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hr-iNFO Büchercheck:

hr-iNFO Büchercheck vom 17.12.2015


Javier Marías: So fängt das Schlimme an
Javier Marías ist wohl der international anerkannteste zeitgenössische Schriftsteller Spaniens. Vor ein paar Wochen ist sein jüngster Roman auf Deutsch erschienen. Er heißt „So fängt das Schlimme an“.

hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.
Worum geht es?
Juan, ein junger Mann, tritt seinen ersten Job an, als Privatsekretär bei einem berühmten Filmemacher. Wir sind in Madrid, 1980. Der Diktator Franco ist gerade fünf Jahre tot. Spanien ist in der Wandlung zur parlamentarischen Demokratie.  

Wie ist es geschrieben?
Liebe und Leidenschaft, Leben und Tod, Verrat und Schuld, darüber erzählt Marías mehr als 600 Seiten lang. In einem melancholischen Ton aus der Perspektive Juans, der inzwischen gut 30 Jahre älter geworden ist und milde zurück blickt.

„Ja, viele Jahre waren vergangen, und die Menschen ändern sich, bereuen, sehen sich selbst im Rückblick mit ebenso viel Schauder wie Befremden oder eher mit Trostlosigkeit und mangelndem Verständnis, als betrachteten sie sich in einem Zerrspiegel, so primitiv: Ich bin das gewesen? Ich habe das gemacht? So hässlich war mein früheres Ich? Wenn das so ist, kann ich es nicht ändern. Die Schuld ist stärker als mein Wunsch nach Wiedergutmachung, die Schuld hindert mich daran, es zu versuchen, ich kann einzig erwarten, dass diese Schuld vergeht, dass ihr nichts anderes bleibt, als sich vor Alter im Nebel zu verlieren, in dem alles verschwimmt, was von Anbeginn geschehen ist.“

Wie gefällt es?
Am Anfang braucht die Geschichte etliche Seiten, bis sie in Schwung kommt und packt. Aber dann wächst die Spannung, das Tempo steigt.

Javiér Marías: So fängt das Schlimme an, S. Fischer Verlag, Frankfurt, Euro 24,99, ISBN 9783100024299

hr-iNFO Büchercheck vom 10.12.2015


Sandra Weihs: Das Grenzenlose Und
Sandra Weihs, 1983 in Klagenfurt geboren, hat Sozialarbeit studiert. Ihr erster Roman „Das grenzenlose Und“ brachte Sandra Weihs den Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung 2015 ein.

hr-iNFO Büchercheckerin Syliva Schwab hat den Roman gelesen.
Worum geht es?
Die 18jährige Marie ist psychisch krank, hat einen Selbstmordversuch hinter sich und lebt in einer betreuten WG. Regelmäßig geht sie in Therapie zu einem sehr eigenwilligen Therapeuten. Er hat mit Marie einen Pakt geschlossen. Wenn sie ein Jahr lang die Therapie durchhält, verhindert er, dass sie wieder in die Psychiatrie muss.

Wie ist es geschrieben?
Sandra Weihs Roman ist lebendig, voller frischer Bilder und ungewöhnlicher Perspektiven. Diese frühreife, hochsensible und mit allen therapeutischen Wassern gewaschene junge Frau nimmt kein Blatt vor den Mund. Die Dialoge mit ihrem Therapeuten oder mit ihren Freunden in der Bar oder im Bett sind witzig, drastisch, manchmal auch unverschämt.

„Braucht es heute wirklich dieses Spiel? Muss ich dich tatsächlich anflehen, damit du darüber sprichst? Sind wir nicht schon weiter als am Anfang? Aber ich tue es für dich, liebe Marie! Und er schiebt den Tisch beiseite, geht auf die Knie, jammert über die körperlichen Wehwehchen des Alters und fleht mit bittend gefalteten Händen: Oh, Marie, liebste Marie, lass mich teilnehmen an deinem Leid! Dann schiebt er sich die Brille mit dem Mittelfinger zurück auf die Nasenwurzel, und auf seinem Gesicht steht Fuck you, nur kurz, damit ich ihn auch richtig verstehe.“

Wie gefällt es?
Ich habe diesen Roman gerne gelesen. Er ist tiefsinnig und unterhaltend zugleich. Einen Kritikpunkt habe ich allerdings. Sandra Weihs hat ein bisschen zu viel Leid hineingepackt. Die positive Wende am Schluss gehört doch eher zum Genre der Jugendliteratur.

Sandra Weihs: Das grenzenlose Und, Frankfurter Verlagsanstalt, Euro 19,90, ISBN 9783627002206

hr-iNFO Büchercheck vom 03.12.2015   


Fred Vargas: Das barmherzige Fallbeil
Fred Vargas ist eine französische Autorin, die seit jeher ungewöhnliche Kriminalromane schreibt. Sie gehen zuweilen ins Surreale, sind aber auch poetisch und voller Humor.

hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Roman gelesen.
Worum geht es?
Als die Pariser Polizei kurz hintereinander die Leichen einer pensionierten Mathematiklehrerin und eines reichen Schlossherren entdeckt, sieht es in beiden Fällen nach Selbstmord aus. Bis Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg merkwürdige Zeichnungen an den Tatorten entdeckt, die einer Guillotine ähneln.

„Der Kommissar hatte lange genug gegessen, er stand auf und begann durch den Saal zu schreiten. Vergessen wir nicht, dass man uns seit Anbeginn verschaukelt, sagte er. Man schickt uns nach Island und lenkt uns gleichzeitig auf die Guillotine hin, mit einem Zeichen, das bewusst so unklar angelegt ist, dass man es nicht leicht entschlüsseln kann. Mit dem Mord an Jean Breuguel lotst man uns dann auf Neue nach Island, zu Unrecht, um uns gleichzeitig wieder auf die Guillotine zu verweisen, aber diesmal mit einem Zeichen, das ein bisschen anders aussieht. Zittrig. Wir schwanken zwischen Selbstmord und Mord hin und her. Und nun haben wir Robespierre vor uns. Oder vielmehr einen Mörder, der im Schoße dieser Gesellschaft Robespierre-Anhänger um die Ecke bringt.“

Wie ist es geschrieben?
Bei Fred Vargas ist nichts normal. Auch im vorliegenden Krimi gibt es viele Merkwürdigkeiten, Absonderlichkeiten und Dinge, die mit der Wirklichkeit nur schwer in Einklang zu bringen sind.

Wie gefällt es?
Ich habe „Ein barmherziges Fallbeil“ mit großem Vergnügen gelesen. Fred Vargas entführt in eine andere Welt. Alles ist ein wenig märchenhaft, verzaubert, abgedreht und wirklich spannend.

