montiert zwei Zeitschienen. Zum einen chronologisch das Geschehen der 60er Jahre, versehen mit konkreten Tagesdaten. Zum anderen die Rekonstruktion der Tochter in unserer Zeit. Die eine Schiene ist unmittelbar und bleibt in der Welt und Gedankenwelt Antonias und Edgars. Die andere ist die reflektierte, die bewertende. Die Tochter kommentiert gewissermaßen das historische Geschehen und bringt ihren eigenen Antrieb als Spurensucherin ein. Diese Kombination verstärkt einerseits die Emotionalität des Buchs, andererseits erzeugt sie einen permanent wachsenden Spannungsaufbau, der in einer Begegnung zwischen der Tochter und Edgar mündet.

Wie gefällt es?
Der Roman hat mich von der ersten Seite an gepackt. Schon die Grundfrage ist fesselnd. Warum scheitert etwas, was als Liebe des Lebens empfunden wird? Dann ist es die Dramaturgie der beiden Zeitschienen, die die Spannung, manchmal mit Verzögerungen, immer höher treibt. Und schließlich die Sprache Bilkaus. Reportagehaft mit vielen beschreibenden Details, aber auch sehr fein ziselierten Stimmungen, die Bedeutung tragen. Sehr gekonnt und anziehend.

Kristine Bilkau: „Eine Liebe, in Gedanken“,  Luchterhand Verlag, 20 EUR, ISBN: 9783630875187

Büchercheck der Woche - hr-iNFO
hr-iNFO Büchercheck vom 08.03.2018


Margriet de Moor: „Von Vögeln und Menschen“
Schon Margriet de Moors erster Roman „Erst grau dann weiß dann blau“ war ein sensationeller Erfolg, es folgten weitere Romane, in denen es um komplizierte Menschen und Beziehungen geht, geschrieben in einer eigenwilligen Sprache und einem eigensinnigen Ton. Hier in „Von Vögeln und Menschen“ gibt es zwei Morde, man könnte deswegen denken, dass es sich um einen verkappten Krimi dreht. Doch das ist nicht der Fall. Margriet de Moor geht es darum, wie Menschen sich in extremen Situationen verhalten und verändern. Und wie schwierig es ist, sie wirklich zu kennen und zu begreifen.

hr-iNFO Büchercheckerin Sylvia Schwab hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Vögel spielen eine vielfältige Rolle in „Von Vögeln und Menschen“. Sie stehen für die Freiheit der Gedanken, für Verletzlichkeit wie für die Gefangenschaft. Ob im Käfig oder im Gefängnis. Außerdem ist Rinus, einer der Protagonisten, Vogelvertreiber auf dem Amsterdamer Flughafen. Eines Tages begeht Rinus’ Frau Marie Lina einen Mord. Es ist ein Racheakt. Der hat – wie schnell klar wird - mit einem anderen Mord zu tun, der über dreißig Jahre zurückliegt. Damals wurde ein alter Herr in einem Altenheim brutal umgebracht. Marie Linas Mutter war seine Putzfrau, hatte ihn liebevoll umsorgt. Unter Verdacht geraten legte sie damals aber ein falsches Geständnis ab und kam ins Gefängnis.

Wie ist es geschrieben?
Sprachlich bietet der Roman ein ganzes Spektrum an unterschiedlichen Stilen und Tonlagen. Von knappen Zweiwortsätzen und abrupten Berichten bis hin zu Passagen, die poetisch klingen fast wie Gedichte. Margriet de Moor macht Gefühle oder Stimmungen in Bildern fast körperlich spürbar. Darum ist dieser Roman auch gerade da spannend und eindringlich, wo wir schon wissen, was passieren wird. Wo wir nicht weiter lesen, um zu erfahren, was passiert, sondern wie das Geschehen erzählt wird.

„Wer singt, weint nie für sich allein. Wird nie vom Kummer um Dinge übermannt, die sind, wie sie sind, und an denen nun mal nichts zu ändern ist. Wer singt, fliegt über sein Verlangen hinweg, das ihm wie ein Schmerz im Leibe steckt, und wird zu einem Vogel.“

Wie gefällt es?
Ich habe „Von Vögeln und Menschen“ mit großer Freude gelesen. Das hängt auch mit der abwechslungsreichen und fragilen Erzählstruktur des Romans zusammen. Er geht nicht chronologisch vor, sondern springt vor und wieder zurück, staffelt die Zeitebenen übereinander und ineinander, wechselt die Erzählperspektiven und die Blickwinkel. Alles ist im Fluss. Aus den unterschiedlichsten Szenen und Berichten entsteht kein fertiges Bild, sondern ein sehr komplexes Erzählgewebe. Ganz großartig!