Fred Vargas: Das barmherzige Fallbeil, Limes Verlag, München, Euro 19,99, ISBN 9783809026594


hr-iNFO Büchercheck vom 26.11.2015   


Richard Ford: Frank
Richard Ford gehört seit Mitte der 80er Jahre zu den großen amerikanischen Erzählern. Immer wieder hat er sich mit dem Leben in den USA und dem Empfinden der Menschen dort beschäftigt. Jetzt wieder. „Frank“ heißt das neue Buch.

hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.
Worum geht es?
Frank Bascombe war Sportreporter, versuchte sich als Schriftsteller, arbeitete als Immobilienmakler und überlebte einen Prostatakrebs. Jetzt ist er Rentner. Er lebt in einem Haus in einer Kleinstadt in New Jersey, zusammen mit seiner zweiten Frau, die als Notfall-Helferin arbeitet und die Opfer des Hurrikans Sandy betreut. Um ihn herum also viele Ruinen, fertige Menschen. Nur Frank wurschtelt sich mit der ihm eigenen Gelassenheit selbstsicher durch das Chaos.  

Wie ist es geschrieben?
Wir Leser sehen die Welt durch die Augen Frank Bascombes. Wahrnehmung und Bewertung wechseln sich ab. Das geht bis in die Sprache, die als Mischung aus Hochsprache, Alltagssprache und Jargon daher kommt.

„ Ann als Essentialistin glaubt daran, dass wir alle ein Ich haben, einen Charakter, an dem wir nichts ändern können (außer Lügen darüber verbreiten). Meine Substanz ist schlicht für unzureichend befunden worden. Aber ich glaube auch nicht daran. Für mich ist Charakter nur eine weitere Lüge der Historie und der darstellenden Künste. In meinen Augen haben wir nur das, was wir gestern getan haben, heute tun und vielleicht zukünftig tun werden. Plus das, was immer wir davon halten. Aber nichts sonst, nichts Hartes oder Kernhaftes. Ich habe noch nie auch nur annähernd einen Beleg dafür gefunden. Eher für das Gegenteil: das Leben als etwas Wimmelndes, Verwirrendes, gefolgt vom Ende.“

Wie gefällt es?
„Das Leben ist ein stetiges Wenigerwerden“, heißt es ziemlich am Ende des Buches. Dennoch verzagt Frank Bascombe nicht an dieser Gewissheit. Er sucht eben und findet wieder etwas, das lohnt, weiter zu machen. Und sei es, dass er sich einredet, ein toller Typ zu sein. „Frank“ bleibt im Kopf.

Richard Ford: Frank, Hanser Berlin Verlag, Euro 19,90, ISBN 9783446249233


hr-iNFO Büchercheck vom 19.11.2015   


Umberto Eco: Nullnummer
83 Jahre ist der italienische Schriftsteller und Philosoph Umberto Eco mittlerweile alt, und immer noch wird jeder neue Roman von ihm als Literaturereignis von internationalem Rang feiert, auch dann, wenn der Roman selbstironisch mit der eigenen Bedeutungslosigkeit kokettiert. Der neuste Eco heißt nämlich „Nullnummer“.

hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.
Worum geht es?
Im Jahr 1992 werden sieben abgehalfterte Mailänder Journalisten angeheuert, um eine neue Zeitung zu konzipieren, eine Zeitung, die mit Falschinformationen, Verleumdungen und Tratsch die öffentliche Meinung manipuliert. Im Grunde genommen soll diese Zeitung nie erscheinen, soll nur als Nullnummer produziert werden. Allein das Gerücht ihrer Existenz dient dem Herausgeber, der frappierende Ähnlichkeit mit einem gewissen Silvio Berlusconi aufweist, als Druckmittel gegen das politische Establishment.

Wie ist es geschrieben?
Umberto Eco hat keinen klassischen Roman geschrieben. Die Zeichnung seiner Figuren bleibt skizzenhaft, das Handlungsgerüst ist eher wackelig.

„Wenn das Ereignis X eintritt, kannst Du es nicht verschweigen, aber es verstört zu viele Leute, also packst Du in dieselbe Nummer ein paar Schlagzeilen, die einem die Haare zu Berge stehen lassen: Mutter erwürgt ihre vier Kinder, unsere Ersparnisse gehen vielleicht bald in Flammen auf … solche Sachen, und Deine Nachricht ertrinkt im großen Meer der Information.“

Wie gefällt es?
„Nullnummer“ ist eine Mediensatire und zugleich die Geschichte des Anfangs vom Ende einer kritischen Presse in Italien. Umberto Eco kommt in diesem Roman nicht wirklich ins Erzählen. Für einen guten Roman ist es viel zu wenig.

Umberto Eco: Nullnummer, Carl Hanser Verlag, München, Euro 21,90, ISBN 9783446249394



hr-iNFO Büchercheck vom 12.11.2015   


Wolfgang Schorlau: Die schützende Hand
Die Morde des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrundes, der rechtsextremen Terrorgruppe NSU, bilden den Hintergrund für den neuen Krimi von Wolfgang Schorlau.

hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Roman gelesen.
Worum geht es?
„Wer erschoss Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt? So lautet der anonyme Auftrag für Privatermittler Dengler. Er recherchiert, gelangt auch an interne Ermittlungsergebnisse, und am Ende steht für ihn fest, so, wie es dargestellt wird, kann es nicht gewesen sein.

Wie ist es geschrieben?
Wolfgang Schorlau ist bekannt für akribisch recherchierte Kriminalromane. Diesmal ist der Krimi fast dokumentarisch.

„Ich habe mich nicht geirrt, sagte Dengler, als er zu Olga in die Küche zurückkam. Laut Bericht waren es drei Schüsse, drei Schüsse innerhalb von zwanzig Sekunden. Er hielt inne. Wobei die Streifenpolizisten von Knallgeräuschen gesprochen haben. Der Kollege, der das Protokoll aufnahm, machte Schüsse daraus. Aber es waren ja wohl tatsächlich Schüsse. Olga sah ihn an: Zwanzig Sekunden! Überleg‘ doch mal. Innerhalb von zwanzig Sekunden entschließen sich erstens Mundlos und Böhnhardt zum Selbstmord, zweitens erschießt Mundlos den Böhnhardt, drittens legt Mundlos Feuer, viertens erschießt Mundlos sich selbst. Alles innerhalb von zwanzig Sekunden, kann das sein? Das glaubst Du doch selbst nicht.“

Wie gefällt es?
Ich habe das Buch mit zunehmender Beunruhigung gelesen. Da sind zu viele Fakten, die gegen die offizielle Version der Todesfälle von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt sprechen. Wolfgang Schorlaus „Die schützende Hand“ ist ein hochbrisanter, spannend geschriebener, am Ende aber auch aufgrund seiner politischen Aktualität irritierender Krimi. Höchst empfehlenswert.

Wolfgang Schorlau: Die schützende Hand, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, Euro 14,99, ISBN 9783462046663

der Büchercheck vom 05.11.2015:



Rolf Lappert: Über den Winter
„Über den Winter“ heißt der neue Roman von Rolf Lappert, ein Autor aus der Schweiz, der auch in Deutschland einen Namen hat.

hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.
Worum geht es?
Was bleibt einem, wenn die Karriere ins Leere läuft, wenn die Beziehungen gescheitert sind und das Alter spürbar wird? Darüber schreibt
Rolf Lappert und lässt seinen Helden in seiner Familie landen, vor der er mal geflohen war.

Wie ist es geschrieben?
Der Roman ist eine Familiengeschichte in sechs Kapiteln mit einer klaren Dramaturgie und einem klaren Ziel. Die Wirkung des Erzählens ist nachhaltig, zum Beispiel als Salm im Haus seines Vaters eine Greisin besucht, die er seit Jahrzehnten kennt.

„Ihr weißes Haar hatte einen leichten Gelbstich, wie er sich auf alte Fotos legte. Sie war nie eine schöne Frau gewesen, nicht einmal hübsch, das hatte Salm schon als Junge entschieden. Aber jetzt, da ihr ehemals Respekt einflößender Körper ebenso geschrumpft war wie ihre Kraft und Lebenstüchtigkeit, trat etwas an die Stelle des Verschwundenen, für das Salm nur der Ausdruck Anmut einfiel, das jedoch mehr war und tragischer, nämlich ein allerletztes Aufblühen von Würde, ein sich Ausliefern und Hingeben, unfreiwillig und widerspenstig und doch gefasst, beinahe demütig.“

Wie gefällt es?
Die Wandlung Salms vom irrlichternden Künstler zum emphatischen Sohn wirkt ein wenig konstruiert und gefühlig. Und trotzdem funktioniert dieser Roman. Man muss sich nur einlassen.

Rolf Lappert: Über den Winter, Carl Hanser Verlag, München, Euro 22,90, ISBN 978344624905



der Büchercheck vom 29.10.2015:



Heinz Helle: Eigentlich müssten wir tanzen
Heinz Helle ist ein junger deutscher Autor, der mittlerweile in der Schweiz lebt. „Eigentlich müssten wir tanzen“ ist sein zweiter Roman und war für den Deutschen Buchpreis nominiert.
hr-iNFO Büchercheckerin Tanja Küchle hat den Roman gelesen.
Worum geht es?
Fünf junge Männer haben ein Wochenende auf einer einsamen Berghütte verbracht. Als sie zurück ins Dorf, in die Zivilisation wollen, stellen sie fest, dass von der nicht mehr viel übrig ist. Alles ist zerstört, brennt oder kokelt noch. Völlig auf sich selbst zurück geworfen, marschieren sie los durch die verwüstete, menschenleere Landschaft.
Wie ist es geschrieben?
Die Geschichte der Apokalypse wird düster und dicht beschrieben. Es ist fast, als würde man sich selbst atemlos durch Wald und Schnee schleppen, Seite an Seite mit dem Ich-Erzähler und seinem „Rudel“. Konterkariert wird das durch hochkomische Szenen. Zum Beispiel als die Männer im Wald einen Frachtcontainer finden. Sie hoffen auf Essbares und versuchen, mit einem alten Kühlschrank das Vorhängeschloss zu zerschlagen. Eine mühsame Angelegenheit.
„Noch ein Schlag. Noch ein Schlag. Noch einer. Dumpf fällt der Kühlschrank ins Gras. Knie knacken, wir heben ihn wieder auf, stoßen noch einmal zu und dann bricht das Schloss. Es traut sich keiner so recht, das Tor zu öffnen, also hebe ich den Verschluss an und ziehe vorsichtig an der Stahltür. Sie lässt sich überraschend leicht öffnen. Im schwachen Licht etwas Weißes, viel Weißes, weiße Kisten, Blöcke, matt glänzend, metallisch, mit abgerundeten Kanten. Kühlschränke. Ein ganzer Container voll.“
Wie gefällt es?
Ich habe diesen Roman verschlungen, so spannend und gut geschrieben. Es ist eine  Versuchsanordnung, die gnadenlos die Grenzen der menschlichen Existenz auslotet.
Heinz Helle: Eigentlich müssten wir tanzen, Suhrkamp Verlag, Berlin, Euro 19,95, ISBN 9783518424933



der Büchercheck vom 22.10.2015:



Rose Lagercrantz: Wenn es einen noch gibt
Rose Lagercrantz, geboren 1947 in Stockholm, ist eine renommierte schwedische Kinderbuchautorin. Dieses Mal hat sie ein Buch für Erwachsene geschrieben mit dem Titel: „Wenn es einen noch gibt.“

hr-iNFO Büchercheckerin Sylvia Schwab hat den Roman gelesen.
Worum geht es?
Es ist die Geschichte ihrer eigenen jüdischen Familie mit deutschen, rumänischen und ukrainischen Wurzeln. Die Autorin erzählt von Schwindel erregenden und aberwitzigen Flucht- und Überlebensgeschichten voller Mut, Schlauheit, Witz, voller Zufälle und Glück.

„Unsere Familie war kein bisschen besonders, war einer der letzten Sätze, die Tante Hilde zu mir sagte. Vergiss das nicht! Es gibt nichts von ihr zu erzählen. Oh, come on, bettelte ich. Ich suche nichts Besonderes. Ich suche nach meinen Wurzeln! My roots! Your roots? Und ich bin nicht die Einzige. Danach suchen Menschen in meiner Situation schon lange. Sie sah mich halb amüsiert, halb verärgert an. Ihr Ton konnte scharf werden: Forget about it. Die Wurzeln sind gekappt worden.“

Wie ist es geschrieben?
Sehr lebendig, anregend und auch unterhaltsam. Wir springen mit der Autorin von Schweden nach Paris, von Kanada nach Budapest. Und auch ihre Sprache ist ausgesprochen abwechslungsreich.

Wie gefällt es?
Gut! Rose Lagercrantz nennt ihr Buch einmal ein „Requiem für eine entschwundene Familie“, aber es ist kein Requiem durchweg in Moll. Die Gemütslage ist überwiegend Dur, weil sie hauptsächlich von den Überlebenden erzählt.
Ich glaube, Rose Lagercrantz hat sich mit diesem sehr persönlichen Familienportrait befreit. Befreit von den Schatten über ihrer Kindheit und von den traurigen Schicksalen ihrer Verwandten. Ich bin sehr gespannt, was sie als nächstes für Erwachsene schreiben wird.