Margriet de Moor: Von Vögeln und Menschen, Hanser Verlag, 23 EUR, ISBN: 978-3446258198

Büchercheck der Woche - hr-iNFO
hr-iNFO Büchercheck vom 01.03.2018


Antti Tuomainen: „Die letzten Meter bis zum Friedhof“
Der hr-INFO Krimi-Büchercheck begibt sich in eine kleine Stadt nach Finnland. Hier findet ein absurd-komischer, skurriler Krimi statt, der doch auch sehr ernsthaft die Themen Leben, Würde und Tod behandelt.

hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Jaako ist 37 Jahre alt, übergewichtig und verheiratet, er führt ein kleines Unternehmen und handelt mit Pilzen, die er nach Japan exportiert. Kieferduftritterlinge, japanisch Matsutake, das ist sein Geschäft. Und sein Lebensinhalt. Doch dann wird alles auf den Kopf gestellt: der Arzt erklärt ihm, dass er bald sterben wird, er ist vergiftet worden, und er entdeckt seine Frau inflagranti mit einem Angestellten. Von da an hat er nur noch ein Ziel: herauszufinden, wer ihn vergiftet hat. Außerdem hat sich im Ort eine Konkurrenz angesiedelt, Pilzhändler, die vom Geschäft nichts verstehen, aber ihn mit Dumpingpreisen kaputtmachen wollen. Jaako wird zum Kämpfer – auch zum Kämpfer gegen seine Krankheit, die ihn manchmal komplett niederstreckt. Der Roman ist aus der Sicht von Jaako geschrieben, der nicht davor scheut, mit sich selbst hart ins Gericht zu gehen. Aber zunächst macht er eine Liste

"Heute zu erledigen: Punkt 1: Mordermittlung / in Klammern: ich bin das Mordopfer. Punkt 2: Ermittlungen zum Thema Ehebruch / in Klammern: Taina vögelt Petri in unserem Sonnenstuhl der Firma Masku - wieder durchgestrichen. Punkt 3: als Folge des oben Genannten folgt: meinen Gesundheitszustand sowie meine Befindlichkeit verheimlichen. Vor allen. Der Schmerz kommt wieder überraschend. Es fühlt sich wie ein Stromschlag an, ich zittere, jede Zelle meines Körpers scheint betroffen zu sein. Ich sitze am Fenster, mit Blick auf den Tag, aber es ist dunkel. Ich habe das Gefühl zu schwanken, den Halt zu verlieren. Aber ich sterbe nicht."

Wie ist es geschrieben?
„Die letzten Meter bis zum Friedhof“ ist eine herrlich schwarze, actionreiche Krimi-Komödie. Viele nüchterne, lakonische Sätze, dann wieder fast absurd-komische Dialoge. Antti Tuomainen hat einen ganz eigenen Stil, temporeich, einfühlsam, den Witz nie bis zum Klamauk ausreizend. Übersetzt hat das Buch übrigens der Krimi-Autor Jan Costin Wagner zusammen mit seiner Frau Niina Katariina Wagner.

Wie gefällt es?
„Die letzten Meter bis zum Friedhof“ von Antti Tuomainen ist ein wunderbarer Krimi mit ganz viel Lebensklugheit, schwarzem Humor und einer leichten Traurigkeit. Das Buch schildert einen Mann im Kampf um sein Leben, sein Lebenswerk, aber vor allem um sein Recht auf die Wahrheit, doch ohne jeden Rachegedanken. Der dicke, vergiftete und betrogene Mann, der plötzlich merkt, wie lebendig er noch ist, so, wie er vorher nie gewesen. Ich hatte großen Spaß mit diesem Krimi, bei dem jeder Satz, jedes Wort, perfekt zu sitzen scheint. Eine schräge Geschichte, eine dringende Empfehlung.