Rose Lagercrantz: Wenn es noch einen gibt, Persona Verlag, Mannheim, Euro 17,50, ISBN 9783924652418



der Büchercheck vom 08.10.2015:



Peter Richter: „89/90“
„89/90“ von Peter Richter ist ein „Wenderoman“. Der Autor hat die Wende und die Wiedervereinigung als Jugendlicher in Dresden erlebt.

hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen. Worum geht es?
Ein jugendlicher Ich-Erzähler berichtet, was er erlebt hat. Ein erodierendes Land. Die Staatsorgane verlieren sukzessive den Respekt der Menschen. Aufruhr liegt in der Luft, Anarchie. Konsequent tauscht der Ich-Erzähler sein Begrüßungsgeld wieder in Ostmark um. Aber die Gesellschaft sortiert sich neu.

Wie ist es geschrieben?
Peter Richter schildert uns die letzten Monate der DDR im Stil einer subjektiven Dokumentation. Er erzählt episodenhaft, chronologisch, anekdotenhaft. Ein Roman mit Wurzeln im Journalismus.

„Und das? Jetzt hielt er ihm das Haschisch vor die Nase. So eine Art Wachs, sagte S. Das brauche ich zum Zukleben. Hm. Der Polizist blieb skeptisch. Schließlich stopfte er die Sachen zurück. Krank, der Westen. Bei uns gab es die Zigaretten immer schon fertig.“

Wie gefällt es?
Die Perspektive des endpubertierenden Jugendlichen, die ironische Erzählhaltung, die Liebe zum Detail und zur Pointe, der unerschöpflich blubbernde Erzählfluss – das alles macht diesen Roman für mich sehr lesenswert. Ich habe viel gelernt und wurde prächtig unterhalten.

Peter Richter: „89/90“, Luchterhand Verlag, 19,99 Euro, ISBN 9783630874623



der Büchercheck vom 01.10.2015:



Thomas Brussig: Das gibt’s in keinem Russenfilm
Übermorgen feiern wir 25 Jahre Deutsche Einheit. Aber was wäre gewesen, wenn die DDR weiter existiert hätte? Antworten darauf hat sich der Schriftsteller Thomas Brussig ausgedacht.

hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.
Worum geht es?
Für etwas völlig unglaubliches gab es im Osten die Redewendung „Das gibt´s in keinem Russenfilm“. Für Thomas Brussig ist diese Wendung Titel und Programm für einen kontrafaktischen Roman. Die DDR existiert weiter. Honecker stirbt irgendwann, Krenz folgt ihm, später Gysi. Sarah Wagenknecht wird Nachrichtensprecherin im Fernsehen, Wolfgang Thierse Verleger und Oskar Lafontaine Bundeskanzler. Brussig haut auf knapp
400 Seiten einen satirischen Knaller nach dem anderen raus. Zum Beispiel, wenn er die Literatenszene vom Prenzlauer Berg beschreibt:

„Das große Wohnzimmer war so verqualmt, dass ich kaum bis zur gegenüberliegenden Wand sehen konnte. Auf einem abgewetzten Sofa saß ein Dichter, der einen etwa gullideckelschweren Prachtband liebevoll durchblätterte. Neben ihm und auf der Sofalehne saßen zwei Frauen, die bewundernd seinen Erläuterungen folgten. Ich schlug mich zu ihm durch und schaute ihm über die Schulter. Er zeigte auf Graphiken von Tieren, einem Igel, einer Gans, einem Tukan, und streichelte ein kryptisches Gedicht. Jedes Wort berührte er, als wäre es in Blindenschrift geschrieben.“

Wie ist es geschrieben?
Thomas Brussig erzählt einfallsreich und chronologisch an den erfundenen Ereignissen entlang. Ironie und Sarkasmus sind die Stilmittel der guten Passagen, manchmal reicht ihm aber auch ein platterer Witz. Das macht das Buch sehr leicht lesbar, manchmal aber auch geschwätzig.

Wie gefällt es?
Es macht einfach Spaß, wie Brussig sich über die Historie hinwegsetzt. Das ist frech und erfrischend, in vielen Fällen vermutlich angemessen. Aber die Realität in der DDR war nun mal nicht so lustig. Das könnte man beim Lesen fast vergessen. Also, ein witziges Unterhaltungsbuch, von dem man aber keine neuen Erkenntnisse erwarten sollte.

Thomas Brussig: Das gibt’s in keinem Russenfilm, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, Euro 19,99, ISBN 9783100022981


der Büchercheck vom 24.09.2015:



Oliver Bottini: Im weißen Kreis
Besteht die Gefahr, dass eine Terrororganisation ähnlich der Mördergruppe des Nationalsozialistischen Untergrundes erneut in Deutschland tätig sein könnte? Das ist der Hintergrund des neuen Kriminalromans von Oliver Bottini.

hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Roman gelesen.
Worum geht es?
Freiburg im April 2006. Kriminalkommissarin Louise Boni erhält den Hinweis, dass ein Mann zwei Waffen bei russischen Kriminellen in Baden-Baden gekauft hat. Die einzige Spur führt die Polizei zu einem Neonazi, einem Mitglied der Brigade Südwest. Ein rechtsextremistischer Anschlag muss auf alle Fälle verhindert werden. Und dann berichtet eine Zeitung, ein Afrikaner, Ludwig Kabangu, ein alter Mann, sei nach Freiburg gereist, um die sterblichen Überreste eines vor langer Zeit gestorbenen Verwandten zurückzufordern.

Wie ist es geschrieben?
Oliver Bottini schreibt dicht, konzentriert, faktenreich und mit einem besonderen Gespür für die Personen, ihre Stimmungen, ihre Hintergründe und Befindlichkeiten.

„Ein Lächeln, eine gemurmelte Entschuldigung, dann stand sie auf und verschwand im Café. Zwei Eingänge, dachte Louise. Zwei Ausgänge. Sie erstarrte, die Muskeln wie gelähmt, die Hände eiskalt. Gerd, rief sie und zog die Waffe aus dem Holster. Bevor Gerd reagieren konnte, wurde sein Oberkörper nach vorne gestoßen, kam auf dem Tisch auf, Blut quoll seitlich aus seinem Hals, dann platzte Blut in einer Fontäne aus seinem unteren Rücken, wieder hatte Louise keinen Schuss gehört. Kabangu stieß einen Schrei aus, eher ein Laut der Überraschung als der Furcht.“

Wie gefällt es?
„Im weißen Kreis“ von Oliver Bottini ist ein starker Krimi. Die Parallelen zu den Morden des NSU und die exzellenten Personenzeichnungen erklären mögliche Motive und die Gedankenwelt der Neonazis. Die Verstrickung von Polizei und Verfassungsschutz, die hier geschildert wird, scheint plausibel, und gerade diese Nähe zur Realität hat mich oft beklommen gemacht.