Antti Tuomainen: "Die letzten Meter bis zum Friedhof". Rowohlt. 19,95 Euro.

Büchercheck der Woche - hr-iNFO
hr-iNFO Büchercheck vom 22.02.2018

David Szalay: „Was ein Mann ist“
In Großbritannien hat es das Buch bis auf die Shortlist des renommierten Man Booker Preises gebracht. Man darf also ein paar Einsichten in das Wesen des Mannes erwarten.

hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
David Szalay lässt in seinem Buch – Kapitel für Kapitel - neun Männer auftreten. Vom jungen Erwachsenen bis zum Rentner am Ende seiner besten Tage, vom Billigtouristen bis zum gescheiterten millionenschweren Unternehmer auf seiner Luxusyacht, vom Bodyguard einer Edelprostituierten bis zum ehrgeizgetriebenen und skrupellosen Boulevard-Journalisten. Gemeinsam ist ihnen ihre europäische Herkunft. Und alle sehen wir in einer mehr oder weniger weichenstellenden Situation ihres Lebens, an verschiedenen Schauplätzen im Europa unserer Zeit. Sie versuchen Männerbilder zu leben, aber das gelingt, wenn überhaupt, nur zeitweise. Sie wollen zum Beispiel Frauen aufgabeln und landen in jämmerlichen Bettgeschichten. Sie wollen eine Frau erobern und trauen sich nicht. Sie suchen den Wettbewerb, sind Meister ihres Fachs, aber oft auch einfach Opfer ihrer Ängste. Zum Beispiel James, ein Londoner Immobilienmakler, der in den französischen Alpen nullachtfünzehn-Appartements als Luxusobjekte verkaufen soll und von einem Big Deal träumt.

"Während der letzten ein oder zwei Jahre überkam ihn immer wieder das bis dahin ungekannte Gefühl, den ganzen, bis zum Lebensende vor ihm liegenden Weg absehen zu können - schon zu wissen, was noch geschähe, und alles wäre absolut vorhersehbar und absolut banal. Das hatte er im Sinn gehabt, als er mit Paulette über das Schicksal diskutiert hatte. Die ist eine Chance, und wie viele Chancen, diesem Schicksal zu entrinnen, würde er noch bekommen?"

Wie ist es geschrieben?
Man könnte trefflich darüber streiten, ob dieses Buch tatsächlich ein Roman ist oder eine Sammlung von neun Kurzgeschichten. Keine der Figuren taucht in einer anderen Geschichte wieder auf. Nur einmal deutet sich eine Verwandtschaft von zwei Personen in unterschiedlichen Kapiteln an. Andererseits entsteht erst durch die Gesamtsicht auf die neun Personen ein Gesamtbild. Sozusagen ein Mann-Mosaik. Verbindend ist allemal der sparsame und doch sehr genau beschreibende Stil Szalays. Und sein feiner Humor, der immer wieder durchscheint. So entsteht aus den Bildern und der Handlung die Grundstimmung des Buchs, der Blues.

Wie gefällt es?
Ich fand es faszinierend, wie Szalay mich beim Lesen von Kapitel zu Kapitel immer tiefer in sein Buch herein gezogen hat. Die Personen erschienen mir wie nackt, als ob sie sich offenbaren müssten, ihre Fassade öffnen müssten, so dass man ihnen wirklich auf den Grund blicken kann. Man findet in diesem Buch keinen einzigen bewertenden Satz. Das findet nur im Kopf des Lesers statt.

David Szalay: "Was ein Mann ist“. Hanser Verlag. 24,00 Euro.

Büchercheck der Woche - hr-iNFO
hr-iNFO Büchercheck vom 15.02.2018

Nickolas Butler: „Die Herzen der Männer“  
Nickolas Butler ist 38. Mit seiner Frau und zwei Kindern lebt er in Wisconsin. Sehr ländlich im Norden der USA. Auf Fotos präsentiert sich Butler als kräftiger, bärtiger Mann in Holzfäller-Hemden. Man könnte sagen, ein weißer Mann aus dem Herzen der USA, verwurzelt in der Landschaft, den Träumen und Legenden des Landes. So liest sich auch sein Roman. Seine Protagonisten sind Pfadfinder. Sie stehen  für die amerikanische Gesellschaft, für ihren Wandel bis hin zu Trump.

hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Männerherzen werden früh gebrochen, zumindest in diesem Roman. Väter schlagen und lassen ihre Familien sitzen, sie betrügen. Söhne und Mütter bleiben zurück. Freunde verraten, Kameraden demütigen, Freundinnen treiben es mit anderen. Stabilität bietet dagegen ansatzweise die Pfadfinderschaft mit ihren Regeln, Ritualen, Rollen und Rangordnungen. Und danach das Militär. Ein Netz für Desillusionierte und Verlorene. Hier finden die verlorenen Herzen scheinbar Halt, eine Illusion von Heldentum. Und sei es auch nur, um dann in unbarmherzigen Niederlagen den Grundboden zu finden für einen neuen Lebensansatz.  So geht es Nelson in den 60ern und 70ern und Trevor in den 90ern. Als Trevors Sohn Thomas nach der Jahrtausendwende im Pfadfindercamp ist, fällt auch das Pfadfindernetz in sich zusammen. Die Vorstellungen von Ehre und Pflicht, die Rituale: bestenfalls leere Hüllen. Thomas´ Mutter bringt es auf den Punkt:

„Der Welt, so scheint es, ist es heutzutage ziemlich egal, ob man ein Adler-Pfadfinder oder überhaupt ein Pfadfinder ist. Es dreht sich nur noch darum, wie viele „Follower“ man hat, wie perfekt der mit Selbstbräuner besprühte Waschbrettbauch aussieht und ob man genial genug war, ein Start-up Unternehmen an den Mann zu bringen, das auch nicht ein einziges nützliches Produkt auf die Beine gestellt hat.“

Männer sind in diesem Buch gezeichnete Wesen. Die Mütter sind die eigentlichen Heldinnen.

Wie ist es geschrieben?
Butler schreibt seine Männergeschichten mit viel Empathie für seine Protagonisten. Es sind beeindruckende Typen, die in sich in dem Buch den Staffelstab reichen. Und ihre Geschichten sind drastisch. Spannend, aber vor allem emotional. Die Leben der drei Figuren sind verkettet und fließen chronologisch ineinander, treiben sich an, die Handlung entwickelt einen Sog. Die Sprache ist eingängig, erleichtert den Lesefluss.

Wie gefällt es?
Wie in vielen US-amerikanischen Romanen sind auch hier die Charaktere zugespitzt. Manches Gute oder Böse wirkt ein wenig holzschnittartig. Mich hat das nicht gestört. Dafür sind die Figuren insgesamt zu stark. Sie können am Beispiel dieser Pfadfinderwelt gut vermitteln, wie ein Teil der amerikanischen Seele tickt, wie sie sich verändert und was sie verliert.

Nickolas Butler: „Die Herzen der Männer“ , Verlag Klett-Cotta, 22 EUR, ISBN: 9783608983135

hr-iNFO Büchercheck vom 08.02.2018

Adam Haslett: „Stellt euch vor, ich bin fort“
Die Bücher des us- amerikanischen Schriftstellers Adam Haslett wurden schon vielfach ausgezeichnet und in 18 Sprachen übersetzt. Sein neuer Roman "Stellt Euch vor, ich bin fort" wurde für den Pulitzer-Preis nominiert.

hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Es beginnt mit Margaret, die im London der 60er Jahre John trifft, ihn heiratet, obwohl sie kurz vorher erfahren hat, dass er unter wiederkehrenden Depressionen leidet. Sie bekommen drei Kinder, ziehen in die USA, wo John sich eines Tages das Leben nimmt. Aber das heimtückische Ungeheuer Depression, das John mit seinem Selbstmord zu zerstören hoffte, überlebt – es wendet sich dem ältesten Sohn Michael zu, der alsbald eine fatale Angststörung entwickelt und wieder ist die Familie mit einem Unglück konfrontiert, dass sie an die Grenzen der Belastbarkeit bringt und gleichzeitig aber auch zusammenschweißt.

„Alles in allem standen wir uns einander so nah, wie es unter Geschwistern nur möglich ist. Was bedeutete, dass wir die jeweiligen Verantwortlichkeiten gegenüber der Familie genau im Auge behielten und auf Anzeichen für Desertion lauerten wie Schiffbrüchige auf einer Insel – als baute jeder von uns heimlich an einem Floß, das der andere dann verbrannte.“

Extremes Leiden schafft extremen Zusammenhalt und sogar extreme Zärtlichkeit - diese paradoxe Struktur des familiären Unglücks ist es, was Haslett interessiert.