Oliver Bottini: Im weißen Kreis, Dumont Verlag , Köln, Euro 14,99, ISBN 9783832196998


der Büchercheck vom 17.09.2015:




Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe
Die russisch-stämmige Schriftstellerin Alina Bronsky hat vor allem mit Jugendromanen Erfolg gehabt. Ihr neues Buch aber handelt von einer alten Frau, das nämlich heißt Baba auf Russisch.
hr-iNFO Büchercheckerin Tanja Küchle hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Tschernobyl 1986. Das Reaktorunglück lässt die Welt den Atem anhalten. Jahre später kehren einige alte Frauen in die völlig verlassene ehemalige Todeszone um Tschernobyl zurück. Von ihnen hat sich Alina Bronsky für ihren Roman inspirieren lassen. Baba Dunjas letzte Liebe, das ist das freie, unabhängige Leben, in dem es in erster Linie schlicht um’s Überleben geht. Eines Tages taucht in Tschernowo ein junger Mann auf mit seiner kleinen Tochter.

Wie ist es geschrieben?
Wir folgen Baba Dunjas Perspektive in der Ich-Form und im Präsens. Sie ist die Hauptfigur: stark, resolut und gleichzeitig gebrochen, aber zum Glück auch mit trockenem Humor gesegnet.

„Petrow ist durchkrebst von Kopf bis Fuß. Seine Haut ist durchsichtig, dass ich mich frage, ob er nicht vielleicht inzwischen doch ein Geist ist. Du musst was essen, sage ich. Sonst hast Du keine Kraft mehr. Er schnuppert am Teller: Der alte Hahn deiner fetten Freundin? Ich finde, dass er den Mund ganz schön voll nimmt, dafür, dass er so durchsichtig ist.“

Wie gefällt es?
Alina Bronsky entwirft ein glaubwürdiges Porträt einer „Welt von gestern“ im Heute. Doch ihr Endzeit-Märchen bleibt pittoresk. Was es wirklich bedeutet, als eine der wenigen Rückkehrer in einer atomar verseuchten Todeszone zu leben, das wird nicht deutlich.

Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe, Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln,Euro 16,00, ISBN 9783462048025


der Büchercheck vom 10.09.2015:




Nora Bossong, 36,9°
Nora Bossong setzt sich besonders mit dem Thema von Macht und Machstrukturen in der Gesellschaft auseinander. In ihrem neusten Roman "36,9°" befasst sie sich mit einem italienischen Theoretiker der Macht: Antonio Gramsci. Alf Mentzer hat den Roman für uns gelesen.

Worum geht es?
Dieser Roman erzählt zwei Geschichten, auf zwei historischen Ebenen:

Da ist einmal die Geschichte des kleinwüchsigen, aber umso intelligenteren Antonio Gramsci, eines Säulenheiligen der italienischen Linken, eines legendären Marxisten, der in den 1920er Jahren den kommunistischen Widerstand gegen Mussolini anführt, und diesen Widerstand mit Gefängnis und schließlich dem Tod bezahlt.

Und da ist die Geschichte von Anton Stöver, einem gescheiterten Göttinger Wissenschaftler, der zu Beginn des 21. Jahrhunderts nach Rom reist, um ein verschollenes Gefängnistagebuch Gramscis zu finden.

Die Geschichte dieser beiden Männer ist verbunden durch das Thema der Liebe - was sich erst einmal einigermaßen kitschig anhört, aber von Nora Bossong äußerst raffiniert und komplex gestaltet wird; denn die Liebe ist das, was den Intellektuellen Gramsci Anfang der 20er Jahre an der Allgemeingültigkeit seiner kommunistischen Vision zweifeln lässt. Anton Stöver, ein selbstbezogener Westentaschencasanova, weiß vor lauter Leidenschaften gar nicht mehr, was gesellschaftliches Engagement bedeuten kann. Über die Jahrzehnte hinweg spiegelt Nora Bossong diese beiden Charaktere - und das macht den Roman so spannend.
Wie ist es geschrieben?
Eindringlich, wenn es um die Karriere und das Schicksal Antonio Gramscis geht. Sein Kampf gegen den Faschismus, sein Ringen um einen menschlichen Kommunismus sind packend erzählt und mit viel Sensibilität gestaltet.

Sein modernes Alter Ego ist dagegen weniger differenziert gestaltet - Anton Stöver ist ein Narzisst und Macho, dem man eigentlich gönnt, dass seine Liebesbeziehungen genauso scheitern wie seine wissenschaftliche Karriere. Das ist oft ein bisschen klischeehaft - gleichzeitig aber auch immer wieder für witzige Passagen gut - wenn etwa erzählt wird, wie dieser Sohn einer überzeugten Bremer Marxistin zu seinem Namen gekommen ist:
"Ob aus Rache oder aus plötzlich doch aufbrechender Mutterliebe, Ilsa schreckte nicht davor zurück, mich, als alles überstanden war, nach Antonio Gramsci zu benennen. Tonio, immerhin, verbat ihr mein Vater: „Tonio Stöver! Ich bitte dich! Nenn ihn doch gleich Thomas Mann!“ Sie hatte sich von ihm nie viel sagen lassen, aber durchgesetzt hatte er sich am Ende doch, und so wurde aus mir Anton. Anton Stöver."

Wie gefällt es?
Mir hat's gefallen, mich hat dieser Roman gepackt - und das vor allem durch die tragische Figur des Antonio Gramsci, eines Intellektuellen, der feststellen muss, dass Intellekt nicht alles ist. Der Roman endet mit einem Dilemma, das da lautet: Mit Liebe ist eigentlich kein Staat zu machen, aber ein Staat, in dem die Liebe keinen Platz hat, wäre nicht zu ertragen. Darüber kann man lange nachdenken.

"36,9°" von Nora Bossong, 320 Seiten, 19,90 Euro, Hanser Verlag, ISBN 978-3-446-24898-4


der Büchercheck vom 03.09.2015:




Britta Bolt: "Das Büro der einsamen Toten" 
In Amsterdam arbeitet Pieter Posthumus im "Büro der einsamen Toten". In diesem Büro kümmert man sich um Tote, die keiner vermisst, man forscht in den Hinterlassenschaften nach Angehörigen und Freunden. Und am Ende richtet man den Toten ein würdiges Begräbnis.  

hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Roman gelesen. 
Worum geht es?
Die Leiche eines jungen Mannes ist mitten in Amsterdam in der Prinsengracht ans Ufer geschwemmt worden. Da es keine eindeutigen Anzeichen für einen Mord gibt, stuft die Polizei das Unglück als Unfall ein. Pieter Posthumus, Mitarbeiter des Büros der einsamen Toten, bekommt den Fall auf seinen Schreibtisch. Er ist niemand, der sich mit schnellen Antworten zufrieden gibt. Er recherchiert mit Hingabe und Mitgefühl, oft gegen die Anweisungen seiner Vorgesetzten. Und nun stellt sich heraus, dass der junge Mann ein marokkanischer Emigrant war, der Kontakte zu einer Gruppe junger Muslime hatte, die vom Staatsschutz beobachtet wird. Pieter Posthumus will wissen, warum der Mann sterben musste, und er lässt auch nicht locker, als er selbst angegriffen wird.

Britta Bolt ist das Pseudonym eines Autorenduos: des Schriftstellers und Dramatikers Rodney Bolt aus Südafrika und der deutschen Anwältin und Professorin Britta Böhler. Beide leben seit Jahren in Amsterdam – und die Zuneigung zu ihrer neuen Heimat durchzieht dieses Buch, ohne in Heimatkitsch auszuarten. Mit Pieter Posthumus haben die beiden eine feinsinnige und empathische Figur geschaffen, einen Mann, der nicht offiziell ermittelt wie die Polizei, aber dennoch alles daran setzt, das Schicksal hinter dem Tod eines Menschen herauszufinden. Unterstützt wird er dabei von seiner Nichte. Die beiden haben eine nicht unproblematische Geschichte. Und dann gibt es noch Lisette Lammers vom Staatsschutz, die eine Gruppe junger Muslime mit möglicherweise terroristischen Absichten im Blick hat. In ihrem Team gibt es Spannungen, sie wird von ihrem Chef unter Druck gesetzt – all diese Konflikte werden von Britta Bolt mit großen Einfühlungsvermögen und in schnörkelloser Sprache in einen spannenden Krimi umgesetzt. Das ist emotional, politisch, engagiert. Und alles fängt mit einer Leiche in der Prinsengracht an:

Zitat S. 131:
Eine Straßenlaterne war kaputt. Amir ging schneller. Hinter ihm näherte sich ein nächtlicher Jogger. Amir wich auf den Grasstreifen aus, um ihn vorbeizulassen, wandte sich zu ihm und wollte einen Gruß nicken.
"Du…", sagte er.
Die Schwärze und der Schmerz trafen ihn gleichzeitig. Sein Körper bebte, als der Elektroschock hindurchjagte, krümmte sich und fiel in den Kanal. Eine Straßenbahn, die über die Brücke donnerte, übertönte jedes Geräusch, das dabei vielleicht zu hören gewesen wäre.


Wie gefällt es?
"Das Büro der einsamen Toten" ist ein eher leiser Krimi. Nachdenklich, hintergründig. Auf der einen Seite ist da der fast altmodisch wirkende Pieter Posthumus, der sich dem schnellen Lauf der Welt widersetzt. Auf der anderen Seite werden die aktuellen Probleme der zweiten Generation eingewanderter Muslime und gleichzeitig die zum Teil irrationale Angst der niederländischen Gesellschaft vor Terror aufgezeigt. Das ist eine wunderbare Mischung, die mich gefesselt hat - nicht zu vergessen die feine Zeichnung der Charaktere. Ich freue mich schon auf die nächsten Fälle für Pieter Posthumus.

"Das Büro der einsamen Toten" von Britta Bolt, Hoffmann und Campe, 20,00 Euro, 384 Seiten, ISBN: 9783455405286


der Büchercheck vom 27.08.2015:


Andrea De Carlo, "Villa Metaphora"

Unter den zeitgenössischen Schriftstellern Italiens zählt Andrea De Carlo zu den bekanntesten. Sein 17. Roman "Villa Metaphora" handelt von einer Handvoll reicher Menschen in einem Luxusresort auf einer italienischen Mittelmeerinsel, die dort an ihre Grenzen kommen. 

Frank Statzner stellt das Buch vor.
Worum geht es?
Tari heißt die kleine Vulkaninsel im Mittelmeer, fast schon in Afrika. Eine Seite der Insel gilt aufgrund des harschen Klimas als unbewohnbar. Aber ein Haus gibt es dort - die Villa Metaphora. Erbaut von einem exzentrischen Baron, hat sie ein weltweit erfolgreicher Architekt in ein Luxusresort umbauen lassen. Der ultimative Urlaubskick sozusagen - für die Superkultivierten, Superreichen, Superberühmten, die alles andere schon gesehen haben.

Am Tag der Eröffnung kommen sie: Eine vulgäre Filmdiva aus den USA mit ihrem Noch-Ehemann, einem hochbezahlten Troubleshooter. Ein älteres Industriellenehepaar, das einst kultige Ferngläser baute. Ein skrupelloser deutscher Banker aus der europäischen Hochfinanz mit Gattin. Auch das Personal ist speziell. Ein Aussteiger, der schreinert. Ein neurotischer Molekularkoch mit hochkünstlerischen Ambitionen. Ein Bootsmann und Faktotum, der die Schauspielerin wie eine Göttin verehrt, ansonsten aber an alte Mythen glaubt. Und dann noch ein widerwärtiger und korrupter italienischer Politiker und ein russisches Oligarchenduo samt Damen. Alles in allem eine explosive Mischung, zumal sie alle ganz spezielle Probleme mitbringen auf die Insel.

Von Tag zu Tag wird die Situation albtraumartig schwieriger. Konflikte entstehen. Das Boot, das einzige Transportmittel, geht kaputt, das Wetter wird schlechter, der Strom fällt aus, die Erde bebt, der Vulkan bricht aus. Ein apokalyptisches Chaos, dass die Menschen ganz klein erscheinen lässt.

Zitat S. 1075:
Die Vibration explodiert, mit solchem Getöse, dass man es nur als erschütternden, zerrüttenden, dröhnenden akustischen Schock empfinden kann. Im selben Augenblick reißt der schwarze Himmel auf, verwandelt sich in flammend rote, orange, gelbe, weiße Glut, die aufsteigt, und in roten, orangen, gelben, weißen Streifen wieder herunterfällt, gefolgt von einem FFFZZZKKKZZZFFFFZZZZZZZZZ, das sich rundherum ausdehnt wie das Zischen einer riesigen Pfanne.

Wie ist es geschrieben?
Fast elfhundert Seiten ist "Villa Metaphora" lang. Da muss ein Autor schon eine gute Geschichte haben und sie auch gut erzählen können, um uns Leser über eine so lange Strecke nicht zu verlieren. Andrea De Carlo hat beides. Er erzählt, wie Menschen, die fast alles im Leben schon haben, die exzentrisch, arrogant, egoistisch, wenn nicht sogar narzisstisch gestört sind, auf einer kleinen Vulkaninsel in eine lebensbedrohliche Situation kommen und sich dabei mehr oder weniger verändern.