Wie ist es geschrieben?
Adam Haslett erzählt aus wechselnden Perspektiven. Jedes Familienmitglied rekapituliert seine Sicht der Dinge, treibt die Handlung weiter, relativiert oder entlarvt das zuvor Erzählte als Teilwahrheiten, als Wunschdenken oder als Projektion. Das macht die Spannung dieses Romans aus. Haslett gelingt darüber hinaus das Kunststück, für jede Figur einen eigenen Ton, einen eigenen Rhythmus zu finden: sei es melancholisch im Fall des depressiven John oder überspannt und streckenweise hochkomisch im Fall seines ältesten Sohnes Michael. Das Entscheidende aber ist, dass wir durchgehend nah bei den Figuren sind, dass ihre Erfahrungen, Ängste und Hoffnungen – so verrückt sie auch sein mögen, dennoch glaubwürdig bleiben. Haslett lässt uns das Wechselbad der familiären Gefühle miterleben, den Wunsch nach Unabhängigkeit genauso spüren wie Sehnsucht nach Geborgenheit.

Wie gefällt es?
Dieser Roman behandelt kein leichtes Thema, aber er ist nicht anstrengend zu lesen: Er entwickelt keine dramatische Handlung, und trotzdem reißt er unwiderstehlich mit. Das liegt am präzisen Stil und an der eindringlichen Sprache, das liegt an den Figuren, die komplex und glaubwürdig sind – man merkt, dass Haslett hier auch seine eigene tragische Familiengeschichte verarbeitet hat; es liegt aber vor allem daran, dass er die Institution Familie weder idealisiert noch karikiert, sondern als so komplex und widersprüchlich darstellt: als Halt und Heimsuchung in einem. Das auf so unaufgeregte und eindringliche Art zu erzählen, ist eine große Leistung eines großen Romans.

Adam Haslett: Stellt euch vor, ich bin fort, aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren, Rowohlt, 22,95 EUR, ISBN: 9783498030285

hr-iNFO Büchercheck vom 01.02.2018


Oliver Bottini: „Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens“
Oliver Bottini führt uns mit „Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens“ nach Rumänien, in ein Land, das von Landwirtschaft geprägt ist, der Boden aber längst nicht mehr den Rumänen gehört, sondern Deutschen, Österreichern, Saudis oder anderen Agrar-Multis. Oliver Bottini hat für dieses Buch den 1.Platz beim Deutschen Krimipreis 2018 bekommen.

hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Krimi gelesen.

Worum geht es?
Lisa, eine 18jährige Deutsche, wird brutal ermordet. Sie ist die Tochter eines Mecklenburgers, der hier in Rumänien vor Jahren ein Gut gegründet und es nach seiner Heimat Neu-Prenzlin genannt hat. Unter Verdacht gerät der Landarbeiter Adrian Lascu, ein einfacher Junge, der sich in Lisa verliebt hatte und nun verschwunden ist. Womöglich abgehauen nach Deutschland, in die Heimat von Lisa, wohin diese auch wieder zurückkehren wollte. Kriminalpolizist Cozma, der eigentlich nur auf seine Pensionierung wartet, wird abkommandiert, den Fall zu lösen.

„Sie wissen, dass ich ihn nicht einfach so holen kann.“ sagte Cozma.
„Aber Sie können mit ihm reden.“
„Auch das nicht. Jedenfalls nicht offiziell.“
„Inoffiziell, als Abgesandter der Familie Lascu. Und wer weiß, vielleicht kommt er ja freiwillig mit Ihnen zurück.“
„Und wenn er lügt?“
Sie seufzte. Er mochte das Geräusch, es klang sanft, geduldig. „Fahren Sie nach Prenzlin, sprechen Sie mit ihm. Dann sehen Sie, ober er lügt oder nicht.“
Unwillkürlich fiel sein Blick auf die Äcker, die wenige Meter weiter am Ende der Straße begannen und sich entlang des Waldes und der Hügel Hunderte Meter weit hinzogen. Nicht um Lisa ging es, dachte er plötzlich. Sondern darum: Land.

Wie ist es geschrieben?
Oliver Bottini schreibt klar, nüchtern, präzise. Und doch gelingt es ihm, die Personen einfühlsam mit all ihrem erlebten Leid und ihren Hoffnungen zu charakterisieren. Er schildert Familiengeschichten und die Umbrüche in Ostdeutschland und Osteuropa nach 1989. Das macht Geschichte erlebbar und nah – hier ist es besonders das Schicksal rumänischer Grundbesitzer, die nicht nur ihr Land verkaufen müssen, sondern dabei auch noch betrogen werden.

Wie gefällt es?
„Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens“ von Oliver Bottini ist ein großes Buch über die Globalisierung, vor allem über die Folgen des Wirkens der Agrarkonzerne für die kleinen Menschen. Der Krimi hat mir einen Einblick in das Thema Landraub und Landkauf gegeben mit vielen Einzelheiten, von denen ich bislang nichts wusste. Korruption, Betrug, Machtmissbrauch – all das kennzeichnet noch immer die rumänische Gesellschaft, so schildert es der Krimi. Die Menschen haben zwar den unbändigen Willen, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Aber es funktioniert nicht. Es bleiben Verluste, Trauer und Wut. Eine Wut, die einen Mord begründet.

Olivier Bottini: Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens. Krimi, Dumont-Verlag, 22 EUR, ISBN: 9783832197766

Büchercheck der Woche - hr-iNFO
Büchercheck der Woche - hr-iNFO
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hr-iNFO Büchercheck vom 25.01.2018


Paolo Cognetti: „Acht Berge“
Der Premio Strega ist der renommierteste Literaturpreis Italiens. Im vergangenen Jahr ging er an Paolo Cognetti. Der wird dieses Jahr 40, hat bereits als Dokumentarfilmer gearbeitet und mehrere Erzählungen und Romane geschrieben. Den Preis bekam er für seinen Roman „Acht Berge“.

hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Der Roman hat zwei Themen, die parallel laufen. Zum einen die tiefe Freundschaft zwischen dem Stadtkind und dem Bergjungen. Wie sie zusammenfinden, voneinander lernen, in der Liebe zur Natur der Berge ihren gemeinsamen Nenner finden. Aber auch, wie sie ihre Naturbegeisterung in ganz unterschiedliche Berufe und Lebenswelten führt. Pietro bereist als Dokumentarfilmer die Welt und findet in der Bergwelt Nepals einen Fixpunkt. Für ihn sind die Berge eher ein Ort der Meditation, der Selbstfindung. Bruno wird Bergbauer und produziert Käse. Welcher Lebensweg ist der bessere zur eigenen Identität? Raus gehen in die Welt, Erkenntnisse an vielen Orten sammeln? Oder in der Heimat bleiben und dort die Herausforderung suchen? Cognetti präsentiert dafür ein Mandala, das Pietro von einem Bergführer in Nepal erfährt.

„Für uns ist der Mittelpunkt der Welt ein sehr hoher Berg, der Sumeru, der wiederum von acht Bergen und acht Meeren umgeben ist. Das ist unsere Vorstellung von der Welt“
„Bei uns heißt es immer: Wer hat mehr gelernt? Derjenige, der alle acht Berge gesehen, oder derjenige, der den Gipfel des Sumeru bestiegen hat?“
Einige Jahre sehen sich Pietro und Bruno nicht. Erst der Tod von Pietros Vater führt sie wieder zusammen. Pietro erbt eine ruinöse Berghütte, die er mit Bruno wieder aufbaut. Erst da wird ihnen bewusst, wie tief ihre Freundschaft ist.
Das zweite Thema des Romans ist Pietros Beziehung zu seinem Vater, ein schwieriges Verhältnis. Der Vater hat als Chemiker einen sozialen Aufstieg aus der bäuerlichen Welt geschafft, ist aber gespalten, fühlt sich nur in den Bergen bei sich. Die Gipfelstürmerei ist für ihn eine Art Leistungssport, eine Reinigung von der Stadtexistenz. Er schleppt Pietro mit auf die Gipfel, aber seine Getriebenheit entfremdet ihn von seinem Sohn. Das Erbe ist eine Art Versöhnung.