Die Villa ist ein geschlossener Ort. Ein literarisches Setting, das ermöglicht, Menschen wie in einer Laborsituation zu zeigen. Wie selbstgewiss, wie ichbezogen oder empathisch sind sie? Und was passiert, wenn sich ihre Grundsituation ändert, wenn sie in existenzielle Krisen geraten? Sieben Tage dauert die Handlung. Getrieben von den Ereignissen fließt die Erzählung ständig linear weiter, aber pro Kapitel wechselt die Perspektive zwischen den Protagonisten und damit auch die jeweilige Sprache. Die Personen gewinnen so an Kontur. Eine imaginäre Erzählerfigur sorgt für Hintergründe und Zusammenhalt.
Wie gefällt es?
Die Geschichte, die Konzeption des Romans, die direkte Sprache De Carlos – das alles hat Villa Metaphora für mich zu einer idealen Urlaubslektüre gemacht. Die Story ist so spannend und psychologisch interessant, dass sie einen Sog entwickelt. Er hat mich bis zum Schluss nicht losgelassen. De Carlo entwickelt seine Charaktere genau und liefert eine messerscharfe Milieukritik mit Witz, Ironie, Satire und einigen Kuriositäten. Große Unterhaltung und eine Ohrfeige für alle, die sich selbst zu wichtig nehmen. 

"Villa Metaphora" von Andrea De Carlo, Diogenes Verlag, 26,00 Euro, 1088 Seiten, ISBN: 9783257069389


der Büchercheck vom 20.08.2015:


Augusto Cruz: Um Mitternacht
Der mexikanische Autor Augusto Cruz orientiert sich in seinem Debüt-Roman „Um Mitternacht“ an historischen Fakten und fügt eine kräftige Prise Spuk und magischen Realismus hinzu. „Um Mitternacht“ heißt auch ein Stummfilm aus den zwanziger Jahren. Der Vampir-Klassiker gilt bis heute als verschollen.
 
hr-iNFO Büchercheckerin Tanja Küchle hat den Roman gelesen. Worum geht es?
Scott McKenzie, FBI-Agent in Rente, wurde von einem alten Sammler und Filmliebhaber beauftragt nach einem verschollenen Stummfilm zu suchen. Liegt auf dem Film ein
Fluch? Er soll seiner gesamten Besetzung zum Verhängnis geworden sein. Angeblich,
weil unter den Schauspielern echte Vampire waren. Jeder, der seither versucht hat,
 „Um Mitternacht“ zu finden, ist spurlos verschwunden. Alle Kinos, in denen der Film je gezeigt wurde, sind abgebrannt.
 
Wie ist es geschrieben?
„Um Mitternacht“ ist eine Mischung aus Roadmovie, Vampir-Thriller und "Pulp Fiction": er ist cool, hart, blutig und ziemlich witzig. Denn Cruz hat seinem Detektiv auch das Talent gegeben, das, was er sieht, humorvoll bis zynisch zu kommentieren. Dabei erfährt man als Leser nebenbei auch einiges über die mexikanische Lebensart, etwa, dass man in Mexiko gerne Fleisch mit Fleisch serviert, oder dass die Taxifahrer gerne mal ins Fenster geklemmte Plastikrohre als Klimaanlage einsetzen.
Der schnoddrige Ton trifft ab und zu auf poetische Weisheiten und südamerikanische Sehnsuchtsmotive. Und auf einen gewissen bildungsbürgerlichen Anspruch, vor allem, was die Filmgeschichte angeht.
 
 „Die Welt muss einige ihrer Geheimnisse bewahren, sagte er und nahm einen großen Schluck aus seiner Flasche. Ich hasse Kriminalromane, Mr. McKenzie, wissen Sie warum? Weil die Auflösung eines Rätsels uns zwar einige flüchtige Glücksmomente beschert, ein gehütetes Geheimnis dagegen jahrhundertelang die Neugier der Menschen beflügeln kann.“
 
Wie gefällt es?
Mir gefiel der Roman gut. „Um Mitternacht“ will keine hochtrabende Belletristik sein. Es hat etwas ähnlich Dreckiges und Anspruchsvolles wie die Filme von Quentin Tarantino. Außerdem ist der Roman eine glanzvolle Liebeserklärung an das Kino. Sprachlich ist er manchmal zu ungelenk, was an der Übersetzung liegen kann. Aber das hält mich nicht davon ab, diesen Roadmovie-Vampir-Thriller weiter zu empfehlen.
 
Augusto Cruz: Um Mitternacht, Suhrkamp Verlag, Berlin, 29,95 Euro
ISBN 9783518424773


der Büchercheck vom 13.08.2015:


Ralf Rothmann: Im Frühling sterben
Ralf Rothmann hat eine Fangemeinde in Deutschland. Wenn man den ersten Satz seines neuen Romans liest, kann man das nachvollziehen: „Das Schweigen, das tiefe Verschweigen, besonders wenn es Tote meint, ist letztlich ein Vakuum, das das Leben irgendwann von selbst mit Wahrheit füllt.“

hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.
Worum geht es?
Der Roman füllt in diesem Fall das Schweigen von Walter, einem 17jährigen Melker. Gemeinsam mit seinem Freund Fiete wird er kurz vor Kriegsende von der SS rekrutiert. Walter und Fiete müssen an die Front nach Ungarn. Walter wird als Fahrer eingesetzt, hat kaum Feindkontakt. Fiete dagegen droht als Frontsoldat verheizt zu werden. Deshalb versucht er zu fliehen. Er wird erwischt und als Deserteur zum Tod verurteilt. Ausgerechnet seine Kameraden und Walter, der sich für ihn einsetzt, sollen ihn erschießen. Walter hat keine Chance. Er muss mitmachen. Mit diesem Schuss, seinem einzigen in diesem Krieg, beginnt sein Schweigen.

Wie ist es geschrieben?
Rothmann erzählt den Roman in der Rolle von Walters Sohn. Die Verstrickung der Väter in die Schuld erhält eine neue Dimension. Nicht mehr die Abrechnung mit den Vätern steht im Mittelpunkt, sondern das Verständnis für sie. Hilfreich dabei ist die Sprachkunst Rothmanns, zum Beispiel wenn er das Schweigen des Vaters analysiert.

„Sein steter Ernst verlieh ihm trotz des krummen Rückens eine einschüchternde Autorität, und seine Schwermut bestand nicht einfach aus Überdruss am Trott der Tage oder an der Knochenarbeit, aus Ärger oder unerfüllten Träumen. Man schlug ihm nicht auf die Schulter und sagte: Komm, Walter, Kopf hoch! Es war der Ernst dessen, der Eindringlicheres gesehen hatte und mehr wusste vom Leben, als er sagen konnte, und er ahnte, selbst wenn er die Sprache dafür hätte, würde es keine Erlösung geben.“

Wie gefällt es?
Die realistische und zugleich berührende Sprache ist ästhetisch brillant. Ralf Rothmanns „Im Frühling sterben“ ist ein großes Buch. Noch lange nach dem letzten Wort wirkt es nach.