Wie ist es geschrieben?
Cognetti schreibt über die Sehnsucht nach Heimat, nach Authentizität. Er schreibt über die Faszination der Berge, über die Magie, die sie auf die Menschen ausüben. Aber auch über ihre Gefahren und ihre Gefährdung durch den Menschen. Er macht das in einer leisen, direkten Sprache. Stimmungen und Gefühle entstehen aus realistischen Bildern, aus Beobachtungen, Ereignissen und Handlungen. Das Erzählen ist reduziert auf das Wesentliche, wie die karge Alpenwelt. Daraus kommt die Kraft der Sprache.

Wie gefällt es?
Geschichten über Natur oder Heimat geraten schnell kitschig. Cognettis „Acht Berge“ ist davor gefeit. Sein Realismus schärft den Blick auf zeitlose Werte, die konstituierend sind für das Zusammenleben von Menschen und ihren Umgang mit ihrer Umwelt. Ich finde: ein wichtiges Buch für unsere wirre Zeit.

Paolo Cognetti: Acht Berge. Roman, DVA, 20 EUR, ISBN: 978-3421047786

Sakari lernt, durch Wände zu gehen
hr-iNFO Büchercheck vom 18.01.2018


Valérie Zenatti: „Jacob, Jacob“
Valérie Zenatti, deren Familie aus Algerien stammt, wurde 1970 in Nizza geboren. Heute lebt sie als Schriftstellerin und Übersetzerin in Paris. Ihre Bücher sind in zahlreiche Sprachen übersetzt, zwei wurden verfilmt. Bisher schrieb Valérie Zenatti für Kinder und Jugendliche, ihr neuer Roman „Jacob, Jacob“ ist ihr erstes Buch für Erwachsene.

hr-iNFO Büchercheckerin Sylvia Schwab hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
„Jacob, Jacob“ spielt im Jahr 1944, Jacob ist ein junger Mann, 19 Jahre alt. Ein algerischer Jude, Sohn einer armen Schusterfamilie. Ein sensibler und intelligenter Kerl, ganz anders als alle Männer um ihn herum. Und dieser Jacob wird von der französischen Kolonialmacht einberufen, um in den Krieg gegen die Deutschen zu ziehen. Nach brutalem Drill in der algerischen Wüste geht es per Schiff nach Frankreich, erst in die Provence, dann in die Ardennen. Abwechselnd erfahren wir von Jacobs grausamem Fronteinsatz, von seiner Freundschaft mit Kameraden aller Religionen, von seinem Tod. – Und auf der anderen Seite von seiner Familie zu Hause, die ihre eigenen Tragödien ertragen muss.

Wie ist es geschrieben?
Valérie Zenatti einen ganz eigenen Stil: ihre Sätze wandern oder mäandern über viele Zeilen und spiegeln die unterschiedlichsten Emotionen. Sie reißen uns z.B. in das intensive Begehren einer verliebten jungen Frau hinein. Oder ziehen uns in Jacobs sehnsüchtige Träume von zu Hause. Sie stürzen explosionsartig durch die eigentlich unbeschreiblichen Kriegsszenen oder sie beschwören atemlos die Panik der jungen Soldaten im Nahkampf. Und sie erzählen von der Schönheit der Stadt und der Landschaft, in der Jacobs Familie lebt.

„Ein namenloses, heftiges Sehnen hat ihn hierhergeführt, auf den Gipfel des schroffen Bergs, in den mit Vogelkot durchsetzten Staub, inmitten von Zedern und schwarzen Zypressen, an denen der Blick hängen bleibt, ein paar Sekunden festgehalten wird, bevor er frei ins sonnenbeschwerte Tal schweifen darf. Aus dieser Entfernung wirken die Wasserfälle reglos, Schaumschleier, die nur hingetupft wurden um die Rinnen entlang der Schluchten zur Geltung zu bringen.“

Wie gefällt es?
Obwohl es ein ernster Roman ist, bedrückt er nicht, weil er den Ton so leicht wechselt, so farbig erzählt und nie bitter oder pathetisch geschrieben ist. Immer wieder taucht ein Bild auf, das man als Zentrum der Geschichte bezeichnen könnte: eine Hänge-Brücke, die zwei Teile der algerischen Stadt Constantine über einen Abgrund hinweg miteinander verbindet. Diese Brücke gibt es wirklich, eine grandiose Konstruktion, hier spielen wichtige Szenen. Und diese Brücke verstehe ich auch als Symbol für diesen Roman: er verbindet Vergangenheit und Gegenwart, Algerien und Frankreich, Juden, Christen und Moslems.

Valérie Zenatti: Jacob, Jacob. Roman, Schöffling Verlag, 20 EUR, ISBN: 978-3895614620

Sakari lernt, durch Wände zu gehen
hr-iNFO Büchercheck vom 11.01.2018


Norbert Scheuer: „Am Grund des Universums“
Wenn ein Schriftsteller immer wieder eine kleine Gemeinde zum Schauplatz seiner Werke macht und dieser Schriftsteller auch ein guter Autor ist, dann wird aus dem Ort ein Ort der Literatur. In ihm verdichtet sich die Wirklichkeit, und die Poesie veredelt sie. Ich schwärme, das geht im Fall Scheuers. In seinem Kall entsteht nicht nur Welt, in diesem Buch sogar ein Universum: aus Leben und Träumen, aus Geschichten. Der Urschlamm liegt sozusagen auf dem Boden eines erfundenen Stausees in Kall.

hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Zwei windige Investoren, ein unseriöser Bauunternehmer und ein überambitionierter Banker wollen ihren Ort aus dem Dämmerschlaf holen. Touristen sollen Geld in die Kassen spülen. Dafür soll der kleine alte Stausee vergrößert und allerlei touristisches Angebot geschaffen werden. Die Meisten im Ort haben Dollarzeichen in den Augen, verkaufen Grundstücke, geben Geld. Der Stausee wird abgelassen. Die Hinterlassenschaften vieler Jahrzehnte tauchen aus dem Schlamm auf. Relikte des Lebens, Stoff für Erinnerungen und Geschichten. Der Supermarkt ist der Mittelpunkt des Ortes. Hier trifft sich Scheuers Personal. Die Alten, die Jungen, die Mitarbeiter, die zugereisten Bauarbeiter. Scheuer erzählt die Geschichten dieser Leute. Zum Beispiel die des in Afghanistan schwer verletzte Bundeswehrsoldaten; die der jungen Frau, die zwar schreiben, aber nicht lesen kann; die des schwerkranken Elektrikers, der sich ein Raumschiff baut und damit ins Universums startet.

„Das Tal verengt sich kurz vor Kall, sodass sich die Gleise dicht neben Urft und Landstraße drängen. An die Sandsteinfelsen krallen sich Kiefern und Erlen, deren Zweige bis zur Flussmitte reichen. Aus den Bullaugen der Raumkapsel erblickte Lünebach Myriaden funkelnder Sterne, die über dem Stausee schwebten. Je höher er stieg, umso mehr erschienen ihm das Urftland und der See als Universum, das zu erkunden vielleicht ebenso reizvoll gewesen wäre wie Lichtjahre entfernte Welten. Durch eine Art Raum-Zeit-Krümmung konnte er den See zugleich in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft wahrnehmen. Seinen Berechnungen zufolge würde er am Ende seiner im Stausee landen.“   

Wie ist es geschrieben?
Scheuer schreibt die Geschichten dieser Leute in kurzen Kapiteln hintereinander auf. Parallel dazu läuft die Geschichte des Stauseeprojekts. Die Lebenswelten der Leute stehen für sich, sind aber alle miteinander dicht verwoben. Einige sind sogar aus früheren Romanen Scheuers. So entsteht in dem kleinen Ort ein Kosmos. Scheuer erzählt leise, fast nüchtern. Und gleichzeitig doch voller Empathie und Poesie. Es ist eine zarte, feinfühlige Prosa. Die Romanfiguren wachsen einem beim Lesen ans Herz.

Wie gefällt es?
Ein kleiner Ort als Schauplatz der Welt, als Resonanzboden vielfältiger Schicksale, realistisch und poetisch erzählt. So entstehen Bücher, die ich nicht vergesse.

Norbert Scheuer: „Am Grund des Universums“, Verlag C.H. Beck, 19,95 EUR, ISBN: 9783406711794

Sakari lernt, durch Wände zu gehen
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