Ralf Rothmann: Im Frühling sterben, Suhrkamp Verlag, Berlin, 19,95 Euro, ISBN 9783518424759


der Büchercheck vom 06.08.2015:


Jörg Maurer: Der Tod greift nicht daneben
So heißt der neueste Krimi von Jörg Maurer. Er ist vielen bekannt als Autor witziger und fast kabarettistischer Kriminalromane, die in den Alpen spielen.

hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Roman gelesen.
Worum geht es?
Ein idyllischer Kurort in den Alpen. Bertil Carlsson, ein anerkannter Arzt, hat sich vor fünf Jahren mit seiner Frau hier niedergelassen und alles dafür getan, ein richtiger Einheimischer zu werden. Und dann ist er verschwunden. Wie sich herausstellt, hat er im Häcksler den Tod gefunden.

Wie ist es geschrieben?
Dieser Krimi quillt über vor witzigen Ideen. Da schreibt ein ehemaliges Bestatter-Ehepaar aus dem Dorf Postkarten von den Friedhöfen der Welt. Eine Birke kann sprechen. Dabei kommt der Humor nicht als plump-bayerischer Schenkelklopfer daher, sondern lakonisch, subtil und feinsinnig.

„Jennerwein nahm inzwischen Kontakt zu den rumänischen Kollegen in Bukarest auf. Es gab eine Kommissarin, die Deutsch sprach. Das Problem: Vor der Öffnung des Eisernen Vorhangs wurde so ziemlich alles unter Verschluss gehalten. Nach der Öffnung allerdings wurde so ziemlich alles unter Verschluss gehalten, was das Regime für wert gehalten hatte, unter Verschluss zu halten. Aber sie werde sich kümmern: Abgetrennte Hände?
Ganz genau. Abgetrennte Hände, Frau Kollegin.“

Wie gefällt es?
Vorgeblich humorige Krimis sind nicht so meine Sache. „Der Tod greift nicht daneben“ von Jörg Maurer hat mich allerdings mehr als überzeugt.

Jörg Maurer: Der Tod greift nicht daneben, Fischer Scherz Verlag, Frankfurt, 14,95 Euro
ISBN 9783651022348


der Büchercheck vom 30.07.2015:


Maylis de Kerangal: Die Lebenden reparieren
Maylis de Kerangal ist Ende 40. Sie hat bereits mehrere Romane geschrieben und ist mit Preisen überhäuft worden.

hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.
Worum geht es?
Der 20jährige Simon fährt mit zwei Freunden zur Küste bei Le Havre. Sie sind begeisterte Surfer, feiern das Leben. Erschöpft fahren sie in einem alten Lieferwagen nach Hause. Simon schnallt sich nicht an. Der Wagen kommt ins Schleudern, Simon prallt mit dem Schädel gegen die Windschutz-scheibe. Sein Hirn ertrinkt im Blut. Dann läuft alles ab wie in einem minutiösen Programm. Die Eltern kommen in die Klinik, entsetzt. Aber für Trauer ist keine Zeit. Fachleute in der Klinik wollen Simons Organe.

Wie ist es geschrieben?
Maylies de Kerangal ist eine großartige Erzählerin. Einerseits trägt sie nüchtern gut recherchierte medizinische und juristische Fakten zusammen. Andererseits gelingt es ihr, dem Grauen eine poetische Stimmung zu entlocken, zum Beispiel als der Pfleger Simons Leiche zunäht und wäscht.

„Es ist ein geschändeter Körper, Gehäuse, Karkasse, Haut. Und diese Haut nimmt allmählich die Farbe von Elfenbein an. Ist es die Geste des Nähens, die den Gesang des Aöden, des Rhapsoden der alten Griechen, heraufbeschwört, ist es Simons Gesicht, die Schönheit des eben erst der Meereswelle entstiegenen jungen Mannes, sein Haar, noch voll Sand und gelockt wie das der Gefährten des Odysseus, was ihn verwirrt, ist es seine kreuzförmige Narbe? Jedenfalls fängt Thomas an zu singen. Ein leiser Gesang, kaum hörbar für jemanden, der sich mit ihm im Raum befände, ein Gesang, der die zur Totenwaschung gehörenden Handgriffe untermalt, der sie begleitet und beschreibt.“

Die Konzeption des Romans ist der zweite große Kunstgriff de Kerangals. Sie erzählt die 24 Stunden multiperspektivisch. Aus der Sicht Simons, seiner Eltern, der Ärzte, Pfleger, Krankenschwestern und Organempfänger.

Wie gefällt es?
Ein beeindruckendes Buch, das seinen Lesern Kraft abverlangt, sie aber bereichert.

Maylis de Kerangal: Die Lebenden reparieren, Suhrkamp Verlag, Berlin, 19,95 Euro, ISBN 9783518424780


der Büchercheck vom 23.07.2015:


Bov Bjerg: Auerhaus
„Auerhaus“ heißt der zweite Roman des Schriftstellers und Kabarettisten Bov Bjerg, ein Roman über eine Abiturienten-WG auf dem Dorf.

hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen. Worum geht es?
Der Titel dieses Romans „Auerhaus“, ist eigentlich ein Missverständnis. „Our House“, ein Song der britischen Band „Madness“, der ständig aus dem Kassettenrecorder der vier Jugendlichen dröhnt, die irgendwann in den 80er Jahren, irgendwo auf der schwäbischen Alb ein leer stehendes Haus beziehen. Als dann einer der Nachbarn, der kein Englisch kann, vorbeikommt und analog zum Auerochsen nur Auerhaus versteht, da hat die WG ihren Namen, und dieser Roman sein Leitmotiv. Und auch wenn das Ganze nicht wirklich gut ausgeht, so ist es doch ein kurzer und intensiver Triumph von Freiheit und Anarchie über die lähmende Angepasstheit, die überall lauert.

Wie ist es geschrieben?
„Auerhaus“ ist witzig, ohne albern zu werden.

„Seltsam waren die anderen in der Klasse. Die, für die alles weiterging wie immer. Hätte man sie vor einer Klausur gefragt: Wozu lebst Du eigentlich?, hätten sie geantwortet: Das kommt nicht dran, das müssen wir nicht wissen.“

Das Zitat bringt den Stil dieses Buches auf den Punkt. Bei allem Humor nimmt dieser Roman seine Figuren doch ernst. Bov Bjerg hat viel Sinn für absurde Komik und noch mehr Sympathie für seine jugendlichen Helden. Das liest sich gut, das ist unterhaltsam, aber nie ohne existentielle Bodenhaftung.

Wie gefällt es?
„Auerhaus“ ist einer dieser wunderbaren Romane, die das Gefühl einer bestimmten Lebensphase auf den Punkt bringen. Als jemand, der selbst in den 80er Jahren die Schule beendet hat, habe ich etliches wiedererkannt und noch mehr zum ersten Mal begriffen. Es gibt nicht viele solcher hellsichtigen Bücher.

Bov Bjerg: „Auerhaus“, Blumenbar Verlag, Berlin, 18,00 Euro, ISBN 9783351050238


 

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